Corona-Pandemie

Main-Kinzig-Kreis: Bundeswehr hilft im Gesundheitsamt bei Corona-Nachverfolgung mit

Soldat der Bundeswehr vor Computer
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Die Bundeswehr hilft im Main-Kinzig-Kreis bei der Kontaktnachverfolgung.

Die Soldaten des Bataillons Elektronische Kampfführung 932 der Bundeswehr tragen normalerweise Informationen über mögliche Gegner des Landes zusammen, hören sie ab und spähen sie aus. Jetzt sitzen sie stundenlang am PC mit dem Telefonhörer in der Hand.

Main-Kinzig-Kreis - Seit Montag heißt ihr „Gegner“ Corona. Denn die sonst im hessischen Frankenberg (Eder) stationierten Soldaten helfen tatkräftig im Gesundheitsamt des Main-Kinzig-Kreises bei der Kontaktpersonennachverfolgung (KPNV) mit, wie es im Beamtendeutsch heißt. Die 20 Frauen und Männer sind damit in guter Gesellschaft, bundesweit sind fast 4000 Soldaten derzeit auf diese Weise im Einsatz.

Bundeswehr steht im Katastrophenfall bereit

„Sie unterstützen im Gesundheitsamt die zivilen Angestellten“, erläutert Reservist Christian Keimer im Gespräch mit unserer Zeitung. Der 45-jährige Oberstleutnant a. D. steuerte jahrelang Kampfflugzeuge. Heute ist er Teil des zehnköpfigen, ehrenamtlichen Kreisverbindungskommandos der Bundeswehr für den Main-Kinzig-Kreis. Er hat den Einsatz koordiniert.

Das Gremium ist Ansprechpartner für den Landrat im Katastrophenfall und wird bei einer solchen Lage im Gelnhausener Gefahrenabwehrzentrum zusammengezogen. „Jeder Kreis und jede kreisfreie Stadt hat ein solches Verbindungskommando“, erläutert er. Es käme bei Katastrophen aller Art wie Überschwemmungen oder Waldbränden zum Einsatz – und nun auch in dieser besonderen gesellschaftlichen Situation.

Corona-Pandemie: Deutlich über 1000 Anträge auf Unterstützung der Bundeswehr

Letzte Woche sei die Anfrage von Landrat Stolz gekommen. Dabei galt es zunächst, den Bundeswehr-Dienstweg einzuhalten: Abstimmungen mit dem Landeskommando Hessen wie auch dem Kommando Territoriale Aufgaben in Berlin waren nötig. „Insgesamt hat die Bundeswehr 1300 Anträge auf Unterstützung bei Corona-Aufgaben erhalten“, macht Keimer die Dimension deutlich.

Die Aufklärungskräfte aus Frankenberg hätten sich freiwillig für die Aufgabe in Gelnhausen gemeldet, betont Keimer, der die Gruppe mit Hauptmann Friedhelm Brandau führt. Andere Bundeswehr-Aufgaben blieben wegen des außerplanmäßigen Einsatzes nicht liegen.

„Durch Corona sind auch wir in unseren Übungstätigkeiten eingeschränkt“, so Keimer. Er ist gebürtiger Hanauer, wohnt heute in Bruchköbel und verdient sein Geld als Projektmanager im Bereich Drohnen. In Hanau ist er als Vorsitzender des Fördervereins von Fußball-Hessenligist Hanau 93 bekannt.

Soldaten sind im Main-Kinzig-Kreis bis zum 30. November im Einsatz

Nach einer Einführung in das für die Aufgabe verwendete Computerprogramm haben die Soldaten ein Großraumbüro im Gesundheitsamt bezogen. Von morgens bis abends greifen sie nun zum Hörer und versuchen, Infektionsketten zu durchbrechen. Dabei ist detektivischer Spürsinn gefragt – angesichts der sonstigen Tätigkeiten des Bataillons dürfte es daran nicht mangeln. Da die Soldaten im Dienst sind, tragen sie laut Keimer ihre Uniform. „Am Telefon treten sie aber nicht als Bundeswehrsoldaten mit Dienstgrad auf“, erklärt er.

Vorerst seien die Soldatinnen und Soldaten bis 30. November im Einsatz. Dieser könne aber nach Entscheidung des Landrats verlängert oder verkürzt werden, so Keimer. „Wir bleiben so lange, bis wir nicht mehr gebraucht werden“, sagt er. Untergebracht sind die Bundeswehrkräfte für die Dauer ihres Einsatzes im Jugendzentrum Ronneburg.

Bundeswehr soll helfen, Infektionsketten zu durchbrechen

Die Soldaten „leisten mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag und verstärken unser Gesundheitsamt, das seit Monaten hart an der Belastungsgrenze arbeitet“, erklärte Landrat Stolz gestern laut Mitteilung. „Mit dieser personellen Unterstützung, die wir gezielt im Bereich der Kontaktnachverfolgung einsetzen, wird ein wichtiger Beitrag dazu geleistet, die Containment-Strategie fortzusetzen, um so Infektionsketten zu durchbrechen, Absonderungen vorzunehmen und Kontaktpersonen zügig zu informieren“, erklärte Stolz, der die Bundeswehrkameraden und -kameradinnen im Barbarossasaal des Main-Kinzig-Forums zusammen mit der Ersten Kreisbeigeordneter Susanne Simmler begrüßte.

Gemeinsam gegen das Coronavirus: Landrat Thorsten Stolz (Dritter von links) und Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler begrüßen die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die das Gesundheitsamt des Main-Kinzig-Kreises bei der Nachverfolgung von Kontaktpersonen unterstützen.

Dass sich die Soldaten freiwillig für den Einsatz im Kreis gemeldet hätten, sei nicht selbstverständlich. „Wir freuen uns sehr über die tatkräftige Unterstützung der Truppe, und ich sage im Namen unserer Bürgerschaft Danke, dass sie da sind“, so Stolz.

Infektionsgeschehen im Main-Kinzig-Kreis weiterhin hoch

„Das Infektionsgeschehen im Main-Kinzig-Kreis hat in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen. Das, was die Kolleginnen und Kollegen im Gesundheitsamt, aber auch alle Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ämtern und aus kreiseigenen Betrieben, seit vielen Tagen und Wochen gemeinsam leisten, ist außergewöhnlich. Aber auch diese Kraft hat angesichts der hohen Fallzahlen, der vielen Kontaktpersonen, ein Ende. Genau da brauchten wir weitere Unterstützung“, sagte Susanne Simmler laut Mitteilung.

Corona-Nachverfolgung: Immer mehr Überzeugungsarbeit notwendig

Sie stimmte die Männer und Frauen auf den herausfordernden Dienst am Telefon ein. „Denn wir befinden uns jetzt in einer Phase der Pandemie, in der angesichts von im Schnitt 100 neuen Coronavirus-Fällen pro Tag nicht nur die Listen der Kontaktpersonen immer länger werden, sondern auch immer mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden muss. Wir müssen in diesen Tagen deshalb besonders viel erklären und um Verständnis für alle Maßnahmen werben, denn ohne das Mittun eines jeden Einzelnen geht es nicht.“

Rund 4000 Soldaten bundesweit im Corona-Einsatz

Die Bundeswehr ist inzwischen mit etwa 4000 Soldatinnen und Soldaten zur Bekämpfung der Corona-Pandemie im Einsatz (wir berichteten). Die Zahl hat sich binnen einer Woche in etwa verdoppelt. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte am Sonntag in einem Interview mit den Fernsehsendern RTL und ntv: „Wir sind mittlerweile in jedem zweiten Gesundheitsamt aktiv.“ Schwerpunktmäßig helfen die Soldaten in den Gesundheitsämtern – zum Beispiel bei der Nachverfolgung von Infektionsketten wie nun auch im Main-Kinzig-Kreis, bei der Entnahme von Abstrichen oder an Teststationen. Auch in Alten- und Pflegeheimen sind sie aktiv. Die Kräfte gehören zum Einsatzkontingent „Hilfeleistung gegen Corona“, das über insgesamt 15 000 Soldaten verfügt. Man sehe, dass der Bedarf an Hilfe von Tag zu Tag wirklich sprunghaft ansteige, sagte die CDU-Chefin. „Das ist ein Zeichen dafür, wie massiv diese zweite Welle ist.“ Kramp-Karrenbauer bat die Bevölkerung, sich an die Regeln des Teil-Lockdowns zu halten, „damit wir alle miteinander ein unbeschwerteres Weihnachten feiern können“. dpa

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