Themenschwerpuntk: Zeit zum Erinnern

Eleonore Knapp sah von Hochstadt aus das brennende Hanau und musste amerikanische Soldaten beherbergen

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Die rüstige Seniorin lebt immer noch in Hochstadt und wird heute von ihrer großen Familie umsorgt. „Alle meine Freundinnen sind nicht mehr da“, sagt sie zwar, aber sie ist dankbar für ihre Söhne, Enkel und Urenkel.

Auch Eleonore Knapp wird in der Nacht zum 19. März durch die Fliegergeräusche wach. Der 19. März 1945 ist ein Montag und die damals 21-jährige Eleonore schlief mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester in einem Zimmer im Obergeschoss des Elternhauses an der Straße Am Pfarrhof in Hochstadt.

Vom Balkon des Hauses blicken sie zu dritt auf die Christbäume am Himmel und den Bombenregen, der auf Hanau niedergeht und müssen mit ansehen, wie die Stadt brennt. Sie arbeitet damals als Schreibkraft beim Landratsamt in der Eugen-Kaiser-Straße. Beim Angriff der Alliierten Luftkräfte wird das Landratsamt zerstört und brennt nieder.

Passanten halten Eleonore Knapp auf: "Die Stadt brennt"

Aber das weiß Eleonore am Morgen nach der Bombardierung noch nicht. Sie steigt auf ihr Fahrrad und fährt auf der Umgehungsstraße Richtung Hanau. Auf Höhe vom Wilhelmsbader Park wird sie von Leuten angehalten. Die Stadt brennt, sagen die. Sie soll nicht weiterfahren und umkehren, sagen die.

„In den Straßen ist überall noch Phosphor, da brennt es noch, haben die gesagt“, erinnert sie sich. In Hochstadt soll ein Trupp junger Deutscher Soldaten helfen, den Vormarsch der Amerikaner aufzuhalten. „Einige von unseren Soldaten sind noch hier gefallen und liegen auf dem Hochstädter Friedhof begraben“, erzählt Eleonore Knapp.

Amerikanische Soldaten durchsuchen den Hof nach Deutschen

Am Abend bevor die Amerikaner ankommen, sitzt einer dieser Soldaten noch bei Burgers am Abendbrot-Tisch. Gegen 5 Uhr am nächsten Morgen hören die Frauen, die im Keller schlafen, Schritte im Hof. „Ich ging hoch, öffnete die Haustür und stand den Amerikanern gegenüber.“ Mit Gewehren durchsuchen die alle Häuser nach deutschen Soldaten.

Eleonore Knapp hat die Bombardierung Hanaus von Hochstadt aus beobachtet

Ein Schreckmoment für die junge Frau. „Am 27. März 1945 war für uns in Hochstadt der Krieg zu Ende“, schreibt die heute 96-jährige viele Jahre später ihre Erinnerungen auf einen Zettel. An diesem Tag kamen die Amerikaner in Hochstadt an. Die Familie kommt aus ihrem Kellerversteck hervor und hängt eine weiße Fahne ans Tor. „Wie alle Nachbarn auch.“

Panzer fahren durch die engen Gassen in Hochstadt

Mit riesigen Panzern fahren die alliierten Streitkräfte durch die schmalen Straßen, größer als ihr Haus sind die gewesen, erinnert sich Eleonore. „Wir mussten unser Schlafzimmer räumen und zum Nachbarn ziehen“, erzählt sie bei Kaffee und Keksen in ihrem Wohnzimmer. Und ihre kleine Schwester, die die zurückgelassenen Hühner füttern darf, kriegt Schokolade von den fremden Soldaten.

Nach ein paar Tagen ist der Spuk schon wieder vorbei. Aber in ihrem Haus lassen die Amis zwar Unordnung aber auch Tee und Kaffee zurück. Hunger gelitten haben sie nicht. „Wir hatten zum Glück satt zu essen.“ Was nicht selbst angebaut wird, organisiert Eleonores Mutter bei den Bauern im Dorf.

Mittagspause mit amerikanischen Soldaten verbracht

Nach dem Krieg ist lange Zeit das Landratsamt im Wilhelmsbader Kurhaus untergebracht. Bis die Baracken gegenüber dem abgebrannten alten Amt fertig waren. „Wir sind in der Mittagspause in den Wald in Wilhelmsbad gegangen, da lagerten amerikanische Soldaten.“ Nur ein paar Wochen sind diese amerikanische Einheiten im Kurpark stationiert. 

„Die haben mit uns herum gealbert, wir waren jung“, erzählt Eleonore Knapp, „und die haben uns Zigaretten gegeben.“ Wertvolle Geschenke zu der damaligen Zeit. Eleonore Knapp gibt die Zigaretten ihrer Mutter, diese tauscht sie bei Nachbarn gegen Hühnerfutter. Ein paar Tage später sind die Amerikaner schon wieder weitergezogen.

Heute hat Eleonore Knapp, die mit ihrem Mann, der schon vor vielen Jahren verstorben ist, zwei Söhne, vier Enkel und acht Urenkel. Sie denkt nicht oft an die damalige Zeit zurück, gesteht sie. Der letzte Satz ihrer Aufzeichnungen lautet: „Alle Leute waren froh, dass der Krieg zu Ende war.“

Quelle: Hanauer Anzeiger

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