Staatsanwältin überrascht mit drastischer Forderung

Maintaler Kopfschuss-Prozess: Neuneinhalb Jahre Haft gefordert

Haft und Maßregelvollzug gefordert: Der 37-jährige W. soll für den Kopfschuss in Maintal zwischen sechseinalb und neuneinhalb Jahren ins Gefängnis.
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Haft und Maßregelvollzug gefordert: Der 37-jährige W. soll für den Kopfschuss in Maintal zwischen sechseinalb und neuneinhalb Jahren ins Gefängnis.

Afwewerki W. weiß, dass er für seine Taten büßen muss. Das sieht selbst seine Strafverteidigerin Wiebke Otto-Hanschmann: „Mein Mandant weiß, dass er die Konsequenzen zu tragen hat.“ W. hatte bereits zum Auftakt des Prozesses gestanden, im September 2019 in Maintal zwei Schüsse auf seine elf Jahre jüngere Freundin abgefeuert und sie mit einem Kopfsteckschuss verletzt zu haben (wir berichteten).

Maintal/Hanau - Zum Ende der Verhandlung bleibt daher nur eine Frage offen: Für wie viele Jahre muss der 37-Jährige hinter Gitter? Staatsanwältin Lisa Pohlmann hat am Dienstag aus ihrer Sicht eine klare Antwort: „Ich beantrage eine Gesamtfreiheitsstrafe von neun Jahren und sechs Monaten.“ Die Anklägerin sieht es als erwiesen an, dass W. auf seine Freundin geschossen und dadurch den Tod der Frau „billigend in Kauf genommen“ habe. Für die Tatsache, dass das Opfer durch den Kopfschuss nur leicht verletzt worden ist und keine bleibenden körperlichen Schäden hat, weil das Projektil im Schädelknochen stecken geblieben ist, sieht Pohlmann keinen Einfluss des Angeklagten. Es sei „purer Zufall“ gewesen, dass die Frau so glimpflich davongekommen ist. Dennoch habe das Opfer ein „zehnminütiges Martyrium“ erlebt.

Aus einem Meter Entfernung geschossen

Die Staatsanwältin geht, wie in der Anklage, davon aus, dass W. seine Freundin unter Verdacht gehabt habe, sich mit einem angeblichen Nebenbuhler getroffen zu haben. „Er hat sie mit vorgehaltener Waffe gezwungen, mitzukommen, um den Mann zur Rede zu stellen.“ Auf dem Weg vom Dörnigheimer Opel-Eck zur Berliner Straße habe W. dann Kokain von seiner Freundin gefordert. Im Streit soll er dann aus einem Meter Entfernung geschossen und durch einen Streifschuss eine Platzwunde verursacht haben. „Das Opfer ist zu Boden gegangen und kniete schließlich vor dem Angeklagten“, rekonstruiert Pohlmann das Geschehen. Dann sei der zweite Schuss abgegeben worden.

Anklägerin: Geiselnahme und versuchter Totschlag

Sie bezeichnete die Beziehung des Paars als eine „Abwärtsspirale“, denn bereits in den Wochen zuvor habe es Übergriffe gegeben, die sie als Körperverletzung sowie versuchter gefährlicher Körperverletzung wertet. Das finale Tatgeschehen bewertet sie als Geiselnahme und versuchten Totschlag. Hinzu komme noch eine Vorstrafe wegen Wohnungseinbruchs in Höhe von einem Jahr und acht Monaten. Allerdings billigt Pohlmann W. die verminderte Schuldfähigkeit zu, weil er zum Zeitpunkt der Tat stark kokainabhängig gewesen sei. Wegen dieser Sucht soll daher neben der Freiheitsstrafe auch ein Maßregelvollzug verhängt werden.

Nebenklägerin fordert Schmerzensgeld

Gabriele Berg-Ritter, die das Opfer als Nebenklageanwältin vertritt, hat ebenfalls eine Antwort. Sie bezeichnet die Tat als „Schlusspunkt einer On-off-Beziehung“ und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Folgen für die junge Frau. Diese wolle dem Angeklagten „nichts Böses“, ihr komme es nicht auf die Strafe an. Rechtsanwältin Berg-Ritter sieht ebenfalls einen versuchten Totschlag, stellt keinen konkreten Antrag, verweist aber auf die Notwendigkeit, dass die Schwurgerichtskammer der 26-Jährigen ein angemessenes Schmerzensgeld zuspricht. Die Antwort von Strafverteidigerin Otto-Hanschmann ist ebenfalls klar: W. soll nicht mehr als sechseinhalb Jahre ins Gefängnis. Sie bezeichnet das Geschehen als eine „toxische Liebesaffäre“. Bei den ersten Übergriffen sei das Paar „bis zum Anschlag zugekokst“ gewesen. Daher sieht sie keine gravierenden Straftaten. Die Schüsse wertet sie als gefährliche Körperverletzung, denn sie bezweifelt die Gefahr, die von der eingesetzten Waffe – vermutlich eine umgebaute Schreckschusspistole – ausgegangen sei.Das Schwurgericht hat die Urteilsverkündung auf Freitag, 12. März, um 13 Uhr festgelegt. (Von Thorsten Becker)

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