Bundestagswahlkreis 180

Appelle an den Zusammenhalt: CDU schickt Katja Leikert zum dritten Mal ins Rennen

Deutlicher Abstand: Die Wahlkreisdelegiertenversammlung der CDU fällt in der Main-Kinzig-Halle ihre Entscheidung.
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Deutlicher Abstand: Die Wahlkreisdelegiertenversammlung der CDU fällt in der Main-Kinzig-Halle ihre Entscheidung.

Kurz nach 19 Uhr. Dr. Katja Leikert geht durch die Reihen, bleibt hier und dort stehen, begrüßt die Delegierten. Sie macht einen sicheren Eindruck, obwohl der Rahmen alles andere als normal ist. Kurzfristig ist die CDU Main-Kinzig von der August-Schärttner-Halle (dort wird gerade ein Impfzentrum aufgebaut) in die Main-Kinzig-Halle umgezogen, um ihre Delegiertenversammlung für den Bundestagswahlkreis 180 doch noch durchführen zu können. Die Stühle stehen im perfekten Abstand, Reihe um Reihe – fast die ganze Halle ist gefüllt.

Main-Kinzig-Kreis – „Heute Abend gibt es keine Überraschung“, sagt eine Christdemokratin leise. „Ich denke das auch nicht“, kommentiert ein Parteifreund. Tatsächlich bleibt die Überraschung, das Erdbeben, dass der eine oder andere Gast erwartet, vielleicht sogar erhofft hat, aus.

Um 21.26 Uhr verkündet Wahlleiter Markus Jung aus Schöneck das Ergebnis: 107 von 110 abgegebenen Stimmen sind gültig. Es gibt zwei Enthaltungen. 77 der Anwesenden haben für die Bundestagsabgeordnete aus Bruchköbel gestimmt, 28 für Christian Reichardt aus Maintal.

Reichardt hatte seine Kandidatur erst vor Kurzem bekannt gegeben

Unterlegener Kandidat: Christian Reichardt.

Leikert wird nach vorne gerufen, bekommt einen großen Strauß Blumen. Sie ist zufrieden, freut sich darauf, von ihrer CDU zum dritten Mal ins Rennen geschickt zu werden. „Ich will das Beste geben in Berlin“, ruft sie den Delegierten zu. Einige verlassen eilig den Saal, andere bleiben, um Leikert zu gratulieren. Die Hanauer CDU um Isabelle Hemsley wartet geduldig auf das Gruppenfoto mit Siegerin.

Christian Reichardt, der seine Kandidatur erst vor wenigen Wochen bekannt gegeben hatte, steht in der letzten Reihe. „Bewerben Sie sich doch um den Kreisvorsitz“, erklärt ihm einer der Anwesenden bevor er Richtung Ausgang geht. „Ich bin enttäuscht“, sagt Reichardt, „ich habe mit mehr gerechnet.“ Die Für-Reden, ist sich der Maintaler sicher, hätten Einfluss gehabt auf den Ausgang dieser Wahl.

Fischer mit Frontalangriff gegen Leikert

Dass hier zwei Lager aufeinandertrafen, war nach den Bewerbungsreden der beiden Kandidaten schnell klar. „Bringen Sie Mut für Veränderung auf“, erklärte Reichardt-Fürsprecher Martin Fischer. „Wir brauchen eine bürgernahe Vertretung in Berlin.“

Der Redebeitrag des Maintaler Fraktionsvorsitzenden, der noch bis vor kurzem CDU-Kreisgeschäftsführer gewesen war, glich einem Frontalangriff auf Leikert. Patrick Heck aus Langenselbold überbrachte die Wahlempfehlung der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung: Christian Reichardt. Ganz klar. Eine gesteuerte Kandidatur? „Vergessen Sie’s“, erklärte Fischer den Anwesenden, „das ist Blödsinn!“

Heiko Kasseckert warb um Loyalität

Für Leikert: Heiko Kasseckert.

Doch die Leikert-Kritiker hatten die Rechnung ohne deren Fürsprecher gemacht. „Wir sind unfassbar stark, wir haben zwei Bundestags- und drei Landtagsabgeordnete“, erklärte Isabelle Hemsley, die Fraktionsvorsitzender der Hanauer Christdemokraten, „wir brauchen keine Experimente.“ Ex-OB Magret Härtel sprach sich ebenfalls deutlich für Leikert aus: „Sie ist eine sichere Kandidatin, sie ist souverän. Die Erfahrung der vergangenen Monate werden wichtig sein.“ Schließlich trat Heiko Kasseckert ans Mikrofon. Er hatte das Geschehen aufmerksam von der Tribüne aus verfolgt.

„Wir müssen uns loyal verhalten und loyal miteinander umgehen“, so der Landtagsabgeordnete. Politik sei Streit um Meinungen, um Positionen und ja, manchmal auch um Personen. Kasseckert legte die Wunden der vergangenen Jahre offenen: Großkrotzenburg, Bruchköbel, zuletzt Langenselbold – überall hat die CDU die Rathäuser verloren, und zwar mit Ansage, denn der innerparteiliche Streit hatte letztlich auch Auswirkungen auf das Wahlergebnis. „Das dürfen wir so nicht weitermachen“, erklärte Kasseckert.

Leikert appelliert an den Zusammenhalt

Dem Herausforderer attestierte er, politisch bisher nicht in Erscheinung getreten zu sein. „Wir kennen Sie nicht“, so Kasseckert. Den unterschwelligen Angriff, Leikert sei nicht ausreichend im Wahlkreis unterwegs, trat der Landtagsabgeordnete, deutlich entgegen. „Ich hatte vor Ort unzählige Termine mit Katja Leikert. Sie hat Millionen vom Bund eingeworben, zuletzt für das Schloss Philippsruhe und das Comoedienhaus.“ Früher sei die MKK-CDU völlig abgehängt gewesen von der Berliner Politik. Das habe sich wesentlich gewandelt – im Land und im Bund. „Ich will, dass die Union im Vordergrund steht.“

Gegen Leikert: Michael Reul macht sich auf der Tribüne seine Notizen.

An den Zusammenhalt, vor allem in der Krise, appellierte auch Leikert in ihrer Bewerbungsrede. Sie sprach über ihre Arbeit in Berlin, über ihr Heimatgefühl, über Hanau und Erlensee, Nidderau. Über die „sehr aktive“ Junge Union, über die Hanauer Frauenunion, die fast 300 Weihnachtspäckchen für Kinder in Not gepackt habe.

Reichardt gewann an Souveränität

„Wir sind hier eine echte Powerregion“, so Leikert, die immer wieder ihre Nähe zum Wahlkreis, aber auch zu ihren Themen, wie der Familienpolitik, unterstrich. Ja, sie habe Stärken und Schwächen, und ja, auch sie lerne dazu. Immer wieder gab es Zwischenapplaus für Leikerts Worte.

Christian Reichardt bekam diesen Zwischenapplaus nicht, obwohl er nach anfänglicher Unsicherheit immer souveräner wurde. Er wolle eine Wahl bieten, eine echte Wahl. Warum er kandidiere? Er sei mit dem Zustand der MKK-CDU unzufrieden, genauso wie mit der Kommunikation und den letzten Wahlergebnisse vor Ort.

Leikert freut sich über die Fortsetzung ihrer Arbeit

Der Vater von zwei erwachsenen Kindern forderte eine gute Wirtschaftspolitik und betonte seine Nähe zu Friedrich Merz. Er wolle vor allem für die Basis da sein. „Ich trete an, damit wir wieder auf die Spur kommen. Ich glaube, dass wir viel mehr Leute mit Lebenserfahrung brauchen, die nicht nur in der politischen Blase unterwegs sind“, so der Geschäftsführer einer Sprachschule in Richtung Leikert.

Blumen für die Siegerin: Wahlleiter Markus Jung gratuliert Katja Leikert zur dritten Nominierung für die Bundestagswahl.

Überzeugen konnte er die Mehrheit am Ende nicht. Reichardt ist weiter im Stadtverband der CDU Maintal aktiv, steht dort auf der Liste für die Kommunalwahl.

Katja Leikert atmet tief durch. Nach dem Foto mit der Hanauer CDU hat sie Zeit für ein kurzes Gespräch. „Ich freue mich, dass ich meine Arbeit fortsetzen kann“, erklärt die promovierte Politikwissenschaftlerin, die seit 2013 den Wahlkreis 180 in Berlin vertritt. Was will sie tun gegen die offenkundige Spaltung innerhalb der CDU Main-Kinzig? „Ich kann nur jeden einladen mitzuarbeiten, einen Schlussstrich unter das Vergangene zu ziehen. Wir sind nur stark, wenn wir zusammenhalten.“

Der Bundestagswahlkreis 180 

Dem Wahlkreis 180 gehören neben Hanau und Maintal, den beiden größten Städten im Main-Kinzig-Kreis, auch Bruchköbel, Erlensee, Nidderau, Langenselbold, Großkrotzenburg, Hammersbach, Hasselroth, Neuberg, Niederdorfelden, Rodenbach, Ronneburg und Schöneck an. Katja Leikert trat 2012 in die CDU ein und wurde direkt als Bundestagskandidatin nominiert.

Der zweifachen Mutter, die mit ihrer Familie in Bruchköbel lebt, gelang 2013 die Überraschung. Sie schlug den Politiprofi Dr. Sascha Raabe und gewann das Direktmandat mit 44 Prozent der Erststimmen. Vor der letzten Bundestagswahl votierten 92 Prozent der Wahlkreisdelegierten für Leikert als Kandidatin. Damals gab es keinen Gegenkandidaten. Leikert holte 2017 mit insgesamt 35 Prozent der Erststimmen erneut das Direktmandat im Wahlkreis 180. Seit Januar 2018 ist die 45-Jährige stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion mit dem Zuständigkeitsbereich Europapolitik. Leikert ist zudem Vorsitzende der CDU Main-Kinzig. Immer wieder gibt es hier innerparteilichen Streit mit dem Landtagsabgeordneten und Kreistags-Fraktionsvorsitzenden Michael Reul, der zu Leikerts größten Kritikern gehört. bac

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