Selbolds Wasserturm harrt Wiederentdeckung

Über Bauwerk in der Nähe des Weinbergs lief einst die Frankfurter Wasserversorgung

Der Wasserturm unweit des Wingertskippels ist selbst aus der Nähe kaum auszumachen und harrt seiner Wiederentdeckung durch die Selbolder Bevölkerung.
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Der Wasserturm unweit des Wingertskippels ist selbst aus der Nähe kaum auszumachen und harrt seiner Wiederentdeckung durch die Selbolder Bevölkerung.

Vom Naturfreundehaus auf dem Wingertskippel ist er nicht auszumachen. Und selbst wenn man den Weg in östliche Richtung beschreitet, der einst Teil der Handelsstraße zwischen Frankfurt und Leipzig gewesen ist, fällt dem Spaziergänger der 1872 errichtete Wasserturm erst auf, wenn er direkt an dem eingezäunten Areal angelangt ist. Durchaus ein wenig verwunschen erscheint dieses Grundstück unweit der Abtshecke und mitten im Wald.

Langenselbold – Dominiert wird das Areal von dem Bauwerk, das einst eine wichtige Bedeutung für die Wasserversorgung der Metropole westlich von Selbold hatte. Darüber informieren bei einem Ortstermin Dr. Manfred Keil, Ruben Hausmann und Helmut Urban vom Verein für Geschichte und Heimatkunde sowie Silvia Schwanzer, deren Familie das Nachbargrundstück gehört. „Der Wasserturm, aber ebenso der gesamte Bereich, der den Namen Am Galgenküppel trägt, haben eine interessante Geschichte. Und diese würden wir gerne einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen“, erläutert Keil die Hintergründe der Zusammenkunft mit den Pressevertretern an diesem sonnigen Märznachmittag.

Der Vorsitzende des Selbolder Geschichtsvereins bezieht sich bei seinen Ausführungen auch auf den Lokalhistoriker Wilhelm Völker, der einiges über die frühere Gerichtsstätte in Erfahrung gebracht hat, auf die heute nichts mehr hinweist.

Langenselbold wurde bereits 1566 als Hochgericht erwähnt

Laut Völkers Nachforschungen wurde Langenselbold bereits im Jahr 1566 als sogenanntes Hochgericht erwähnt. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts sollen in der Nähe der Abtshecke sogar noch die Mauern des Galgens gestanden haben. Nicht zuletzt hat sich bis heute die Flurbezeichnung „Am Galgenküppel“ gehalten.

Und eines dieser dort befindlichen Grundstücke hat die damalige Gemeinde Langenselbold 1872 an die Stadt Frankfurt am Main verkauft. Sie errichtete einen Wasserturm, der in den folgenden Jahrzehnten eine wichtige Funktion für die Versorgung mit Quellwasser hatte, das aus dem Vogelsberg und der Rhön in die Mainmetropole geleitet wurde. In dem Turm wurde die offiziell als „Frankfurter Quellwasser Leitung“ (FQL) bezeichnete Leitung entlüftet.

Blick durch ein Mauerloch in das Innere des Wasserturms, der 1872 erbaut wurde und über den einst die Versorgung der Frankfurter mit Quellwasser lief.

Als „Wasserleitungsaufseher“ war damals der Langenselbolder Friedrich Dreßler tätig. Und diesem gehörte zu jener Zeit das östlich des Wasserturms befindliche Grundstück, das später in den Besitz der Familie Lehr überging, aus der auch Silvia Schwanzer stammt.

In das Innere des Wasserturms darf man schon seit Jahrzehnten nicht mehr, da die Treppe baufällig ist. Vor der zugeschweißten Tür stehen mehrere Abfalltonnen. Auch schon bessere Zeiten haben die Info-Tafeln gesehen, welche die Stadt Langenselbold für eine Art Naturlehrpfad auf dem Areal errichtet hat, nachdem dieses in den 1990er Jahren wieder in ihren Besitz gekommen war. Damals konnten Familien das Gelände beispielsweise für Kindergeburtstagsfeiern mieten.

Vor Corona besuchten Kita- und Schulgruppen den dort eingerichteten Lernort Natur

Vor Ausbruch der Corona-Pandemie besuchten zuletzt immer wieder Schulklassen und Kita-Gruppen den naturnahen Lernort. Nach Vandalismusvorfällen in der Vergangenheit hatten sich die Verantwortlichen der Stadt allerdings dazu entschlossen, den Zugang nur nach Voranmeldung zu ermöglichen.

Der Besuch durch Kita- und Schulgruppen soll übrigens nach LZ-Informationen in einigen Monaten wieder möglich und auch die verwitterten Info-Tafeln bald durch neue ersetzt sein. Ein neues Insektenhotel und Sitzgelegenheiten in Wildschweinform deuten ebenso darauf hin, dass das Gelände um den alten Wasserturm demnächst wieder als Lernort in der Natur genutzt werden soll. Dr. Keil und seine Mitstreiter hoffen derweil, dass nun bei manchen Langenselboldern das Interesse geweckt ist, sich näher mit den geschichtlichen Hintergründen rund um Wasserturm und Galgenstätte zu befassen.

Von Lars-Erik Gerth

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