INTERVIEW

„Ich bin nicht der Typ Volksredner“: Im Gespräch mit Jörg Schuschkow, Fraktionsvorsitzendem der WAM

Jörg Schuschkow, Fraktionsvorsitzender der Wahlalternative Maintal (WAM), spricht im Interview mit unserer Zeitung über die anstehenden Wahlen, die Ausrichtung der WAM und wie die Nachwuchsgewinnung in seiner Wählergemeinschaft funktioniert.
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Jörg Schuschkow, Fraktionsvorsitzender der Wahlalternative Maintal (WAM), spricht im Interview mit unserer Zeitung über die anstehenden Wahlen, die Ausrichtung der WAM und wie die Nachwuchsgewinnung in seiner Wählergemeinschaft funktioniert.

Die Kommunalwahlen werfen ihre Schatten voraus. Nun haben wir mit dem Fraktionsvorsitzenden der Wahlallternative Maintal - Soziale Gerechtigkeit (WAM) gesprochen.

Maintal – Stadtratswahl, Neubau des Bürgerhauses Bischofsheim, des Maintalbads oder von Kindertagesstätten und Familienzentren: In den letzten Monaten haben die Stadtverordneten viele wichtige Entscheidungen getroffen und Entwicklungen vorangetrieben. Doch auch die nächsten Monate werden spannend: Nicht zuletzt, weil im Frühjahr die Kommunalwahlen anstehen – und die Maintaler Bürger außerdem über die Besetzung des Bürgermeisterpostens entscheiden. Unter anderem zu diesen Themen befragt der MAINTAL TAGESANZEIGER in loser Reihenfolge die Fraktionsvorsitzenden in der Stadtverordnetenversammlung. Diesmal: Jörg Schuschkow (WAM).

Was sind die Ziele der WAM, wenn Sie an die Kommunalwahlen im Frühjahr denken?
Wir wollen unsere gute Politik fortsetzen. Ich denke, wir sind in Maintal auf einem guten Weg. Wir haben jetzt einen Stadtrat, der mit den Gremien, mit der Stadtverordnetenversammlung zusammenarbeitet. Das war vorher eher schwierig, weil Herr Sachtleber immer sehr konkrete Ideen hatte, die er durchgesetzt hat. Bei Herrn Kaiser gehe ich davon aus, dass er mehr die Kommunikation und Kooperation mit den Gremien und den Fraktionen sucht, wie er es auch schon angekündigt hat. Das erwarte ich. Und speziell auf meine Fraktion bezogen: Wir würden natürlich schon gern eine der beiden stärksten Fraktionen sein. Mal sehen, ob wir das schaffen – aber bisher haben wir bei jeder Wahl zugelegt. Angefangen mit drei Stadtverordneten, danach waren es fünf und nun sind wir zu acht. Wenn es so weitergeht, sind wir zufrieden (lacht).
Die WAM ist derzeit die drittgrößte Kraft in der Stadtveordnetenversammlung. Welche Ambitionen haben Sie – vielleicht auch im Blick auf einen Posten im Hauptamt? Bei der Stadtratswahl haben Sie zum Beispiel – anders als SPD und CDU – keinen eigenen Kandidaten, sondern die Parteilose Sabine Freter nominiert . . .
Es wollte schlicht keiner von uns. Ich bin auch einmal als Bürgermeisterkandidat für die WAM angetreten. Wenn wir jemanden haben, der das gern machen möchte, werden wir sicher einen Kandidaten fürs Hauptamt nominieren. Aber ich kann sagen, dass ich persönlich keine Lust darauf habe. Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich habe und was ich mache. Mir tut Frau Böttcher oft genug leid, und ich bin auch niemand, der gern ins Rampenlicht möchte. Ich bin da irgendwie hingeraten (lacht). Ich bin nicht so der Typ Volksredner. Ich sage meine Meinung, aber großartig profilieren muss ich mich nicht.
Können Sie denn schon abschätzen, welche Themen das Wahlprogramm im Kern beinhalten wird?
Die WAM ist in Maintal sozial-ökologisch aufgestellt, aber auch mit Blick auf die Wirtschaft. Im Moment wird der Klimaschutz sicherlich eines der Hauptthemen sein. Da verfolgen wir einen anderen Ansatz als die übrigen Maintaler Parteien und Fraktionen. Klimaschutz bedeutet für uns, kleine Schritte zu machen, die die Bürger mit tragen können, wo die Leutemitkommen. Und nicht, zehn Leute für das Themenfeld einzustellen, die Konzepte erarbeiten und dann hängen wir es uns im Rathaus an die Tür – sondern ganz im Gegenteil. Ich zum Beispiel investiere in diesem Jahr eine sechsstellige Summe und werde Ende des Jahres – wenn alles klappt – klimaneutral leben, aber das kann ja nicht jeder.
Deshalb sollte man sich immer die Frage stellen: Was kann ich den Menschen auferlegen? Was kann jeder Einzelne leisten und was wäre zu viel? Ich sehe ganz klar, dass sich die Gesellschaft ändern muss. Wir werden nicht Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit und andere wichtige Dinge erreichen, ohne dass jemand etwas dafür aufgibt. Diesen Gedanken, alles gleichzeitig schaffen zu können, haben andere Parteien – vorneweg die SPD. Aber das halte ich nicht für richtig. Und wenn wir in Maintal durch die WAM zu solchen Themen unseren Beitrag leisten, dann haben wir schon ein ganzes Stück getan, denke ich.
Bis zu den Wahlen im März ist es noch ein halbes Jahr. Wie sieht bis dahin der Fahrplan der WAM aus?
Wir arbeiten schon an dem Programm, aber haben noch nichts Konkretes ausgearbeitet. Wir wollen den Leuten unser Programm nämlich nicht einfach so vorsetzen, sondern sie aktiv daran mitgestalten lassen, die Bevölkerung mitnehmen. Wir hatten ursprünglich vor, unser Wahlprogramm nach den Sommerferien in Versammlungen neu aufzulegen. Dabei wollten wir eng mit interessierten Bürgern arbeiten, die an dem Programm für die Kommunalwahl mitwirken sollten. Wie das mit Corona jetzt aussieht, ist bislang noch nicht abzuschätzen. Aber sicherlich werden wir das weiterhin versuchen und schauen, ob das alles so hinhaut, wie wir uns das vorstellen. Jeder kann bei uns mitmachen, und eines unserer großen Ziele ist es, eine Bürgerbeteiligung in Maintal zu schaffen. Wir haben schon immer versucht, die Bürger mitzunehmen, und das wollen wir jetzt auch direkt in der Entwicklung unseres Wahlprogrammes machen.
Ist es dann das erste Mal, dass die WAM seit ihrer Gründung im Jahr 2005 ihr Wahlprogramm gemeinsam mit Bürgern gestaltet?
Ja. Aber das war eigentlich schon der ursprüngliche Gedanke bei der Gründung der WAM. Wir hatten uns damals zusammengesetzt und überlegt, worauf wir uns einigen können. Denn wir kamen ja alle aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Ich kam zum Beispiel von der CDU, Klaus Seibert von der DKP – also völlig unterschiedliche Richtungen und dazwischen war alles möglich. Bei unserem ursprünglichen Wahlprogramm haben wir dann nach gemeinsamen Nennern gesucht. Und bei den nächsten Wahlen haben wir den Leuten eigentlich immer unser – meistens überarbeitetes – Programm gezeigt und gesagt, dass Leute, die sich damit identifizieren können, gerne bei uns mitmachen können. So haben wir das immer gehandhabt. Jetzt wollen wir wieder zu unseren Ursprüngen zurückkehren, uns als Gruppe und mit weiteren Interessierten zusammensetzen und schauen, was daraus entsteht. Wir wissen noch nicht, ob wir unser bisheriges Programm komplett überarbeiten – denn viele Punkte, die uns wichtig waren, konnten wir in den vergangenen Jahren bereits durchsetzen. Uns ist es wichtig, diesmal Bürgerinnen und Bürger von Anfang an mitarbeiten und mitwirken zu lassen. Dabei unterscheiden wir uns auch von den etablierten Parteien, die Mitgliederversammlungen und vorgegebene Programme haben. Das ist bei uns nicht so. Wir sagen vielmehr: „Wenn ihr bestimmte Themen habt, die ihr in den nächsten fünf Jahren umsetzen oder an der Umsetzung arbeiten wollt, dann könnt ihr zu uns kommen.“ Wobei es da natürlich immer auf das jeweilige Thema ankommt – und es muss zu unseren sozialen und ökologischen Grundsätzen passen.
Das könnte man als Vorteil einer Wählergruppe gegenüber den „normalen“ Parteien betrachten. Gibt es sonst noch Vorteile, die Sie in der Arbeit einer Wählergemeinschaft sehen?
Ich muss mich nicht an Hierarchien halten. Das ist definitiv ein Pluspunkt. Die WAM zum Beispiel hat eine relativ flache Hierarchie. Wir sind schon ein bisschen anarchistisch organisiert, könnte man sagen (lacht). Wir haben nicht diese Strukturen, haben keinen Vorsitzenden, keine regelmäßigen Mitgliederversammlungen, die vorgeschrieben sind. Wir reden halt und kommen dann irgendwie überein. Und wenn einer sagt, dass er eine Entscheidung nicht mittragen kann, ist das auch nicht schlimm. Wir können offen darüber reden. Ein weiterer Vorteil, den wir gegenüber den Parteien sicher haben, ist, dass wir ortsgebunden sind. Wir haben keinen Kreisverband, nichts auf Landes- oder Bundesebene – wir machen die Politik ausschließlich vor Ort. Die Parteien treffen zwar auch vor Ort Sachentscheidungen. Allerdings kommt bei denen zu einem gewissen Teil immer noch die jeweilige Ideologie hinzu. Ein Stadtverordneter aus der SPD hat ja eine andere Ideologie als einer von der CDU oder von der FDP. So etwas haben wir bei der WAM so nicht. Wir machen reine Sachpolitik und schauen zum Beispiel bei Entscheidungen nicht darauf, von wem ein Antrag in der Stadtverordnetenversammlung kommt, sondern wir gucken uns den Antrag an. Das ist für uns ein besonders wichtiger Punkt.
Stichwort Nachwuchsgewinnung: Wie funktioniert das bei der WAM?
Das ist immer ein Thema. Und es hat auch noch nie so richtig geklappt. Natürlich ist Nachwuchsgewinnung für uns ein wichtiger Punkt. Wir hatten beim letzten Mal zum Beispiel auch zwei junge Frauen auf der Liste, von denen eine noch dabei und die andere mittlerweile weggezogen ist. Ich glaube, jede Partei – und auch wir als Wählergruppe – würden gern junge Menschen und auch Frauen bei uns mitmachen lassen. Allerdings müssen diese Menschen natürlich auch selbst den Antrieb haben, sich zu engagieren, mitzugestalten – und eben unter Umständen die Verpflichtung eines Mandats in der Stadtverordnetenversammlung einzugehen. Und dabei hakt es oft, gerade bei jüngeren, noch ungebundenen Menschen. Ein Parlament muss aber doch eine gewisse Kontinuität haben. Das ist gerade auch für diejenigen wichtig, die einen wählen. Gerade Kommunalpolitik ist ja auch kein Geschäft, bei dem ich groß etwas reißen kann.
Und wie läuft die Gewinnung von Nachwuchs oder neuen Mitgliedern bei der WAM ganz konkret ab?
Das läuft in der Regel durch persönliche Kontakte. Zu uns kann erstmal jeder Interessierte Kontakt aufnehmen. Ich glaube, wir sind die einzige Fraktion, die ihre Sitzungen öffentlich macht. Dazu ist jeder eingeladen, und dafür haben wir lange gekämpft, um das durchzusetzen. Das war vorher nicht selbstverständlich – im Gegenteil. Es kann also jeder zu unseren Fraktionssitzungen kommen, kann mitdiskutieren – allerdings wird dieses Angebot eher selten genutzt. Anfangs, als es neu war, kamen noch recht viele, und mittlerweile kommen die Leute nur bei speziellen Themen. Aber im normalen Betrieb, wenn es zum Beispiel um die Umbenennung von Straßen, die Entwidmung von Feldwegen oder andere vermeintlich nicht so wichtige Themen geht, wird von unserem Angebot eher nicht so oft Gebrauch gemacht. Dabei ist das total zwanglos und unverbindlich. Man verpflichtet sich zu nichts, nur weil man eine unserer Fraktionssitzungen besucht.
Glauben Sie, dass Sie als Wählergemeinschaft von der anhaltenden Partei- und Politikverdrossenheit in der Bevölkerung profitieren?
Das sehe ich ehrlich gesagt nicht so. Ganz im Gegenteil: Wir haben auch viel damit zu kämpfen, dass die Leute sagen: „Ihr seid doch Politiker“ oder „Ihr seid doch eine Partei“. Ich glaube nicht, dass die Leute großartig zwischen Parteien und Wählergemeinschaften unterscheiden. Das ist eben so.
Ich glaube, dass die Menschen in Deutschland sicherlich in der Nachkriegszeit demokratie-begeisterter waren als heute. Für viele ist das System, das hart erkämpft wurde, selbstverständlich geworden. Man hat das System, es läuft – und wenn, dann sieht man eher die Schwierigkeiten oder das, was gerade an mancher Stelle nicht rund läuft. Das finde ich schade, weil das System der Demokratie einfach von Mitarbeit lebt. Und diese Mitarbeit fehlt uns momentan ein bisschen. Und als WAM versuchen wir, die Bürger wieder mit Politik in Kontakt zu bringen.

Das Gespräch führte Carolin-Christin Czichowski

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