Themenpfad zu Menschenrechten

„Bischofsheim is(s)t bunt“: Fluchtgeschichten aus erster Hand

Reges Interesse: Ein eindeutiges Votum und lebhafte Diskussionen zur gelebten Gleichheit gab es bei der Integrationsbeauftragten Verena Strub (links).
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Reges Interesse: Ein eindeutiges Votum und lebhafte Diskussionen zur gelebten Gleichheit gab es bei der Integrationsbeauftragten Verena Strub (links).

Maintal – „Bischofsheim is(s)t bunt“ hatte sich in den vergangenen Jahren als kulinarisches Fest der Begegnung etabliert, zu dem Bürger aus vielen verschiedenen Kulturkreisen an einer langen Tafel in der eigens dafür gesperrten Rhönstraße zum Gespräch und gemeinsamen Essen zusammenkamen.

In diesem Jahr musste auf dieses enge Zusammensein Corona-bedingt verzichtet werden. Stattdessen luden evangelische und katholische Kirche, Arbeitskreis Asyl, Stadtteilzentrum, Freiwilligenagentur und Integrationsbeauftragte am vergangenen Sonntag zu einem Spaziergang durch Bischofsheim zum Thema „Menschen und Rechte sind unteilbar“ ein (wir berichteten).

Los ging‘s am südlichsten der fünf Anlaufpunkte an der Asylbewerberunterkunft. Zu essen gab es hier in diesem Jahr nichts. Dafür konnten sich kleine und große Künstler auf den Pflastersteinen, Papier und Leinwänden kreativ zu ihren Wünschen zum Thema Freiheit ausleben. Dabei wurde deutlich, wie sehr sich die Bedürfnisse der geflüchteten von denen hier geborener Kinder unterscheiden.

„Die Kinder in meiner Kita wünschen sich alle einen Ferrari und Geld. Die Kinder hier wollen nach Syrien zurückfliegen, um ihre Familie zu besuchen, oder sie wünschen sich, hier studieren zu können“, erzählte Azeeta Sadiq vom Arbeitskreis Asyl von ihrer ehrenamtlichen Arbeit mit Geflüchteten in Bischofsheim. Die Bilder zeigen Schaukeln, Blumen, Luftballons, einen fliegenden Drachen. „Kinder wollen spielen, sie wollen frei und gleich sein.“

Die Erlebnisse von Abrahaley Teklays bannten die Gäste, darunter Bürgermeisterin Monika Böttcher.

Ein paar Häuser weiter im Schatten der katholischen Kirche St. Theresia versprach die nächste Station auf dem Themenpfad „Informationen zum Recht auf Rechte“. Hier erlebte man hautnah, wie lebensbedrohlich fehlende Menschenrechte sein können. Thi Mai Hoa Nguyen und Abrahaley Teklay berichteten von ihrer eigenen Flucht aus Südvietnam und Eritrea. Bilder von Flüchtlingen in überfüllten, kenternden Booten wurden in diesen packenden Erzählungen real.

1982 war Thi Mai Hoa Nguyen gerade einmal acht, neun Jahre alt, als ihre Eltern, als Christen im Südvietnam unterdrückt, beschlossen, nach Deutschland zu fliehen. Sie erzählte vom nächtlichen Fußmarsch zum Meer, von ständiger Angst, von ihrer hochschwangeren Mutter und ihrem Vater, der das Boot, das sie übers Meer brachte, selbst gebaut hatte. Davon, dass ihre älteren Geschwister in Zweiergruppen vorgereist waren, und dem hoffnungsvollen Blick auf den Leuchtturm. „Da ist Deutschland, da ist unser Bruder, das haben wir uns immer wieder gesagt“, berichtete sie, während sie Karten und Bilder ihrer Flucht zeigte.

Ebenso packend war Abrahaley Teklays dramatische Fluchtgeschichte aus Eritrea. „Es ist schon etwas anderes, nicht nur davon zu lesen oder im Fernsehen zu sehen“, erklärte Gabi Preuß, Mitinitiatorin des Informationsangebots, das große Interesse der Besucher an diesem sonnigen Sonntagnachmittag.

Wer das Gehörte in Ruhe sacken lassen wollte, fand in der evangelischen Kirche musikalische Inspiration und Raum für Reflexion und Gespräche zum Recht auf Asyl. Und da sich die Wege zwischen den fünf Aktions-Hotspots zogen und das Fahrrad das Verkehrsmittel der Wahl war, freuten sich viele sicher auch über den kühlen Sitzplatz. Auf Plakaten schrieben Besucher ihre Gedanken zur Flüchtlingspolitik nieder. „Höchste Zeit, dass die EU eine gute Regelung zur Aufnahme von Geflüchteten findet“, war ein Kommentar.

Thi Mai Hoa Nguyen erzählte ihre persönliche Fluchtgeschichte an der Katholischen Kirche St. Theresia.

Die aktuelle Brandkatastrophe im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos war am Sonntag omnipräsent. „Wir hätten nicht mit einem so großen Andrang gerechnet“, sagte Kirchenvorsteher Lothar Lamp, der am Eingang für die Einhaltung der Corona-Regeln sorgte. Dies fiel an den Aktionsstandorten an der frischen Luft leicht, fand auch Maintals Erster Stadtrat Karl-Heinz Kaiser: „Die Initiative ist hervorragend. Die Leute kommen zusammen und unterhalten sich“, war sein Fazit. „Wir müssen mit Corona umgehen, Maske auf, rausgehen und mit den Leuten reden.“

Lebhafte Diskussionen zum Thema Gleichberechtigung gab es am Gemeinschaftsstand der Integrationsbeauftragten und der Maintal Aktiv - Freiwilligenagentur in der Stoltzestraße. Mit bunten Bällen stimmten die Passanten darüber ab, dass Gleichheit noch lange nicht Realität ist.

Was sich dafür verändern muss? Darauf konnte man Antworten bei der letzten Station beim Stadtteilzentrum suchen, zu der der Fuß- und Fahrradweg weiterführte. „Wo ist Mama?“ war eine der kurzen Geschichten, die hier in Form des japanischen Straßentheaters Kunitachi Kamishibai zu sehen war. „Die Veranstaltung zeigt, dass es uns mit kreativen Formaten gelingt, Gespräche, Auseinandersetzung und Impulse zum Thema Menschenrechte zu initiieren“, lautete das Fazit von Bürgermeisterin Monika Böttcher.

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