Mit dem Campingstuhl zum Amt

„Es ist der Horror“: Bürger warten stundenlang auf Termine für Pässe und Personalausweis

Lange Schlangen bildeten sich am Montag und Dienstag vor dem Rathaus. Wer ein neues Ausweisdokument braucht, konnte ohne Termin vorbeikommen. Das Angebot nutzten viele Maintaler – offenbar zu viele.
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Lange Schlangen bildeten sich am Montag und Dienstag vor dem Rathaus. Wer ein neues Ausweisdokument braucht, konnte ohne Termin vorbeikommen. Das Angebot nutzten viele Maintaler – offenbar zu viele.

Wer in Maintal einen neuen Reisepass oder Personalausweis braucht, benötigt vor allem Geduld. Viel Geduld.

Maintal – Am Montag und Dienstag spielten sich vor dem Rathaus in Hochstadt Szenen ab, die man eigentlich nur aus den Nachrichten kennt, wenn Technikjünger tagelang für das neueste Smartphone anstehen. Von 13 bis 17 Uhr hatte der Stadtladen am Montag auch für Besucher ohne Terminvereinbarung geöffnet. Und die kamen in Scharen. Und sie kamen überpünktlich.

Sabrina Spanu etwa war bereits um 12.30 Uhr vor Ort – und war bei Weitem nicht die Erste. Denn schlussendlich aufgerufen wurde sie um 16.45 Uhr. Nach über vier Stunden warten vor dem Rathaus. „Es ist unzumutbar“, sagt sie. „Vor allem für die älteren Menschen.“ Sie selbst verbrachte einen Teil der Wartezeit in einem Campingstuhl, den man ihr zwischenzeitlich mitgebracht hatte. Viele ließen sich in der Wartezeit Verpflegung bringen, die wenigsten hatten für einen mehrstündigen Aufenthalt geplant. „Die Menschen haben sich extra Urlaub genommen, sind früher von der Arbeit weg. Der Frust ist groß“, so Spanu, ehe sie endlich aufgerufen wurde.

Maintal: Lange Schlangen am Rathaus – Fünf Stunden Wartezeit für drei Minuten Termin

Andere mussten noch länger ausharren. Eine Maintalerin war nach fünf Stunden warten gegen 18.30 Uhr an der Reihe. Der Pass für ihre Tochter war um 18.33 Uhr beantragt. Fünf Stunden Wartezeit für drei Minuten Termin. „Das ist der Horror, eine Katastrophe“, sagt sie. Seit März versuchte sie vergeblich, online oder telefonisch einen Termin zu bekommen.

Denn viele Maintaler wollen in den Urlaub und brauchen daher aktuelle Ausweisdokumente. Die Problematik mit der Terminfindung ist der Stadt bekannt, seit Monaten gibt es Kritik in den sozialen Medien. Mit den Öffnungszeiten ohne Termin sollte Entlastung geschaffen werden, aber das Gegenteil war der Fall. „Das ist nicht organisiert und einfach nicht gut vorbereitet“, findet Sascha Peltret.

Das sagt die Stadt zu den langen Wartezeiten vor dem Rathaus.

An die Wartenden wurden Nummern verteilt, um die Reihenfolge einzuhalten. Teilweise, so sagt Peltret, seien zum Beispiel Familien mit mehreren Kindern unter einer Nummer zusammengefasst. Entsprechend lang war dann die Bearbeitungszeit. Viele Maintaler seien beim Anblick der langen Schlange direkt wieder nach Hause gefahren. Wer erst am Nachmittag kam, sah keine Chance mehr auf einen Termin.

Frust bei den Maintalern ist groß: „Das Sicherheitsteam ist nicht zu beneiden“

Entsprechend unterkühlt war die Stimmung. Ihrem Unmut machten die Wartenden bei den Sicherheitskräften am Eingang Luft. „Das Sicherheitsteam ist nicht zu beneiden“, sagt Peltret. Dass der Frust irgendwo rausgelassen werden muss, sei aber auch verständlich.

Die Mitarbeiter des Stadtladens mussten am Montag Überstunden machen. Denn jeder, der eine Nummer hatte, wurde auch abgearbeitet. So wurde niemand nach stundenlangem Warten auch noch weggeschickt. „Die Mitarbeiter waren alle noch sehr freundlich und gut gelaunt, obwohl diese sich auch garantiert viel anhören durften gestern“, so eine positive Stimme.

Maintal: Auch am Dienstag lange Wartezeiten vor dem Stadtladen

Das gleiche Bild ergab sich dann auch am Dienstagmorgen. Da hatte der Stadtladen Öffnungszeiten von 8 bis 12 Uhr angekündigt. Die ersten Bürger erschienen schon weit davor. Christoph Rieger etwa wollte einen neuen Personalausweis beantragen. Bereits um 7.15 Uhr war er vor dem Rathaus, um 9.30 Uhr wartete er immer noch – mit wenig positiven Aussichten auf ein schnelles Vorankommen.

„Ich brauche den Ausweis für den Urlaub, bin von der Spätschicht hierhergekommen“, sagt er. „Und da waren schon viele Leute vor mir.“ Ein junges Paar mit einem Kleinkind stand seit 8 Uhr in der Schlange. „Wir müssen hier warten, uns bleibt ja nichts anderes übrig“, sagten sie. (Michael Bellack)

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