Rückhaltebecken ist kein Staudamm

Verantwortliche in Langenselbold nehmen zu Kritik an Hochwasserbekämpfung Stellung

Abwassermeister Manuel Weckel erläutert, dass die Folgen des Hochwassers von Freitag/Samstag ohne Rückhaltebecken wesentlich schlimmer gewesen wären.
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Abwassermeister Manuel Weckel erläutert, dass die Folgen des Hochwassers vom 29./30. Januar ohne Rückhaltebecken wesentlich schlimmer gewesen wären.

Die Hochwasserlage hält Langenselbold seit einer Woche in Atem. Die erste Welle traf die Gründaustadt dabei besonders stark, liefen in der Nacht zum Samstag vergangener Woche doch zahlreiche Keller voll. Bei der zweiten Hochwasserwelle kam die Stadt dann von Mittwoch auf Donnerstag dieser Woche deutlich glimpflicher davon.

Langenselbold – Die Frauen und Männer von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Bauhof waren so gleich zweimal innerhalb von wenigen Tagen stundenlang im Einsatz, um die Gründaustadt vor größerem Schaden zu bewahren. Für diesen überwiegend ehrenamtlichen Einsatz dankten Bürgermeister Timo Greuel (SPD) und Erster Stadtrat Benjamin Schaaf (parteilos) sowie Bauamtsleiter Thomas Wagner am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. In dieser ging es insbesondere um die beiden Rückhaltebecken, deren Errichtung Ende 2018 abgeschlossen wurde und die nun ihre Bewährungsprobe bestehen mussten. Vor allem an den Becken, aber ebenso am Vorgehen von Stadt und Feuerwehr beim Hochwasser am 29./30. Januar wurde in der öffentlichen Diskussion auch Kritik laut.

Bürgermeister Greuel erläuterte zunächst, dass die beiden Hochwasserrückhaltebecken Teil eines vierteiligen Gesamtkonzepts seien. Begonnen worden sei dies bereits 2009 mit der Renaturierung der Gründaue westlich der Brühlbrücke. Nach den errichteten Rückhaltebecken geht es im dritten Schritt nun um den innerörtlichen Hochwasserschutz, für den die Planungen derzeit laufen. Abhängig auch von der Dauer der Genehmigung wird derzeit davon ausgegangen, dass diese Maßnahmen (sie beinhalten die Errichtung von Mauern und Verwallungen sowie Renaturierungsmaßnahmen) in etwa drei bis vier Jahren fertiggestellt sein könnten.

Hochwasserkonzept besteht aus vier Bausteinen

Und dann, so Greuel, gibt es noch einen wichtigen Baustein, auf den Langenselbold keinen direkten Einfluss habe. Damit sind die beiden Hochwasserrückhaltebecken gemeint, die von der Gemeinde Gründau errichtet werden. Hier sei das Genehmigungsverfahren im Gange.

Holger Christanz vom Ingenieurbüro Lotz, das die beiden Selbolder Rückhaltebecken realisiert hat, erinnerte diesbezüglich daran, wie lange sich ein solches Verfahren hinziehen könne. So seit die Planfeststellung für Selbold bereits 2013 beantragt worden. „Der Bescheid, dass wir bauen können, kam aber erst im Mai 2017“, so Christanz. Bei der Dauer der Prüfung des Projekts habe vor allem der Naturschutz eine wichtige Rolle gespielt. „Das wird bei den innerörtlichen Hochwasserschutzmaßnahmen deutlich weniger ins Gewicht fallen. Mit einem Jahr für das Genehmigungsverfahren ist aber durchaus zu rechnen“, schätzt Christanz.

Hochwasser ist vergleichbar mit jenem von 2003

Auch wenn das Schutzkonzept, das ein Ergebnis des schlimmen Selbolder Hochwassers von 2003 gewesen ist, noch nicht komplett umgesetzt wurde, sind sich die Vertreter von Stadt, Ingenieurbüro und Selbolder Feuerwehr darüber einig, dass sich die Rückhaltebecken bei ihrem ersten Einsatz bewährt hätten. Abwassermeister Manuel Weckel, der bei der Stadt für die Becken zuständig ist, führte dazu aus: „Das Hochwasser vom 29./30. Januar hat sich auf dem Niveau des Ereignisses von 2003 bewegt. Ohne die beiden Rückhaltebecken wären die Folgen ähnlich schlimm gewesen wie damals.“

Mit zwei Zahlen verdeutlichte Weckel die Vergleichbarkeit: Beim Pegel in Hain-Gründau sei 2003 der stärkste Abfluss an Wasser mit 18,3 Kubikmetern pro Sekunde gemessen worden. Bei dem Hochwasserereignis Ende vergangener Woche habe dieser Wert nun bei 19,8 Kubikmetern pro Sekunde gelegen. Der höchste Pegelstand der Gründau betrug diesmal 250 Zentimeter, vor 18 Jahren waren es 15 Zentimeter mehr gewesen.

Rückhaltebecken sollen Hochwasser abbremsen

Zu der insbesondere in den sozialen Medien geäußerten Kritik, die Rückhaltebecken seien am Samstag nur halb voll gewesen, stellte Weckel fest: „Die Rückhaltebecken sind keine Staudämme, sondern sollen das Wasser abbremsen, damit wir Zeit gewinnen, um in der Stadt die nötigen Schutzmaßnahmen vornehmen zu können. Es bleibt so auch immer eine Öffnung, durch die das Wasser abläuft.“ Holger Christanz ergänzte, dass es fatal wäre, wenn die Becken voll seien und durch weiteres Wasser dann überströmt würden. Die Wassermassen bewegten sich dann nämlich unkontrolliert in Richtung Innenstadt. Nach Aussagen der Stadt hätte das Wasser am Samstag ohne die beiden Rückhaltebecken sowohl am Brühlweg als auch am Marktplatz etwa zehn bis 20 Zentimeter höher gestanden.

Stadtbrandinspektor Markus Mohn und Erster Stadtrat Benjamin Schaaf wiesen außerdem den auch von einem Leserbriefschreiber geäußerten Vorwurf vehement zurück, Stadt und Feuerwehr hätten zu spät reagiert.

Schaaf: Einsatzkräfte haben tolle Arbeit geleistet

„Hier wurde nichts verschlafen. Wir hatten die Situation bereits ab Freitagmorgen im Blick. Allerdings hat dann auch aufgrund der Erfahrungen der Vergangenheit nichts darauf hingedeutet, dass sich der Anstieg des Pegels in Hain-Gründau ab 18 Uhr derart verschärfen würde“, so Schaaf. Die 200 Einsatzkräfte hätten eine „großartige Arbeit“ geleistet und gemeinsam wesentlich Schlimmeres verhindert.

Mohn und sein Stellvertreter Andreas Clement bedankten sich aber auch für die Unterstützung durch Einsatzkräfte aus den anderen Kommunen und bei jenen Selbolder, die unter anderem Getränke und Essen brachten.

Von Lars-Erik Gerth

Holger Christanz vom Ingenieurbüro Lotz ordnet das Hochwasser vom 29./30. Januar auf derselben Stufe wie jenes von 2003 ein.
Dass die Rückhaltebecken beim Hochwasser am vergangenen Samstag nicht voll gefüllt waren, hatte bei einigen Selboldern für Verwunderung gesorgt. Die Experten lieferten nun bei einer Pressekonferenz der Stadt Langenselbold die Erklärung.

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