Gesellschaft für Naturschutz und Auenentwicklung zieht Bilanz

GNA: Artenvielfalt in der Region in einem verheerenden Abwärtstrend

Mitunter kommt für den Artenschutz auch schweres Gerät zum Einsatz.
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Mitunter kommt für den Artenschutz auch schweres Gerät zum Einsatz.

Ein schwieriges, aber in Teilen durchaus erfolgreiches Jahr liegt hinter den Mitgliedern der Gesellschaft für Naturschutz und Auenentwicklung (GNA). Sie setzen sich gleichermaßen für Maßnahmen zum Schutz der heimischen Flora und Fauna wie für die Umweltbildung ein.

Main-Kinzig-Kreis - In „normalen“ Jahren erreicht das vielfältige Umweltbildungsprogramm der GNA hunderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Hier wirkte sich die Corona-Pandemie besonders hart aus. „Bis auf zwei Veranstaltungen mussten 2020 alle Exkursionen, Fortbildungen und Vorträge abgesagt werden, Schulpraktika konnten nicht durchgeführt werden und auch unsere Naturschutzjugend musste lange pausieren“, bedauert die Erste Vorsitzende der seit 2003 im Main-Kinzig-Kreis tätigen Naturschutzorganisation, Susanne Hufmann.

Auf der anderen Seite aber gelang es der GNA, wichtige Natur- und Artenschutzprojekte im Main-Kinzig-Kreis voranzubringen. Das sei auch nötiger denn je, meint Hufmann. „Denn trotz vieler Anstrengungen und guter Projekte, müssen wir feststellen, dass die Artenvielfalt auch bei uns leider immer mehr ins Hintertreffen gerät. Obwohl viele Politiker und Kommunen ihren guten Willen in Sachen Biodiversität bekunden, passiert in der Landschaft um uns herum viel zu oft das Gegenteil“, kritisiert die GNA-Vorsitzende.

Wichtigste Aufgabe: Naturschutz-Projekte realisieren

Deshalb sei es umso wichtiger, Naturschutz-Projekte zu realisieren. Dazu zähle beispielsweise das Feuchtbiotop Bechtoldsahl in der Gelnhäuser Kinzigaue. Das in Kooperation mit der Stadt Gelnhausen, dem Landschaftspflegeverband Main-Kinzig und der Natur- und Vogelschutzgruppe Meerholz-Hailer zwischen 2018 und 2020 entstandene Projekt sei ein sehr wichtiger Beitrag zum Erhalt der Biodiversität in der Aue, so Hufmann.

Gemeinsam mit dem Landschaftspflegeverband Main-Kinzig legte die GNA im Februar auch eine Konzeption zur Vernetzung der Lebensräume der seltenen Gelbbauchunke in der Kinzigaue mit dem noch aktuellen Vorkommen in der „Hardt bei Bernbach“ und der „Sandgrube von Neuses“ vor. „Nun liegt es in der Hand des Regierungspräsidiums Darmstadt, unsere umfangreichen Maßnahmenvorschläge zu realisieren und/oder die dafür erforderlichen finanziellen Mittel bereitzustellen“, erläutert Günter Könitzer, langjähriger Naturschützer und GNA-Vorstandsmitglied.

Das Brachttaler Fußloch ist ein außergewöhnliches Quellgebiet, das in Teilen bereits kartiert wurde.

Auch für den Laubfrosch setzen sich die Naturschützer ein – und das mit schwerem Gerät. Denn ein von der GNA geschaffener Biotopverbund in den Kinzigauen von Rodenbach bis Gründau ist entscheidend für das Überleben vieler Tierarten, die auf Überschwemmungstümpel und Laichhabitate angewiesen sind. Dazu zählen neben dem selten gewordenen Laubfrosch auch wiesenbrütende Vogelarten wie Kiebitz und Bekassine ebenso wie seltene Libellen, Teichmolche, Gras- frösche, Erdkröten und die gesamte Bandbreite an Wasserorganismen. Die Arbeiten an dem Biotopverbund wurden auch im vergangenen Jahr fortgesetzt. So versetzte die GNA im September mehr als zehn Flutmulden und Tümpel in Langenselbold und Hasselroth in ihren Ursprungszustand.

Auch die Wiederherstellung von Eisvögel-Brutwänden an der Kinzig gehörte zu den Projekten der GNA. Finanziert auch mit Mitteln aus der Umweltlotterie GENAU wurden bessere Brutbedingungen für Eisvögel geschaffen. Zuletzt unterstützten die Artenschützer das Forstamt Wolfgang bei der Herstellung neuer Brutwände im Naturschutzgebiet „Kinzigauen von Langenselbold“.

Ein außergewöhnliches Projekt starteten die Naturschützer im Brachttaler „Fußloch“. Um das etwa 20 Hektar große Areal ökologisch aufzuwerten, gab die GNA in Kooperation mit der Gemeinde Brachttal den Startschuss für die Entwicklung dieses „halb offenen Landlebensraumes“. Dazu wurden große Steinriegel und -wälle freigestellt und wertvolle Feuchtwiesen vom Gehölzaufwuchs befreit. Im nächsten Jahr werden die Lesesteinriegel weiter „saniert“, denn sie sind überlebenswichtige Strukturen für viele wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten. Die Hohlräume zwischen den Steinen dienen oft als Versteck oder frostsichere Winterquartiere. Tagsüber werden sie als Sonnenplätze genutzt. Komplettiert wird das Angebot an Schlange, Eidechse, Frosch, Kröte und Co. durch etliche Totholzhaufen.

Im Auftrag der GNA kartierten zudem Experten vom Landesverband für Höhlen- und Karstforschung Hessen 43 Quellaustritte im südlichen Teil des Brachttaler Fußlochs. Dabei wurden bislang 139 verschiedene Artengruppen in den Quellen entdeckt, wobei noch zahlreiche Endbestimmungen ausstehen. Neben dem bis zu 1,5 Zentimeter großem Alpenstrudelwurm entdeckten die Kartierer Höhlenflohkrebse und die Larve der Vierkant-Quellköcherfliege; allesamt an den Lebensraum Quelle angepasste Spezialisten. Eine weitere Besonderheit stellte der Fund der endemischen Rhön-Quellschnecke dar, die nur im Dreiländereck Hessen, Thüringen und Bayern vorkommt. Im nördlichen Teil vermutet die GNA weitere 50 Quellaustritte. Dort sind weitere Untersuchungen für das kommende Frühjahr in Planung.

Dem Fischotter helfen, sich wieder anzusiedeln

Um dem Fischotter die Wiederbesiedlung der Kinzig zu erleichtern, ist die Reduzierung der Gefahren durch den Straßenverkehr von entscheidender Bedeutung. Dazu erfassten Mitarbeiter der GNA inzwischen alle Brückenbauwerke zwischen Wächtersbach und Hanau und beurteilten ihre Passierbarkeit. Zusätzlich kartierten sie mit dem Kajak Lebensraumstrukturen wie Kiesbänke, Schilfsäume und Einmündungen der Nebengewässer sowie, insofern vorhanden, Fischotterspuren (Trittsiegel, Kot und Otterausstiege). Das von der Heinz Sielmann Stiftung unterstützte Projekt wird 2021 beendet. Dann sollen entsprechende Empfehlungen an die Straßen- und Verkehrsverwaltung formuliert werden.

Feuchtbiotope sind ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt im Kinzigtal. Durch die Anlage von Teichen und Tümpeln greift die GNA unterstützend ein.

Doch trotz aller Bemühungen, klingt der Ausblick der Naturschützer wenig optimistisch. Die Artenvielfalt befinde sich weiter in einem verheerenden Abwärtstrend. „Es reicht einfach nicht mehr aus, überall dort, wo es noch geht, kleinräumig Biotope zu schaffen, zu pflegen und langfristig zu betreuen, wenn großflächig ganze Lebensräume durch menschliche Aktivitäten beeinträchtigt werden und letztlich verschwinden,“ meint Hufmann.

Gewerbe- und Neubaugebiete expandierten weiter auf der grünen Wiese, der Ausbau von Straßen und vermehrt auch von land- und forstwirtschaftlichen Wegen zerschneide die Natur. „Und eine immer intensivere Landwirtschaft gibt dem Grünland und Wiesen in den Fluss-auen den Rest,“ mahnt die GNA dringend ein grundsätzliches Umsteuern auf vielen Handlungsfeldern an. (pm/did)

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