Langenselbold

Thermo Fisher: Warnstreik zum Auftakt der Einigungsstelle

„Stoppt die Gier, wir bleiben hier“: Dollar-Zeichen vor den Augen, haben die Chefs als Foto-Pappschild-Stiel-Kombination einen Freiluftauftritt. Foto: Torsten Kleinerüschkamp

Langenselbold. Die gerichtlich eingesetzte Einigungsstelle bei Thermo Fisher hat am Dienstag zum ersten Mal getagt. Vor der Sitzung von Geschäftsführung, Betriebsrats- und Gewerkschaftsmitgliedern sowie Juristen beider Lager ist ein großer Teil der Belegschaft in einen zweiten Warnstreik getreten, um Entlassungen zu verhindern.

Von Torsten Kleinerüschkamp

Wie Gladiatoren ziehen sie in den Ring. Die Wut im Bauch ist groß. Es geht an den Konferenztisch. Unter Beifall ziehen die „Kämpfer“ durch ein Spalier streikender Kollegen durchs Werkstor in Richtung Sitzungssaal. „Stoppt die Gier, wir bleiben hier“. Es wird skandiert.

IG Metall sieht keine fairen Verhandlungen

„Das Instrument einer Einigungsstelle war nie unser Ziel“, bedauert Robert Weißenbrunner, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Hanau-Fulda, bei einer Ansprache zum Auftakt des Warnstreiks. „Wir erwarten von der Konzernleitung ein Angebot, über das wir ernsthaft verhandeln können. Es kann nur faire Verhandlungen auf Augenhöhe geben für einen fairen Kompromiss am Verhandlungstisch. Das was bislang auf dem Tisch liegt, ist keine Lösung. So ist die Forderung nach Einsetzung einer Transfergesellschaft abgelehnt worden.“

Nach Einschätzung von Weißenbrunner wird es für „den Konzern nun richtig eng“. Zu der parteiübergreifenden Solidarität mit der Belegschaft ist es sogar zu einer geschichtlichen Kuriosität gekommen, hat doch die FDP als einstiger Prototyp einer Unternehmerpartei gewerkschaftliche Forderungen gutgeheißen. Zur Unterstützung stehen auch Betriebsratsmitglieder von Honeywell in Maintal und der Hanauer Vacuumschmelze vor dem Werkstor in Langenselbold.

Einschüchterungen durch die Geschäftsleitung?

Walter Heidenfelder, Betriebsratsvorsitzender von Thermo Fisher, berichtet von Einschüchterungsversuchen seitens der Geschäftsleitung. Die Vorgesetzten sollen „relativ zielgerichtet herumgelaufen sein und versucht haben, Mitarbeiter zu verunsichern. Es sei angstmachend suggeriert worden, dass nun aufgrund des zweiten Warnstreiks über Nacht der Langenselbolder Firmenstandort am morgigen Donnerstag geschlossen werde.

Heidenfelder nannte ferner eine Plakataktion der Firma „geschmacklos“. Am Zaun des Unternehmens künden sieben Transparente von „Wir suchen Verstärkung“. Der Chef des Betriebsrats interpretierte dies so: „Es ist eher eine Botschaft an die vorhandene Belegschaft nach dem Motto 'Der Zug fährt weiter – auch ohne euch'.“ Es sei auch eine Botschaft an jene, die nicht streiken: Beteiligt euch nicht an den Aktionen, lasst die Streikenden alleine. „Wenn man 100 Leute entlässt, sucht man nicht unbedingt Verstärkung.“

Pfiffe, Buh-Rufe: Der Ton wird rauer

Heidenfelder nannte das Positionspapier „unverschämt“, das die Unternehmensleitung im Vorfeld der Sitzung der Einigungsstelle vorgelegt hat. „Jeder Beschäftigte findet innerhalb seiner normalen Kündigungszeit eine neue Stelle“, zitiert er die Sicht des Arbeitgebers aus dem Positionspapier. Weiter: „In der Regel verdient jeder hinterher bis zu 15 Prozent mehr.“

Damit begründe die Firma, dass überhaupt kein Anspruch auf einen Sozialplan bestehe, da ja angeblich keiner einen wirtschaftlichen Nachteil habe. Das angebotene Almosen wird mit lautem Gelächter und einem Konzert aus Pfiffen und Buh-Rufen quittiert. Schließlich werde das Angebot, den Beschäftigten „0,6 Gehälter“ zu zahlen, als absolute Großzügigkeit weit über dem rechtlich Notwendigen verkauft.

Betriebsrat spricht von Provokationen

„Wie geht die Firma mit dieser Frechheit in der Einigungsstelle um? Ist es nur eine Vorbereitung, den Betriebsrat zu provozieren? Oder ist es ernst gemeint, dass wir bei 0,6 Gehältern dann noch begeistert in die Hände klatschen sollen? Es soll Druck auf den Betriebsrat aufgebaut werden. Wir wissen uns aber zu wehren“, so Heidenfelder.

„Wir haben ganz klare Forderungen: Wir wollen deutlich mehr Beschäftigte am Standort halten. Wir brauchen künftig hier am Standort 63 Mitarbeiter von den bisher 100. Die Firma bietet uns 20 Mitarbeiter an. Da ist ein großes Loch dazwischen. Wir kämpfen um unsere 63 Mitarbeiter“, heißt es weiter.

Abfindungen nach dem Sozialplan gefordert

„Wir wollen Abfindungen haben, die dem Standard bisheriger Sozialpläne entsprechen“, so der Arbeitnehmervertreter. Er nannte als „Messlatte“ jenen Sozialplan, wie es ihn am Standort Walldorf gegeben hat.

Der Vorsitzende dämpft allerdings übertriebene Hoffnungen, weil im kapitalistischen System Deutschlands das Arbeitsrecht so konzipiert sei, dass der Arbeitgeber letztendlich sein Recht durchsetzen könne. Das Eigentumsrecht habe absolute Priorität. Letztlich sei das Recht auf der Seite des Eigentümers.

EinigungsstelleDie Einigungsstelle ist gesetzlich verankert. Sie gilt als betriebsverfassungsrechtliches Hilfsorgan. Die paritätisch besetzte Stelle unter dem Vorsitz eines Unparteiischen soll Streit zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat schlichten. Das Organ kann Recht sprechen, so in einem Sozialplan Abfindungsansprüche der Arbeitnehmer begründen. Der Spruch der Einigungsstelle hat die Rechtskraft einer Betriebsvereinbarung. tok

Quelle: Hanauer Anzeiger

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare