Personal fehlt

So bewältigen die Alten- und Pflegeeinrichtungen im Main-Kinzig-Kreis die Corona-Test-Herausforderung

Die Schnelltests stellen die Alten- und Pflegeeinrichtungen der Region vor große Herausforderungen: Am Sonntag haben sich die Ministerpräsidenten der Bundesländer auf verpflichtende Tests in Alten- und Pflegeheimen verständigt. Dazu sind nicht nur aufwendige Testkonzepte erforderlich, teilweise fehlt es an qualifiziertem Personal – ist dies vorhanden, wird es durch die Testverfahren gebunden und fehlt in anderen Bereichen der Einrichtungen.
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Die Schnelltests stellen die Alten- und Pflegeeinrichtungen der Region vor große Herausforderungen: Am Sonntag haben sich die Ministerpräsidenten der Bundesländer auf verpflichtende Tests in Alten- und Pflegeheimen verständigt. Dazu sind nicht nur aufwendige Testkonzepte erforderlich, teilweise fehlt es an qualifiziertem Personal – ist dies vorhanden, wird es durch die Testverfahren gebunden und fehlt in anderen Bereichen der Einrichtungen.

Sogenannte Corona-Schnelltests in Alten- und Pflegeeinrichtungen sind in aller Munde, seit die Bundesregierung Mitte Oktober eine entsprechende Testverordnung in Kraft gesetzt hat. Auf diese Weise sollen Coronavirus-Infektionen besser unter Kontrolle gehalten und die Häuser für Besucher weiterhin geöffnet bleiben dürfen. Doch was bisweilen plakativ daher kommt, stellt die Einrichtungen vor große Herausforderungen: Der Testaufwand ist enorm, und es fehlt an Personal – auch im Main-Kinzig-Kreis.

Main-Kinzig-Kreis – Eine Nachfrage unserer Zeitung bei verschiedenen großen und kleinen Einrichtungen im Landkreis ergab: Dort, wo diese Schnelltests bereits angeboten werden, reißt das dafür benötigte Personal vielfach Lücken in den Betreuungs- und Pflegebetrieb, die dann anderweitig geschlossen werden müssen. Krankheitsbedingte Ausfälle sind da noch gar nicht berücksichtigt. „Gerne hätte ich für die Tests zusätzliches Personal, aber das müsste dann eine Pflegekraft mit dreijähriger Ausbildung oder eine Arzthelferin sein, die auf dem Markt bekanntlich mehr als rar gesät sind“, sagt Stefan Smolinka, der Leiter des Alten- und Pflegeheimes St. Martin in Bad Orb.

Manfred Maaß von der Einrichtung Mainterrasse in Hanau-Steinheim sieht es ähnlich: „Das ist sehr personalaufwendig und reißt Lücken in andere Bereiche des Hauses, für die wir zusätzliches qualifiziertes Personal benötigen.“ In der Alloheim-Seniorenresidenz Nidderau gehen sie eher ungewöhnliche Wege. Das Haus machte neulich mit einer Pressemitteilung „Helfende Hände für Schnelltests gesucht“ auf sein Personalproblem aufmerksam. Qualifizierte Ehrenamtliche würden gesucht, denn mit den eigenen Leuten sei das nicht zu schaffen, sagt Pflegedienstleiter Peter Waschescio.

Kursana-Domizil in Bruchköbel: der personelle Preis ist hoch

Im Kursana-Domizil in Bruchköbel laufen die Tests seit über einer Woche. Der personelle Preis dafür ist auch hier hoch: „Wir haben ein dreiköpfiges Team gebildet, das sich montags bis freitags nur dieser Aufgabe widmet“, sagt Kursana-Direktorin Margitta Bieker, die selbst zu dieser Tester-Gruppe gehört. Betriebsfremde Personen werden für diese Aufgaben hier nicht eingesetzt.

Vor dem Hintergrund der Personalprobleme konstatiert der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe in Berlin: „Die Verordnung (zur Schnelltestung, d. Red.) (...) fordert viel Geschick von den Leitungen der Einrichtungen und der ambulanten Dienste.“

So sehr über personelle Probleme geklagt wird – die Sinnhaftigkeit der Schnelltests als solche wird wohl nirgends infrage gestellt: „Grundsätzlich begrüßen wir die Möglichkeit, mit einem schnelleren Verfahren als die sogenannten PCR-Tests Kenntnisse über ‚positive’ Mitarbeiter oder Bewohner zu erlangen“, sagt die Sprecherin der Vereinten Martin Luther + Althanauer Hospital-Stiftung (VMLS), „auf diese Weise kann sicherlich verhindert werden, dass eine infizierte Person unwissentlich andere ansteckt.“

Besucher werden getestet, wenn triftige Gründe vorliegen

Außerdem verweist sie auf den positiven psychologischen Effekt der Beruhigung. Seit die Tests angelaufen sind, konnte hier ein infizierter Mitarbeiter entdeckt werden – rechtzeitig, wie es heißt. Zur Stiftung gehören insgesamt zehn Häuser in Hanau und anderen Kommunen im Landkreis.

Da können auch die zwölf kreiseigenen Alten- und Pflegezentren mithalten. Auch hier sollen vor allem Mitarbeiter und Bewohner getestet werden – letztere allerdings nur freiwillig. Bei Bewohnern, die selbst nicht in der Lage sind, ihren Willen zu äußern, muss – wie überall – das Einverständnis bei Angehörigen oder Vertretungsberechtigten erfragt werden.

Auch Besucher werden getestet, wenn triftige Gründe vorliegen und sie einwilligen. Schließlich sind da noch die regelmäßig anwesenden externen Dienstleister, darunter Fußpfleger, Physiotherapeuten, Seelsorger, Logopäden und Friseure. Ihnen wird eine Schnelltestung immer dann angeboten, wenn, wie derzeit, in einem Sieben-Tage-Zeitraum die Zahl der Corona-Neuinfektionen kreisweit bei über 50 pro 100 000 Einwohnern liegt. Andere Träger handhaben es ähnlich.

Testungspersonal muss nach strengen Eignungskriterien ausgesucht werden

Der Einsatz von Corona-Schnelltests in Alten- und Pflegeheimen hat nach Inkrafttreten einer bundesweiten Testverordnung im Oktober einmal mehr für viele Schlagzeilen gesorgt. Doch eben mal testen, Ergebnis abwarten und alles ist gut – oder eben nicht? Das suggerieren zwar die vielen Nachrichten und offiziellen Verlautbarungen zu diesem Thema, aber ganz so einfach ist das nicht. Für jedes Haus, in dem Schnelltests angeboten werden sollen, muss zuvor ein aufwendiges Testkonzept erstellt und beim Hessischen Sozialministerium eingereicht werden.

Erst, wenn Wiesbaden grünes Licht gibt und anhand der Pflegeplatzzahl das monatliche Kontingent an Test-Sets festgelegt hat, kann sich die betreffende Einrichtung an die Besorgung des Materials machen. Bei mittlerweile 30 Testungen, die allein in der vollstationären Pflege pro Bewohner und Monat möglich sind, ist das kein leichtes Unterfangen. Da müssen riesige Mengen an Testmaterial geordert werden, was meist nur über Sammelbestellungen möglich ist und zeitweilig auch zu Engpässen führt, wie die Sprecherin der VMLS berichtet.

Aber es muss auch das Personal nach strengen Eignungskriterien (zum Beispiel examinierte Pflegekräfte) ausgesucht und durch einen Arzt unterwiesen werden. Und es müssen Termine für die Testung mit den hausinternen Betriebsabläufen unter einen Hut gebracht werden.

Corona-Schnelltests sind seit Sonntag in Alten- und Pflegezentren verpflichtend

Keine leichte Aufgabe bei der vielerorts ohnehin angespannten Personalsituation. Der Sprecher der kreiseigenen Alten- und Pflegezentren sagte unserer Zeitung: „In der Zurverfügungstellung ausreichenden Personals für die Testdurchführung liegt aktuell das größte Problem, da eigenes Personal auf Grund der hohen Ausfallzeiten durch Erkrankungen und Quarantäne-Maßnahmen zumeist in der Versorgung der Bewohner und Bewohnerinnen eingesetzt werden muss und externes Personal schwer oder gar nicht zu finden ist.“ Die Personalausfallquote liegt hier über alle Standorte hinweg aktuell bei über 12 Prozent.

Wie viele Einrichtungen im Main-Kinzig-Kreis die Tests anbieten, ist bisher unklar. Es sei aber „der größere Teil“, hieß es vom Sozialministerium auf Nachfrage unserer Zeitung. Zwischenzeitlich haben sich die Ministerpräsidenten der Bundesländer am vergangenen Sonntag auf verpflichtende Corona-Schnelltests in den Heimen verständigt.

Corona-Schnelltests dienen vor allem der Prävention

Corona-Antigen-Schnelltests: Dabei handelt es sich um die PoC-(Point of Care)Tests, auch bekannt unter SARS-CoV-2-Antigentests. Der Zeitaufwand je Testung beträgt rund 15 Minuten.

Corona-Testverordnung (Test-V): Der Einsatz der Corona-Schnelltests in Einrichtungen für Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderungen geht zurück auf eine Verordnung des Bundesministeriums für Gesundheit vom 15. Oktober 2020. Diese Einrichtungen konnten freiwillig Schnelltests unter Bewohnern und Mitarbeitern durchführen. Durchgeführt werden dürfen die Tests nur von dafür qualifizierten Mitarbeitern in der Pflege bzw. Patientenversorgung. Ab Sonntag sind die Testungen bundesweit verpflichtend.

Kein Ersatz für andere Maßnahmen: Schnelltests dienen der Prävention. Sie sollen helfen, die Ausbreitung von Corona-Virusinfektionen zu verhindern und ergänzen zugleich andere diagnostische Maßnahmen. litt

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