Weitere Selbolder Hausarztpraxis schließt

Suche des Ärzte-Ehepaars Krampe nach Nachfolgern bleibt erfolglos

Die Zeichen stehen auf Abschied: Dr. Christiane Krampe-Lohrey und Dr. Andreas Krampe werden ihre Gemeinschaftspraxis am Steinweg nach 42 Jahren schließen.
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Die Zeichen stehen auf Abschied: Dr. Christiane Krampe-Lohrey und Dr. Andreas Krampe werden ihre Gemeinschaftspraxis am Steinweg nach 42 Jahren schließen.

Mittwochnachmittag in der Praxis von Dr. Andreas Krampe und Dr. Christiane Krampe-Lohrey. Der Arzt persönlich schließt die massive Holztür auf. Der Empfang verwaist, die Kleiderbügel baumeln lose an der Garderobe, kein Patient ist im Wartezimmer. Bald wird es in den Praxisräumen im Steinweg 13 so still bleiben, denn die Allgemeinmediziner gehen nach über 42 Jahren als niedergelassene Fachärzte für Allgemeinmedizin in den Ruhestand.

Langenselbold – Ein besonderer Einschnitt – vor allem, wenn man bedenkt, dass bereits im Juni 2019 die gemeinschaftliche Hausarztpraxis von Dr. Willi Heinrich und Dr. Volker Janssen ihre Pforten für immer schloss. Auch diese beiden Allegemeinmediziner behandelten ihre Patienten im Steinweg 13.

„Wir suchen seit zehn Jahren vergeblich einen Nachfolger für diese Räume, haben zeitweise professionelle Vermittler eingeschaltet. Alle Interessenten haben abgesagt oder sich gar nicht mehr gemeldet“, berichtet das Ärztepaar. Ende der 1970er Jahre, als Andreas Krampe seine Praxis in dem historischen Fachwerkgebäude eröffnete, wäre dies noch undenkbar gewesen.

Nach 42 Jahren schließt Praxis am Steinweg ihre Pforten

Im Laufe der Zeit haben beide Ärzte 12 000 Patienten behandelt, Familien zum Teil über fünf Generationen hinweg betreut. „Für uns ist es ein Traumberuf, Facharzt für Allgemeinmedizin zu sein. Wir arbeiten in der Breite, hierfür muss man ein gutes Gespür für den ganzen Menschen entwickeln“, sind die beiden Mediziner überzeugt. „Der Körper – als Vehikel der Seele – zeigt uns unglaublich viel. Als Allgemeinmediziner trennen wir sozusagen die Spreu vom Weizen“, fügen sie an. Als Arzt müsse man auf seine Erfahrung und auch auf das Gefühl vertrauen, um zu erkennen, ob jemand nur leicht erkrankt ist oder ob eine weitergehende Behandlung beim Facharzt notwendig erscheint, so das Ärzte-Ehepaar. All dies zeichne ihre Praxis aus, sagen sie: jahrelange Berufserfahrung, Zeit und ein „Feeling für die Patienten“.

„Wir vergeben vier Termine pro Stunde“, sagt Andreas Krampe. Alle Studenten, die bei ihnen ein Praktikum absolviert haben, seien begeistert gewesen, hätten viel Neues gelernt und gesehen. Trotzdem sei nicht einer dabei gewesen, der Allgemeinmediziner werden wollte.

Einige Ursachen hierfür liegen für die Langenselbolder Mediziner klar auf der Hand. Die Ausbildung sei lange nicht so gut, bereite nicht auf die vielfältigen Aufgaben als selbstständiger Arzt vor. Dazu gehörten Personal- und Unternehmensführung oder wirtschaftliches Handeln. Viele junge Ärzte wollten sich lieber anstellen lassen. Denn in der eigenen Praxis tragen sie eine hohe Verantwortung, mögliche Regressforderungen könnten einem Arzt die Freude an der Arbeit verderben.

„Die Bürokratie frisst uns auf“

„Die Bürokratie frisst uns auf“, sagt Andreas Krampe. Im großen Stil und haarklein würden einigen Kassen Verordnungen überprüfen, den Ärzten damit unterstellen, etwas zu verordnen, was nicht nötig sei. Dabei, so das Mediziner-Ehepaar, riskiere jeder Arzt damit seine Zulassung. Auch habe es die Politik in den vergangenen 20 Jahren versäumt, sich für die Allgemeinmedizin starkzumachen. Inzwischen würden einige Kommunen Medizinstudenten unterstützen, wenn sich diese mit einer Hausarztpraxis im Ort niederließen. Doch das Ansehen der Allgemeinmediziner in der Bevölkerung schwinde, man gehe lieber gleich zum Facharzt. Diese Handlungsweise mache es dem Hausarzt unnötig schwer.

„Wir müssen unsere Notfälle dann oft selbst betreuen. Für Patienten mit Bandscheibenvorfällen oder auch mit psychischen Problemen engagieren wir uns, telefonieren und faxen, um zeitnah einen Termin beim Facharzt zu erhalten. Leider gelingt das nicht immer. In der Kardiologie wiederum ist dies kein Problem“, berichten die beiden Langenselbolder Ärzte über ihren bisherigen Arbeitsalltag.

Am 20. Juni ist Schluss

Bei all den alltäglichen Erschwernissen habe das Ärzte-paar immer motiviert, Positives anzustoßen zum Wohle der Gesundheit ihrer Patienten. Von 7 bis 19 Uhr sind die Ärzte für ihre Patienten da, sie machen Hausbesuche, sie begleiten Sterbende. Sogar zu einer Geburt in einem Rettungswagen wurde Andreas Krampe einmal gerufen.

Ein bisschen Wehmut kommt jetzt schon auf in den hohen, hellen Praxisräumen am Steinweg mit dem schönen Blick auf die alten Bäume. „Für mich war es Berufung und Gnade“, sagt Christiane Krampe-Lohrey. Aber der Termin steht unwiderruflich fest: Am 20. Juni schließt die Praxis ihre Holztür zum letzten Mal.

Von Ulrike Pongratz

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