Selbolder Mütter stellen Kinderschuhe vors Rathaus

Mit Aktion fordern Eltern auch Präsenzunterricht für alle Schüler nach Osterferien

Einige Langenselbolder Mütter stellten die mitgebrachten Kinderschuhe und Transparente am Donnerstagabend auf die Stufen des Rathauses.
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Einige Langenselbolder Mütter stellten die mitgebrachten Kinderschuhe und Transparente am Donnerstagabend auf die Stufen des Rathauses.

Sie wollten mit ihrer spontanen Protestaktion auf „die verzweifelte Lage von Kindern und Jugendlichen“ in der Corona-Pandemie aufmerksam machen. So begründet die Selbolderin Heike Tabeling die Schuhaktion auf den Stufen vor dem Rathaus der Gründaustadt. Dort hatten sie und weitere Mütter am Donnerstagabend gegen 20.30 Uhr rund 70 Paar ausrangierte Kinderschuhe platziert.

Langenselbold – Außerdem stellten sie dort einige Transparente auf. Auf diesen war unter anderem Folgendes zu lesen: „Denkt doch bitte auch an uns, Kinder haben auch Rechte“, „Kinder brauchen soziale Kontakte“ oder „Isolation macht Kinder auch krank . . . ganz ohne Covid-19“.

Initiatorin distanziert sich vor Corona-Leugnern und „Querdenkern“

Im Gespräch mit der LZ stellte Heike Tabeling ausdrücklich klar, dass es ihr und den anderen Müttern fern liege, das Infektionsgeschehen zu leugnen. „Wir fordern jedoch eine differenziertere Betrachtung der Pandemielage, um insbesondere den Alltag von Kindern und Jugendlichen wieder deutlich normaler – also mit Schulbesuch und Vereinssport – zu gestalten“, erläuterte die Langenselbolderin die Hintergründe der Aktion.

Nicht bekannt gewesen sei ihr, so Tabeling, dass einige jener Gruppen, die in den Sozialen Medien bundesweit zu Kinderschuh-Aktionen aufrufen, der „Querdenker“-Szene zugerechnet werden. Darüber hatte in der vergangenen Woche unter anderem der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) berichtet.

Mit Schuhen und Transparenten auf den Rathausstufen machten Mütter auf die Folgen der Corona-Einschränkungen für Kinder und Jugendliche aufmerksam.

„Wir sind keine Corona-Leugner, sondern sorgen uns um die Gesundheit und das Wohlergehen unserer Kinder. Wir mussten im vergangenen Jahr während der Pandemie leider feststellen, dass Kinder keine Lobby haben“, blickt Tabeling enttäuscht auf die letzten Monate zurück. Gemeinsam mit einer anderen Selbolder Mutter hat sie auch einen Brief unter dem Titel „Kinder haben keine Lobby“ verfasst, dessen Adressaten Landrat Thorsten Stolz und Bürgermeister Timo Greuel sind.

In diesem Schreiben stellen die Mütter unter anderem die Frage, welche Maßnahmen im Hinblick auf Schulöffnungen nach den Osterferien geplant seien. Als Stichworte nennen sie selbst dabei „Impfplan für Erzieher und Lehrkräfte, Luftfilter in Klassenräumen, sichere Schulwege durch Busse“.

Corona-Maßnahmen sollen „besser und eindeutiger“ begründet werden

Auch wollen sie von Stadt und Kreis wissen, ob das aktuelle Infektionsgeschehen ausgelöst durch Covid-19 insbesondere die Einschränkungen für Kinder und Jugendliche rechtfertige. Heike Tabeling und ihre Mitstreiterinnen fordern auch, dass die Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung „besser und eindeutiger“ begründet werden müssten. „Ansteckung und Tod einerseits zu vermeiden, darf nicht bedeuten, den Alltag von gesunden, lebensbejahenden Menschen so sehr einzuschränken, dass der Schulbesuch, Vereinssport oder das Treffen mit Freunden nicht mehr selbstverständlich sind, sondern als potenziell lebensbedrohlich und als große gesundheitliche Gefahr dargestellt werden“, heißt es ebenfalls in dem Schreiben.

Ihnen sei jedoch klar, „dass der Pandemieverlauf unberechenbar sein kann“. Es liege ihnen, so die Selbolder Eltern, fern, „Mitmenschen absichtlich zu gefährden oder Dritte einem Infektionsrisiko auszusetzen“. Schulöffnungen könnten auch nur gemeinsam gelingen, sprich mit den Schulen, der Lehrerschaft „und vor allem auch mit mental gesunden Kindern“. So fordern Tabeling und ihre Mitstreiter „einen verbindlichen, effektiven und sicheren Öffnungsplan für alle Kindergärten, Kitas und Schulen; und für alle Jahrgänge mit Präsenzunterricht nach den Osterferien“. Und dies „natürlich unter Berücksichtigung des aktuellen Infektionsgeschehens“.

Bereits im Vorhinein Kenntnis von der Schuhaktion am Donnerstagabend hatte das städtische Ordnungsamt, wie dessen Leiter Michael Juracka auf unsere Nachfrage hin erklärte. „In verschiedenen WhatsApp-Gruppen ist über diese Art der Aktion diskutiert und sie auch geplant worden“, so der Ordnungsamtsleiter. Da unklar gewesen sei, ob auch eine – in diesem Fall – unangemeldete Versammlung oder Demonstration stattfinden könnte, habe er, so Juracka, die für Selbold zuständige Polizeistation Hanau II informiert. Sie sollte die Situation am Donnerstag im Auge behalten. Wie ein Polizeisprecher gestern auf Nachfrage berichtete, konnten die Beamten vor Ort keine besonderen Vorkommnisse feststellen.

Greuel: Pandemie kann nur gemeinsam gemeistert werden

Bürgermeister Timo Greuel kann derweil die Sorgen der Mütter nachvollziehen, weist aber im Gespräch mit unserer Zeitung darauf hin, dass die Corona-Lage weiterhin sehr ernst sei und man diese auch nur gemeinsam bewältigen könne. Die Kinderschuhe, die gestern Morgen zunächst noch vor dem Rathaus standen, wurden später zur Seite geräumt. Was mit ihnen geschehen soll, werde laut Greuel noch geklärt.

Folgen für die Initiatorinnen der Aktion werde es nicht geben, erklärte Ordnungsamtsleiter Juracka. Er wies allerdings auch darauf hin, dass die „Langenselbolder Stadtverwaltung als Adressat für diese Arten der Corona-Protestaktionen der falsche Ansprechpartner“ sei.

Von Lars-Erik Gerth und Andreas Ziegert

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