Maintal

Bernhard Siever war 22 Jahre lang Lehrer im Ausland

Ein halbes Jahr hat Siever gebraucht, um China schließlich doch in sein Herz zu schließen. Seine Schüler der Albert-Einstein-Schule sind vom Reich der Mitte meist nach nur zwei Wochen begeistert. Neben dem chinesischen Schulleben lernen die Maintaler auch die Kultur kennen. Foto: Privat

Maintal. Durch verschiedene Zufälle fand Bernhard Siever über 20 Jahre lang sein Glück in Saudi-Arabien und Asien. Seit zehn Jahren ist er in Maintal und unterrichtet an der Albert-Einstein-Schule. Dort organisiert er den regelmäßigen China-Austausch und nimmt seine Schüler mit in eine exotische Welt.

Von Michael Bellack

Das Angebot kam unvermittelt. „Haben Sie Lust auf Saudi-Arabien?“, wurde Bernhard Siever im Jahr 1986 gefragt. Er bejahte – und für ihn begann ein langer Lebensabschnitt voller Abenteuer. „Die deutsche Schule in Dschidda hat Referendare gesucht und ich war immer abenteuerlustig“, berichtet Siever. Da die Chancen auf eine Anstellung in Deutschland damals gegen null tendierten, entschied er sich für die Stelle an der Auslandsschule in der saudi-arabischen Küstenstadt. Der dortige Schulleiter suchte bewusst nach Referendaren, die „noch nicht durch den deutschen Schuldienst verbogen sind“, so Siever.

Aber bevor das Abenteuer Saudi-Arabien beginnen konnte, musste Siever noch kurzerhand seine damalige Freundin heiraten. „Nach Dschidda durfte man nur als verheiratetes Ehepaar. Wir kannten uns noch nicht lange, aber mochten uns. Das war schon turbulent“, blickt er zurück. Am Tag nach seiner abschließenden Prüfung, die auch noch ordentlich gefeiert wurde, ging es los. Siever war damals 28 Jahre alt.

Komplett andere WeltIm Wüstenstaat angekommen, fand er sich in einer komplett anderen Welt wieder. „Wir lebten quasi im Ghetto. Das war teilweise hart.“ Zum Beispiel stand die Begegnung mit Ratten auf der Tagesordnung. Der Kontakt zu einheimischen Saudis gelang schwer. Von der Stadt schwärmt Siever aber auch 30 Jahre später noch. Die Arbeit an der kleinen Schule gefiel ihm und seiner Frau gut, am Wochenende saßen beide oft abends am Strand vor dem Lagerfeuer unter dem Sternenhimmel. Mit dem Jeep erkundeten sie die Wüste, im Roten Meer machten beide ihren Tauchschein. „Es war unglaublich, die Exotik einmalig“, so Siever.

Doch so blieb es nicht für immer. Sievers Frau erkrankte schwer und starb schließlich an Krebs; 1990 entbrannte der Golfkrieg. Trinkwasserknappheit und Flughafensperren waren die Folge. Die Vorbereitungen für einen Giftgasangriff wurden getroffen, so weit kam es allerdings nicht. Keine einfache Situation für den Deutschen im fremden Land. „Ich war alleine, lange war nicht klar, ob die Schule wieder aufmachen würde“, erinnert er sich. So traf er die Entscheidung, für ein „normales Leben“ nach Deutschland zurückzukehren. Ohne eine Stelle in der Heimat in Aussicht zu haben, kündigte er 1992 in Dschidda. Mehr aus Jux denn aus wirklichem Interesse schickte er eine Bewerbung an die Deutsche Botschaftsschule in Peking.

Anruf aus ChinaDie anschließenden Ferien verbrachte Siever in Deutschland. In der Vorweihnachtszeit kam dann unerwartet ein Anruf aus China. Die Botschaftsschule wollte Siever haben. „Ich habe zugesagt und erst nach dem Auflegen angefangen, nachzudenken. Eigentlich wollte ich nicht wieder Exotik“, so Siever, der im niedersächsischen Hameln aufwuchs. Ohne ein Vorstellungsgespräch wurden ihm die Vertragsunterlagen zugesandt. Während sein Hab und Gut bereits im Container von Saudi-Arabien nach China unterwegs war, bewarb er sich zwar an weiteren Schulen in Deutschland – jedoch ohne Erfolg.

Nach sechs Jahren Orient ging es für ihn also nach Asien. „Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Ein halbes Jahr hat es gedauert, dann war ich China-Fan“, so Siever. Überrascht von der Schönheit der Landschaft wurde er schließlich in ihren Bann gezogen. Der Schulalltag gefiel ihm gut, er lernte seine zweite Frau kennen. Gemeinsam wurden Land und Leute erkundet, von China aus unternahm das Paar viele Reisen nach Südostasien. Sechs Jahre hielt es Siever in China.

Fingerdicke KohleschichtNach der Geburt seiner Tochter Svenja machte sich das Paar allerdings Gedanken um einen Abschied aus dem Reich der Mitte. „Da mit Kohle geheizt wurde, war die Umweltverschmutzung ein großes Problem. Teilweise war eine fingerdicke Kohleschicht auf den Autos, das war grenzwertig.“

Während seine Stationen in Dschidda und Peking mehr durch Zufälle zustande kamen, wählte Siever sein nächstes Ziel ganz bewusst: Singapur. „Das war immer mein Traum. Ich habe mich an einer Schule, die mitten im Dschungel liegt, beworben und die Stelle gekriegt.“ An der „German European School Singapore“ baute er unter anderem den internationalen Zweig mit auf.

Viel Arbeit wartete auf ihn, aber auch eine unvergessliche Zeit. Ein Jahr nach der Ankunft in Singapur 1998 kam sein Sohn zur Welt. Die Familie unternahm viele Reisen, nutzte die „Nähe“ – 4000 Kilometer sind es immer noch – zu Neuseeland und Australien. Und doch entschieden sich Siever und seine mittlerweile Ex-Frau, das Paradies nach zehn Jahren zu verlassen. Aus pragmatischen Gründen. „Ich war immer privat angestellt, da haben sich die Beamtengene gemeldet. Zu diesem Zeitpunkt war ich 49 Jahre alt, Hessen war das einzige Bundesland, das in diesem Alter noch verbeamtet hat“, so Siever.

Aus den Metropolen nach MaintalNach 22 Jahren im Auslandsschuldienst in gigantischen Metropolen und Millionenstädten verschlug es ihn ausgerechnet nach Maintal. „Die Nähe zu Frankfurt hat da eine Rolle gespielt, aber ansonsten war auch das Zufall“, erinnert er sich. So ist er seit 2008 als Lehrer an der Albert-Einstein-Schule tätig.

„Ich habe den Schritt nicht bereut“, sagt der 59-Jährigeheute. In Hochstadt fühlt er sich pudelwohl, an der Schule wurde er gut aufgenommen. Und das Leben in Deutschland hat auch seine Vorteile. „Ich genieße den Wechsel der Jahreszeiten sehr. In Singapur ist es immer nur warm“, so Siever, der über ein Opern-Abo verfügt und gerne ins Theater geht.

Schüler profitierenVon seiner ungebrochenen Begeisterung für Asien profitieren nun seine Schüler. Bereits 2009 machte er gemeinsam mit dem damaligen Schulleiter die Partnerschaft mit einer Schule in Chengdu perfekt. Alle zwei Jahre findet seitdem ein Austausch statt, in diesem Jahr zum fünften Mal.

Zwölf Schüler dürfen mitfahren, meist sind es über 30 Bewerber. „Es ist ein Eins-zu-eins-Austausch. Jeder der mitfährt, muss auch einen chinesischen Schüler aufnehmen“, so die Rahmenbedinungen. In einem Chinakundekurs werden die Schüler auf den zweiwöchigen Austausch vorbereitet, dabei lernen sie neben typischen Verhaltensweisen und Gewohnheiten der Chinesen auch die Grundlagen von Mandarin kennen.

Offenheit gefragtIn China wartet auf die Einstein-Schüler eine fremde Welt. „Stellt eure eigenen Vorstellungen hinten an. Seid offen, vergleicht nicht mit Deutschland“, rät er ihnen jedes Mal. In Chengdu, eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt mit mittlerweile über 15 Millionen Einwohnern, lernen die Maintaler Gäste das Innenleben von China kennen. Mit dem klassischen Tourismus habe das nichts zu tun, so Siever.

Für eine Woche werden die Schüler in einer Gastfamilie untergebracht. Manche in beengten Verhältnissen, sodass die Gasteltern gar ihr Schlafzimmer für den Gast räumen, mal in kleinen Villen. Die Teilnahme am Unterricht und am normalen Leben steht im Vordergrund, für die Schüler ein unvergessliches Erlebnis: „Nach dieser Woche fließen immer Tränen. Wie unsere Schüler dort aufgenommen werden, ist unglaublich.“ Beim Gegenbesuch der Chinesen in Maintal sei es unmöglich, diese Gastfreundschaft zurückzugeben.

Reise in seine VergangenheitAusflüge zu Tempeln, Teehäusern, traditionellen Vorführungen und der Besuch eines Panda-Parks stehen ebenfalls auf dem Programm. In der zweiten Woche folgt dann eine Reise zu zwei weiteren Großstädten. Peking ist meist fester Programmpunkt.

Für Siever ist die Reise nach China jedes Mal auch eine Reise in seine Vergangenheit. Erst Anfang des Jahres war er zum ersten Mal nach zehn Jahren wieder in Singapur. „Ich habe mich vorher nicht getraut. Für mich war es eine emotional sehr intensive Zeit“, sagt er. Nun will er wieder öfter nach Singapur reisen. Dauerhaft zurückkehren kommt für ihn aber nicht in Frage. Nach vielen Jahren im Ausland hat er seine Heimat nun gefunden: „Mein Zuhause ist jetzt in Maintal.“

Bücher von Bernhard Siever

Über seine Zeit im Ausland hat Bernhard Siever zwei Bücher geschrieben. „Ich versuche, viele Dinge festzuhalten. Ich führe Tagebuch, mache Jahresrückblicke“, so der Wahl-Maintaler.

  • Seine Zeit in Asien hat er in dem Buch „Abenteuerlust und Fernweh: Deutsche Spuren in Asien“ festgehalten. Taschenbuch, 280 Seiten, ISBN-13: 978–3897812246 im Lit Verlag.
  • Gemeinsam mit dem befreundeten Lehrer Volker Schult sowie Inka Claussen folgte vor zwei Jahren der historische Kriminalroman „Tödlicher Orient“ mit starken Bezügen zu seiner Zeit in Dschidda. Taschenbuch, 335 Seiten. ISBN-13: 978–3960083986 im Engelsdorfer Verlag.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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