Politik

Stadtratswahl in Langenselbold: Benjamin Schaaf siegt im dritten Wahlgang

Während der langen Wahlvorgänge hat Benjamin Schaaf genügend Zeit für Gespräche, in denen er seine Anspannung ob des unsicheren Ausgangs der Wahl nicht verhehlt.
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Während der langen Wahlvorgänge hat Benjamin Schaaf genügend Zeit für Gespräche, in denen er seine Anspannung ob des unsicheren Ausgangs der Wahl nicht verhehlt.

Langenselbold – Die Geisterstunde war nicht mehr fern, als Stadtverordnetenvorsteher Tobias Dillmann (CDU) am späten Montagabend das Ergebnis des dritten und letzten Wahlgangs bekannt gab. Nach einer Marathonsitzung der Stadtverordneten stand exakt um 23.45 Uhr fest, dass der 40-jährige Benjamin Schaaf (parteilos) neuer Erster Stadtrat der Gründaustadt wird.

Der Leiter des städtischen Amtes für Finanzen und EDV erhielt 22 Stimmen, während der zweite Bewerber Gerhard Groß (CDU) auf 14 kam und es – wie bereits in den ersten beiden Wahlgängen – eine Enthaltung gab.

Trotz vorgerückter Stunde nahmen Dillmann und Bürgermeister Timo Greuel (SPD) noch Einführung, Verpflichtung, Ernennung und Vereidigung des neuen hauptamtlichen Magistratsmitglieds vor. Zeit für einige Worte des Gewählten an die Stadtverordneten und die Besucher, die an diesem denkwürdigen Abend so lange in der Klosterberghalle ausgeharrt hatten, gab es hingegen nicht mehr. „Dies werde ich aber sicher bei einer der nächsten Gelegenheiten in der Stadtverordnetenversammlung nachholen“, versprach Benjamin Schaaf gestern im Telefonat mit unserer Zeitung. Dieses fand übrigens statt, nachdem Altbürgermeister Jörg Muth (CDU) dem neuen Ersten Stadtrat im Rathaus seine Aufwartung gemacht und ihm herzlich zu seiner Wahl gratuliert hatte. Muth hatte darauf verzichtet, der Sitzung als Besucher beizuwohnen.

Und so verpasste das frühere Stadtoberhaupt einen spannenden Wahlabend in vier Akten, denn neben den drei Wahlgängen gab es quasi als Vorspiel die Abstimmung über den Antrag von Grünen und Freien Wählern (FW), die Stadtratswahl auf die Zeit nach der Kommunalwahl im März 2021 zu verschieben.

Grünen-Fraktionschefin Cornelia Hofacker und Jürgen Heim von den Freien Wählern begründeten nochmals ihre Positionen, warum sie für eine Verschiebung sind. Hofacker verwies vor allem darauf, dass der nun gewählte Erste Stadtrat die gesamte kommende Legislaturperiode im Amt wäre und man der neuen Stadtverordnetenversammlung nicht vorgreifen solle. „Dieses Amt ist mit einer solch verantwortungsvollen Aufgabe verbunden, die in der nächsten Legislaturperiode erfüllt werden soll, dass es sicher klug ist, vor der Stadtratswahl die politischen Gewichte in der zukünftigen Stadtverordnetenversammlung und auch im Magistrat zu kennen und sich erst dann für einen weiteren Repräsentanten der Stadt Langenselbold zu entscheiden“, argumentierte sie.

Per Faust beglückwünscht Bürgermeister Timo Greuel (rechts) – wie zuvor Stadtverordnetenvorsteher Tobias Dillmann (Mitte) – den neuen Ersten Stadtrat Benjamin Schaaf und überreichte ihm die Ernennungsurkunde.

Jürgen Heim hingegen stellte wie bereits in der Sitzung im Juni, als es um die Ausschreibung der Stelle ging, für die FW fest, dass eine Stadt mit 14 500 Einwohnern kein zweites hauptamtliches Magistratsmitglied benötige und sich hier aufgrund der schwierigen finanziellen Lage der Gründaustadt willkommenes Einsparpotenzial auftue, wenn die Stelle nicht wieder besetzt werde.

Die generelle Ablehnung der Stelle durch die Freien Wähler konnte CDU-Fraktionschef Gerhard Mohn nicht mit dem eingebrachten Antrag auf Verschiebung der Stadtratswahl in Einklang bringen. „Herr Heim, wenn Sie dafür sind, das Amt des Ersten Stadtrats zu streichen, warum stellen Sie dann einen Antrag auf Verschiebung der Wahl, die Sie gar nicht wollen? Dann sind Sie ja offensichtlich doch dafür, den Posten zu besetzen“, so Mohn, der sich genauso wie der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Volk und Christof Sack von der FDP gegen die Verschiebung aussprach. Entsprechend wurde der Antrag von Grünen und Freien Wählern von den anderen drei Fraktionen abgelehnt.

So konnte Mohn dann in seiner Funktion als Vorsitzender des Wahlvorbereitungsausschusses den Bericht über den Verlauf des Prozederes, die erfolgten Sichtungen der Bewerbungen und die Zulassung der Kandidaten abgeben. Insgesamt hatten sich zehn Personen beworben. Das Gremium, dem neben den Mitgliedern des Haupt- und Finanzausschusses beratend auch Vertreter der dort nicht vertretenden Grünen und Bürgermeister Greuel angehörten, habe dann nach der ersten Durchsicht der eingereichten Unterlagen bereits entschieden, sechs Bewerber auszuschließen, weil sie den Anforderungen des Stellenprofils nicht entsprochen hätten.

In einem zweiten Durchgang diskutierten die Ausschussmitglieder die Bewerbungen der übrig gebliebenen vier Kandidaten und kamen mehrheitlich zu dem Beschluss, dass von diesen nur Gerhard Groß und Benjamin Schaaf zur Wahl zugelassen werden. Die anderen beiden Kandidaten hätten, so Mohn, nicht in allen Bereichen die notwendigen Erfahrungen mitgebracht. Zugleich habe der Ausschuss auf eine Wahlempfehlung für die Stadtverordnetenversammlung verzichtet. Nachdem der Vorsitzende des Wahlvorbereitungsausschusses seinen Bericht beendet hatte, hätte es eigentlich zur Aussprache über die zugelassenen beiden Kandidaten kommen sollen. Doch keiner der Stadtverordneten meldete sich zu Wort, um beispielsweise kundzutun, für wen er beziehungsweise seine Fraktion stimmen werde.

Mit der entsprechenden Spannung ging es so in den ersten Wahlgang, bei dem nur gewählt ist, wer die absolute Mehrheit der gültigen Stimmen (Enthaltungen gelten bei der Stadtratswahl als ungültig und werden nicht mitgezählt) auf sich vereinigt. Als Dillmann das Ergebnis gegen 22 Uhr mitteilte, war zwar keine Entscheidung gefallen, gab es aber dennoch bei der CDU lange Gesichter. Denn Gerhard Groß erhielt mit 13 nicht einmal alle Stimmen (15) seiner Fraktion. Benjamin Schaaf hingegen kam auf 16 Voten, während sieben Stadtverordnete mit Nein stimmten und sich ein Parlamentsmitglied enthielt. Offenkundig hatte der Koalitionspartner SPD für Schaaf und damit gegen den CDU-Bewerber sowie die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag gestimmt.

Bereits nach dem ersten Wahldurchgang nachdenklich: CDU-Bewerber Gerhard Groß erhält am Ende in keinem Wahlgang alle Stimmen seiner Fraktion.

Nun beantragte Mohn eine Sitzungsunterbrechung, die laut Dillmann nur fünf bis zehn Minuten hätte dauern sollen. Am Ende war mehr als eine halbe Stunde verstrichen, ehe Dillmann die Sitzung fortsetzte. In der Zwischenzeit hatte das Gerücht die Runde gemacht, die CDU könnte einen Abbruch und damit die Verschiebung der Wahl auf eine der nächsten Sitzungen beantragen.

Dillmann bereitete diesen Spekulationen jedoch ein Ende, indem er den zweiten Wahlgang eröffnete, an dessen Ende erneut keine Entscheidung stand. Wieder hatten 16 Stadtverordnete für Schaaf votiert, Groß bekam mit 14 zwar eine Stimme mehr, doch fehlte ihm immer noch ein Votum aus der eigenen Fraktion. Neben sechs Nein-Stimmen gab es wieder eine Enthaltung. Der dritte Wahlgang, den Dillmann um 23.10 Uhr eröffnete, musste jetzt den neuen Ersten Stadtrat bringen, denn nun langte die einfache Mehrheit. Für Schaaf und Groß erreichte die Spannung somit ihren Siedepunkt, ehe Dillmann eine Viertelstunde vor Mitternacht das finale Resultat verkündete. Jetzt, wo es alleine darauf ankam, mehr Stimmen als der Konkurrent zu erhalten, konnte sich Schaaf mit 22:14 bei einer Enthaltung über die absolute Mehrheit freuen – mit der er „überhaupt nicht gerechnet“ hatte.

„Entsprechend bedanke ich mich für diesen Vertrauensvorschuss und freue mich auf die Zusammenarbeit mit der Stadtverordnetenversammlung“, so gestern der designierte Erste Stadtrat, der nach diesem aufregenden Abend keine vier Stunden Schlaf finden konnte, bevor es am Morgen schon wieder ins Rathaus ging.

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