Gutachten zur Erweiterung des Prozessschutzes soll 2022 erstellt werden

Holzeinschlag bei älteren Eichen im Selbolder Kommunalwald ausgesetzt

Das „Bocksgehörn“ zählt zu den Bereichen des Selbolder Walds, für die bereits ein Nutzungsverzicht gilt. Grüne und SPD würden die Prozessschutzflächen gerne erweitern. Dafür soll nun ein Gutachten erstellt werden. Archivfoto: AXEL HÄSLER
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Das „Bocksgehörn“ zählt zu den Bereichen des Selbolder Walds, für die bereits ein Nutzungsverzicht gilt. Grüne und SPD würden die Prozessschutzflächen gerne erweitern. Dafür soll nun ein Gutachten erstellt werden.

Es kommt in der Selbolder Kommunalpolitik nicht so häufig vor, dass in einem der Ausschüsse ein Antrag abschließend entschieden wird. In der Regel stimmen die Mitglieder in den drei Gremien darüber ab, ob sie dem Stadtparlament die jeweilige Beschlussvorlage zur Annahme oder zur Ablehnung empfehlen. Dabei wären die Ausschüsse befugt, über viele Anträge selbst zu entscheiden.

Langenselbold – Dennoch bildet der Vorgang vom vergangenen Dienstag im Rahmen der Sitzung des Planungs-, Bau- und Umweltausschusses (PBUA) eher die Ausnahme als die Regel. Denn im Normalfall wird in der Gründaustadt auf der „größeren Bühne“ des Stadtparlaments entschieden. Im Fall des Antrags der Grünen, den Holzeinschlag im Selbolder Wald „ab sofort für ein Jahr auszusetzen“, beschloss die Stadtverordnetenversammlung aber nicht nur, den Antrag zur weiteren Beratung in den PBUA zu verweisen, sondern ihn dort auch gleich zu entscheiden.

Zusammen mit dem Ursprungsantrag der Grünen wurde auch der konkurrierende Hauptantrag der CDU in den Ausschuss verwiesen, der unter anderem beinhaltet, dass keine weiteren Einschränkungen für den Holzeinschlag eingeführt und die Prozessschutzflächen im Selbolder Wald nicht erweitert werden sollen.

Neuer Antrag von SPD und Grünen angenommen

Beschlossen wurde am Ende jedoch ein zur Ausschusssitzung eingebrachter konkurrierender Hauptantrag der rot-grünen Koalition. Dieser sieht vor, dass die Stadt Langenselbold den Holzeinschlag von Eichen im Alter von über 100 Jahren im Kommunalwald ab sofort für ein Jahr aussetzt. Davon ausgenommen sind die Waldflächen auf dem Buchberg (dort gibt es keine für den Holzhandel relevanten Eichen) sowie notwendige Verkehrssicherungsmaßnahmen.

Nichts geändert hat sich am Ansinnen von Grünen und jetzt auch SPD, weitere Waldflächen unter Prozessschutz zu stellen. Dafür soll im Laufe des Jahres 2022 ein entsprechendes Gutachten erstellt werden. Um nun zu verhindern, dass vor dieser Begutachtung bereits Maßnahmen (sprich Baumfällungen) getroffen werden, „die einem späteren Nutzungsverzicht entgegenwirken“, sollte der Holzeinschlag der über 100 Jahre alten Eichen ausgesetzt werden.

Ausführlicher Vortrag von Forstwissenschaftler Bertram

Dazu wird es nun auch kommen. Denn der Ausschuss stimmte nach eingehenden Beratungen, dem Vortrag des Forstwissenschaftlers Dr. Martin Bertram und den Ausführungen von Revierförster Hans-Holger Rittershauß dem neuen Antrag von SPD und Grünen mit 6:1 Stimmen zu. Die Gegenstimme kam von FDP-Ausschussmitglied Rainer Lamprecht, während Oliver Schmidt von den Freien Wählern (FW) mit den Vertretern von SPD und Grünen für die Annahme votierte. Die beiden CDU-Ausschussmitglieder Florian Gibbe und John Philipp Prinz von Isenburg enthielten sich.

Zuvor war ihr konkurrierender Hauptantrag von SPD, Grünen und FW abgelehnt worden. Neben den beiden Christdemokraten hatte nur FDP-Mann Lamprecht dafür votiert.

Zum Hintergrund der jetzt erfolgten Ausschussentscheidung muss man wissen, dass CDU, FDP und auch SPD noch Anfang 2021 – bei Enthaltung der FW – gegen einen Antrag der Grünen votiert hatten, die Fläche des Selbolder Walds, die unter Nutzungsverzicht (Prozessschutz) steht, von 6,6 auf zehn Prozent zu erweitern. Vorausgegangen waren Beratungen im damaligen Umwelt-, Energie- und Landwirtschaftsausschuss, bei denen sich Revierförster Rittershauß noch eindeutig gegen das Ansinnen der Grünen aussprach.

Revierförster Rittershauß bewertet Waldbegehung positiv

In der Zwischenzeit haben sich nicht nur die politischen Mehrheitsverhältnisse in der Gründaustadt geändert, sondern fand auch eine gemeinsame Waldbegehung von Rittershauß und Forstwissenschaftler Bertram statt. Über diese berichtete Letzterer auch ausführlich in der Sitzung am Dienstagabend und machte dabei mit Nachdruck deutlich, wie wichtig die Eiche für Langenselbold ist, denn die Gründaustadt liege im natürlichen Wuchsgebiet dieser Baumart, die für die Artenvielfalt von großer Bedeutung sei.

Im Zusammenhang mit dem Klimawandel warb Bertram eindringlich für einen Paradigmenwechsel. „So muss die Waldrettung Priorität vor der Holznutzung haben“, so der Forstwissenschaftler. Dieser betonte in seinem Vortrag auch, dass die Nachhaltigkeit „einen Einschlagstopp in der Eiche und eine Aussetzung der Endnutzung“ gebiete.

Revierförster Rittershauß empfand die gemeinsame Waldbegehung mit Bertram als „sehr fruchtbar und hochinteressant“, auch wenn man nicht überall einer Meinung gewesen sei. Er wies allerdings die Ansicht zurück, dass Förster keine alten Bäume stehen ließen.

Bollé verweist auf Biodiversität und Artenvielfalt

Ausschussvorsitzender Stefan Bollé (Grüne) betonte derweil mehrfach, dass die SPD und seine Partei im Koalitionsvertrag vereinbart haben, weitere Waldflächen in Selbold der Bewirtschaftung zu entziehen, um mit zusätzlichem „Naturwald“ Biodiversität und Artenschutz zu erhöhen.

Von Lars-Erik Gerth

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