Ehrenamt

Diakonische Flüchtlingshilfe wird 30: Angst vor Abschiebung hat zugenommen

Beim 25-jährigen Jubiläum der Diakonischen Flüchtlingshilfe bekam die Initiative „Lampedusa in Hanau“ den Christiane-Bräunlich-Preis in der Hanauer Christuskirche überreicht.
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Beim 25-jährigen Jubiläum der Diakonischen Flüchtlingshilfe bekam die Initiative „Lampedusa in Hanau“ den Christiane-Bräunlich-Preis in der Hanauer Christuskirche überreicht.

Auch 30 Jahre nach der Gründung der Diakonischen Flüchtlingshilfe im Kreis sei die Arbeit des Vereins weiterhin unerlässlich, meint Otto Löber beim Telefonat mit dem HANAUER ANZEIGER. „Denn da wo Bürgerkrieg oder Krieg ist, da kommen Flüchtlinge her“, sagt der Pfarrer im Ruhestand, der früher den Gemeinden in Nidderau-Eichen-Erbstadt vorstand und kurz nach der Vereinsgründung zur Diakonischen Flüchtlingshilfe stieß.

Main-Kinzig-Kreis - Im November 1990 gründeten kirchliche Körperschaften, Einzelpersonen und Initiativen die kreisweite Flüchtlingshilfe. Viele von ihnen engagierten sich schon seit den 1980er Jahren unabhängig voneinander für geflüchtete Menschen. Die Diakonische Flüchtlingshilfe kanalisierte diese Anstrengungen. Außerdem konnte der Verein unabhängig von offiziellen kirchlichen Vorgaben agieren.

Deutschland nimmt in der Zeit zwischen 1991 und 1995 die meisten Bürgerkriegsflüchtlinge aus den Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens auf. Geschätzte 350 000 Menschen finden einen Zufluchtsort in der Bundesrepublik. Nach einer Berechnung der Uni Bamberg kehrten die meisten wieder in ihr Land zurück. Lediglich 20 000 Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina wurden als Härtefälle eingestuft und blieben dauerhaft in Deutschland.

Flüchtlinge haben viele Fragen

„Das war eine der ersten großen Flüchtlingswellen, die uns erreicht hat“, erinnert sich der 68-jährige Löber. „Es war zu Beginn der Vereinsgründung nicht klar, was ist notwendig, was müssen wir zur Verfügung stellen, um den Menschen zu helfen.“ Im Laufe der Zeit kristallisiert sich dann heraus, dass die geflüchteten Menschen vor allem Beratung in Fragen des Bleiberechts benötigen. Diese Beratungsaufgabe übernimmt damals Herwig Putsche, genannt Moses, und hat sie erst 2019 an Marion Bayer weitergegeben.

Die Diakonische Flüchtlingshilfe bemüht sich ebenso um Vernetzung mit anderen Institutionen und Organisationen. Warum die Arbeit des Vereins weiter wichtig ist? „Wir haben im Laufe der Jahre erlebt, dass sich die Situation der Flüchtlinge beständig verschlechtert hat“, konstatiert Löber dazu. Im Laufe der Jahre entwickelt sich die Unterstützungsarbeit, immer orientiert an den Bedürfnissen der geflüchteten Menschen. So seien damals posttraumatische Belastungsstörungen gar nicht als Fluchtgrund anerkannt gewesen. Insbesondere für Kirchengemeinden sei die Flüchtlingshilfe ein wichtiger Anlaufpunkt. „Wir haben im Laufe der Jahre viele Kirchenasyle durchgeführt und begleitet“, erzählt Löber.

Auch nach außen hin tritt der Verein verstärkt auf. Um positive Signale zu senden, wird seit 2002 eine Ehrung besonders engagierter Personen im Bereich der Flüchtlingshilfe durchgeführt. Der Preis wird benannt nach Christiane Bräunlich, einer Pfarrersfrau aus Freigericht, die sich viele Jahre in der Flüchtlingshilfe engagiert hatte. Die auch „Mutter der Flüchtlinge“ genannte Sombornerin ist 2001 gestorben. „Es sind immer die Menschen vor Ort, die sich am meisten engagieren“, so Löber. Seit damals wird dieser Preis jedes Jahr am 10. Dezember verliehen, das ist der Tag der Menschenrechte.

Laudatio in der Christuskirche: Gründungsmitglied Ottmar Muth (von links), Gründer und langjähriger Vorsitzender Dekan i.R. Peter Gbiorczyk und der langjährige Flüchtlingsberater Herwig Putsche genannt Moses.

Im Verlaufe der Jahre stellen die ehrenamtlichen Helfer der Flüchtlingshilfe immer mehr fest, dass es auch wichtig ist, die Lage der geflüchteten Menschen an den EU-Außengrenzen zu beachten. „Man muss seinen Blick weiten, um zu wissen, was diese Menschen auf ihrem Weg zu uns durchgemacht haben“, betont Löber. So entsteht 2013 ein interreligiöser Gedenkgottesdienst, der jährlich in Gelnhausen-Meerholz in Gedenken an die Toten an den europäischen Außengrenzen stattfindet. Nach einigen Jahren wird dieser Gottesdienst allerdings wieder eingestellt.

Marion Bayer, die aktuelle hauptamtliche Beraterin der Flüchtlingshilfe, die ihr Büro in der Hanauer Metzgerstraße 8 hat, kennt die Situation an den EU-Außengrenzen aus eigener Anschauung. Sie reist regelmäßig auf eigene Kosten in die Flüchtlingslager nach Griechenland oder ist auf den Routen der Flüchtlinge unterwegs. Ihre Erfahrungen aus diesen Reisen helfen ihr bei der Beratungsarbeit sehr. Das schaffe Verbindung und Vertrauen, so Löber. Und dieses Vertrauen sei für viele der Geflüchteten, die oftmals traumatische Erlebnisse hinter sich haben, bevor sie Deutschland erreichen, eine wichtige Basis der Zusammenarbeit.

Beratungsstelle in der Metzgerstraße auch ein sozialer Treffpunkt

Die Beratungsstelle in der Metzgerstraße sei auch ein sozialer Treffpunkt, betont Marion Bayer im Telefongespräch. Zwei Mal wöchentlich findet parallel zu den Beratungen auch ein Café statt. Das Café sei aktuell wegen Corona allerdings ausgesetzt. „Aber die persönlichen Beratungen finden unter den Hygienevorschriften statt“, so Bayer. Vor allem Menschen im laufenden Asylverfahren, die einen Ablehnungsbescheid erhalten haben, suchen die Beratung auf. „Schwerpunkt unserer Arbeit sind Dublin-Verfahren und die europäischen Zuständigkeiten“, berichtet Bayer.

In die Hanauer Beratungsstelle kommen Geflüchtete nicht nur aus dem Main-Kinzig-Kreis. Auch aus dem Landkreis Offenbach, aus Seligenstadt oder dem Wetteraukreis kamen bis vor Kurzem noch Hilfesuchende. In Büdingen ist ein Auffanglager, aber bis vor einem Jahr noch keine Beratungsstelle. Bayer meint, es gebe eine immer restriktivere Rechtssprechung gegen Flüchtlinge. „Zunehmend werden die Asylanträge gerichtlich abgelehnt.“

Hessenweit gibt es im Main-Kinzig-Kreis die höchste Zahl der somalischen Flüchtlinge, berichtet Bayer. Mit Menschen aus Äthiopien und Eritrea haben sie gemeinsam, dass sie früher in Deutschland Schutz gefunden haben. Nun würden sie größtenteils zurückgeschickt, da ihre Heimatländer offiziell als sicher gelten.

Preisverleihung Christiane-Bräunlich-Preis 2009 an Marion Bayer (rechts), die jetzige Flüchtlingsberaterin. Pfarrerin Margit Zahn, hielt die Laudatio, Otto Löber gratulierte.

Im Corona-Jahr 2020 hatte die Beratungsstelle von März bis August geschlossen. Nur online und telefonisch konnte Bayer den Flüchtlingen helfen. Seit sechs Monaten gibt es wieder Einzelberatungen. Insgesamt knapp 1200 Beratungen wurden von Januar bis November 2020 durchgeführt. Und die Themen haben sich verschoben. „Wir mussten uns umstellen, denn es werden immer mehr Sozialberatungen benötigt. Weil viele Behörden nur noch schwer erreichbar sind und viele Flüchtlinge mit prekären Beschäftigungsverhältnissen wegen Corona arbeitslos geworden sind.“

Corona drückt vielen aufs Gemüt

Noch dazu drücken die Corona-Einschränkungen vor allem den Menschen, die in Flüchtlingsheimen untergebracht sind aufs Gemüt. Bayer kennt einige Fälle, wo sie wegen posttraumatischen Angstzuständen in psychiatrische Behandlung mussten. „Vielen geht es psychisch schlecht, weil sie es kennen, eingesperrt zu sein, und das traumatische Erinnerungen hervorruft.“ Wegen Corona habe es zwar einen Rückgang bei den Zahlen der Neuankömmlinge gegeben. Aber die Arbeit der Flüchtlingshilfe sei wichtiger den je. „Denn der Druck der Abschiebung hat zugenommen.“

Außerdem habe der rassistische Anschlag vom 19. Februar in Hanau gezeigt, dass es offene Räume der Begegnung braucht, um gemeinsam über die Folgen von Terror hinweg zukommen. (Von Monica Bielesch)

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