Urban Priol in Selbold im Doppelpack

Gleich zweimal zieht der Kabarettist in der Klosterberghalle vom Leder

Markenzeichen auch bei Urban Priols Auftritten in Selbold: Wirr abstehende Haare, quietschbunte Hemden, rote Hornbrille und ein Glas Hefeweizen.
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Markenzeichen auch bei Urban Priols Auftritten in Selbold: Wirr abstehende Haare, quietschbunte Hemden, rote Hornbrille und ein Glas Hefeweizen.

Eine gefühlte Ewigkeit ist es her, dass spitzer Humor verbunden mit politischen Tiefschlägen in der Klosterberghalle den Ton angaben. Corona hält die Welt in Atem, und den hält auch das Publikum an, bevor es nach mehr oder weniger deftigen Pointen die Lacher herausprustet, ganz ohne Maske am Platz: Urban Priol ist in der Stadt.

Langenselbold – Und das gleich im Doppelpack, bei der ersten Kulturveranstaltung in der Klosterberghalle seit Ausrufung der Pandemie im Frühjahr 2020 überhaupt. Weil die schiere Zahl der Fans die laut des mit den Behörden verhandelten Hygienekonzepts zulässige Ticketanzahl für den Mittwochabend bei Weitem überstieg. Aber die Zeit ist ja „im Fluss“, so der Tourtitel des Aschaffenburger Polit-Kabarettisten.

Und kurzerhand spülte er den einen Teil der Besucher ans 18-Uhr-Ufer, den anderen in die spätere Vorstellung. Ergebnis: zweimal volles Haus mit Corona-Abstand zwischen den Stühlen. Und zwar ohne, dass das Publikum beim Wechsel Kontakt miteinander gehabt hätte. So etwas ginge ja gar nicht, das könnte ja zu einer Durchmischung führen, spöttelt Priol. Und legt sofort los mit dem Ausflug ins Absurdistan der Pandemiebekämpfung: „Dann kam die Fußball-Europameisterschaft. Schlagartig wurden aus 80 Millionen Virologen wieder 80 Millionen Trainer.“

Die Dialekte und die Parodien bekannter Persönlichkeiten: zwei Spezialgebiete des 60-Jährigen mit den Markenzeichen wirr abstehende Haupthaare, quietschbunte Hemden, dicke Hornbrille und ein Glas Hefeweizen auf dem Stehpult.

Baerbock auch schuld am DFB-Aus bei der EM?

In perfektem Hessisch durch die Nase murmelt Priol was von „Jogi Löw“ vor sich hin, mimt eine Stammtischrunde zum frühen Ausscheiden der DFB-Elf: „Der Rasen war viel zu grün. Die Baerbock war schuld, die grüne Annalena. – Naa, des war der Löw. Üwwer fuffzehn Jahr im Amt, der is aafach verbraucht, da kommt nix mehr.“ Steilvorlage auf das Lieblingsthema Priols: „Über 15 Jahre im Amt, verbraucht, da war noch nie was und da kommt auch nichts mehr. Woran erinnert mich das bloß?“ Brüllende Lacher und Riesenapplaus im Publikum, es kennt die Lieblingsfeindin des Kabarettisten, die Kanzlerin mit der Raute, ganz genau.

Aber es ist ja alles „im Fluss“, und so mutiert der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zum neuen Zielobjekt des Priol-Spotts. „Zugfahrt von Berlin nach München. Durchsage des Zugführers: ‘Wir überfahren in Kürze die Grenze zum Freistaat Bayern. Bitte ersetzen Sie Ihre herkömmliche medizinische Maske durch eine FFP2-Maske‘. Die gleichen Leute im gleichen Zug! Besser kann man die Absurdität so mancher Corona-Bürokratie nicht beschreiben.“

Merkel, Laschet und Co. bekommen ihr Fett weg

Aber auch Armin Laschet, der Kanzlerkandidat der CDU, und Friedrich Merz („der Master of Future nach dem Motto: ‘Wo war ich in den 90er Jahren nochmal stehen geblieben‘? Den wird die CDU nie los, der ist wie Herpes.“) bekommen ihr Fett weg im Programm. „Das Laschet-Zukunftsteam mit Digi-Doro aus Frangen, der Do-Do-Dorothee Bär, die schon im Kabinett Merkel IV die Digitalisierung vergeigt hat, und Staatssekretärin unter Ex-Verkehrsminister Do-Do-Dobrindt“, lästert Priol. „Als die klein waren, müssen sie eh die Schaukel zu dicht an die Hauswand gestellt haben.“ Rauschender Publikumsapplaus auf diese Attacke.

Der Aschaffenburger Kabarettist hält der „Klimakanzlerin“ und ihrem gesamten Kabinett den Spiegel vor. Die Bilanz fällt dabei keineswegs „klimafreundlich“ aus.

Von „Voralpenwichteln“ (Verkehrsminister Andreas Scheuer von der CSU) ist die Rede, und wieder kommt Priol aufs Klima. „In der Suppe, die uns die Grünen auftischen wollen, ist kein Fleisch drin“, äfft er Stammtischparolen nach. „Und wenn nix mehr geht, dann geht immer noch was mit der Angst“, lautet das Priol‘sche Fazit zur Politik der Schwarzen; Lieblings-Zielscheibe des politischen Kabaretts von den 1960er Jahren bis heute. Ihre Perfektion fände die „Politik der Angst“ im „Corona-Titanen“ und „Covid-19-Terminator“, dem bayerischen Ministerpräsidenten.

Auch Thema Klimaschutz nimmt Priol aufs Korn

Die „Gegen-Kultur in allen Dörfern“, also gegen „Verspargelung unserer schönen Landschaft, Solarwüsten, Rot-Milan-Schredderung, Off- und On-Shore-Windparks, Stromtrassen et cetera pp: Hauptsache dagegen“, nimmt der Kabarett-Titan ebenfalls aufs Korn. Man merkt, wo die Präferenzen Priols liegen.

Im Publikum sitzt auch der Langenselbolder Altbürgermeister Jörg Muth. Der ist bekanntlich CDU-Mitglied. Er muss viel einstecken, zweifellos. Er lacht trotzdem, wie alle anderen im Publikum. So schlimm kann es also nicht gewesen sein.

Von Rainer Habermann

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