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Die Schicksale sichtbar machen: Hinter den Stolpersteinen in Maintal steht eine aufwendige Recherche

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Von: Michael Bellack

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Gegen das Vergessen: Herbert und Brigitte Begemann vom Brüder-Schönfeld-Forum beschäftigen sich intensiv mit den Schicksalen der Maintaler NS-Verfolgten. Dazu gehört auch die Säuberung der Stolpersteine.
Gegen das Vergessen: Herbert und Brigitte Begemann vom Brüder-Schönfeld-Forum beschäftigen sich intensiv mit den Schicksalen der Maintaler NS-Verfolgten. Dazu gehört auch die Säuberung der Stolpersteine. © Patrick Scheiber

Mit Handschuhen, Putzlappen und Schwamm machen sich Herbert und Brigitte Begemann ans Werk. In einem Glas haben sie eine spezielle Reinigungsmischung abgefüllt, die wahre Wunder wirken soll. Beide knien sich auf den Bürgersteig und beginnen, über das kleine Messingschild im Boden zu schrubben. „In ein paar Minuten sieht man das Ergebnis schon“, sagt Brigitte Begemann.

Maintal – Und siehe da: Nach wenigen Minuten strahlt der vorher dunkle und verdreckte Stein im Boden wieder. Der Name Maria Rauch ist eingraviert. Jetzt ist der Stein schon aus einiger Entfernung sichtbar.

Manchmal kann es ganz schnell gehen, nach nur wenigen Handgriffen wird die Erinnerung wieder sichtbar. Das ist der Sinn der Stolpersteine, die an das Schicksal der Oper des Nationalsozialismus erinnern sollen. An Menschen, die verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Menschen, die einst in Dörnigheim, Bischofsheim, Hochstadt und Wachenbuchen gelebt haben. Lange, bevor es das heutige Maintal in seiner Form überhaupt gab. 77 Stolpersteine gibt es mittlerweile in Maintal – und es könnten leicht doppelt so viele sein.

Herbert und Brigitte Begemann kennen sie alle. Und sie kennen auch viele Schicksale hinter den Steinen. Herbert Begemann ist Vorsitzender des Maintaler Brüder-Schönfeld-Forums, das sich für die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus einsetzt. 27 Mitglieder hat der seit 2009 offiziell eingetragene Verein. Die meisten davon kommen aus Maintal, aber auch deutschlandweit und sogar in den USA gibt es Mitglieder.

Sie alle haben das gleiche Ziel: das Vergessen verhindern. Die Stolpersteine, die es mittlerweile europaweit gibt, sind ein Baustein davon. Sie sind ein Teil der Arbeit der Begemanns und der anderen engagierten Mitglieder. Denn um die Schicksale der Opfer sichtbar zu machen, wie im Fall von Marie Rauch durch einen Stolperstein, müssen zuvor viele Informationen gesammelt werden. Wer waren die Menschen? Wie und wo haben sie gelebt? Was haben sie gemacht? Was ist aus ihnen geworden? All diese Fragen will das Brüder-Schönfeld-Forum beantworten.

Einer von 77 Stolpersteinen in Maintal befindet sich in der Kirchgasse in Dörnigheim.
Einer von 77 Stolpersteinen in Maintal befindet sich in der Kirchgasse in Dörnigheim. © Patrick Scheiber

Dafür sind die Mitglieder in ganz Deutschland unterwegs. Herbert Begemann recherchiert in Online-Datenbänken ebenso wie in schriftlichen Archiven. Er reist nach Berlin, um die Akten einer einzigen Person aus Maintal zu durchforsten. Im nordhessischen Bad Arolsen gibt es mit den „Arolsen Archives“ ein internationales Zentrum für die Dokumentation über Opfer nationalsozialistischer Verfolgung.

Das Schicksal eines verfolgten Menschen gleicht oft einem Puzzle. Viele einzelne Teile müssen zusammengesetzt werden. „Es beginnt mit Einzeldokumenten“, sagt Begemann. Etwa mit Patientenakten, mit Papieren der Nationalsozialisten, die die Verfolgung und Tötung ihrer Opfer teils detailliert festgehalten haben. „Es wird immer mehr. Im Laufe der Jahre werden die Biografien dann vervollständigt“, sagt Begemann. Online-Datenbanken haben die Arbeit etwas erleichtert, die Möglichkeiten sind ganz andere. „Vor 20 Jahren hätte man das so nicht machen können.“ Denn in den Wirren der Nachkriegszeit sind unzählige Dokumente verschwunden, sie sind quer in Deutschland und teilweise Europa verteilt worden, viele wurden nicht gefunden und werden wohl auch nie wieder auftauchen. Manche werden erst jetzt durch die Freigabe von Archiven entdeckt. „Man muss den Fokus auf eine bestimmte Person festlegen“, sagt Begemann über die Recherche. „Es ist einfach nicht für jedes Opfer etwas da.“

Andere Biografien können fast vollständig nachkonstruiert werden. Nicht selten bringen neue Dokumente ganz neue Erkenntnisse ans Licht. Todesdaten oder Orte ändern sich. „Geschichtsschreibung ist nie fehlerfrei“, sagt Begemann. Manche Stolpersteine müssen daher auch erneuert werden. Auch im Fall von Maria Rauch, deren Stolperstein nun wieder glänzt, ist in den offiziellen Akten wohl ein gefälschtes Todesdatum angegeben.

Regelmäßig werden die Stolpersteine gesäubert, damit sie wieder gut sichtbar sind.
Regelmäßig werden die Stolpersteine gesäubert, damit sie wieder gut sichtbar sind. © Patrick Scheiber

Als wahrer Experte für die Schicksale der Maintaler Opfer des Nationalsozialismus wird Begemann gelegentlich von Nachkommen kontaktiert, die mehr erfahren wollen. Eine intensive Verbindung gibt es sogar nach Argentinien zu den Verwandten einer jüdischen Familie, die einst vor den Nazis aus Maintal geflohen ist.

Auch für diese Familien nehmen Herbert und Brigitte Begemann regelmäßig ihren Putzeimer mit der Reinigungsmischung in die Hand und säubern die Stolpersteine in Maintal. Damit die Steine wieder glänzen und sichtbar sind. Um nicht vergessen zu werden.

Stolperstein-Serie

Im Rahmen einer Serie stellen wir in unregelmäßigen Abständen die Schicksale von Opfern des Nationalsozialismus aus Maintal vor. Von politisch Verfolgten, von Ermordeten und auch von Überlebenden. Die Biografien hat das Brüder-Schönfeld-Forum recherchiert und unserer Zeitung zur Verfügung gestellt.

Ein großer Dank geht an Herbert und Brigitte Begemann und alle Vereinsmitglieder.

Von Michael Bellack

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