Trotz der Krise gut aufgestellt

Interview: Anke Prätzas leitet seit 15 Jahren die städtische Wirtschaftsförderung

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Ansprechpartnerin für Maintaler Unternehmen und Gewerbetreibende: Anke Pätzas leitet seit 15 Jahren die städtische Wirtschaftförderung.

Seit 15 Jahren ist die städtische Wirtschaftsförderung in Maintal Ansprechpartner für Unternehmen und Gewerbetreibende. Was hat sich in all den Jahren verändert?

Wie hat sich die Wirtschaft in Maintal seitdem entwickelt? Und was sind die wichtigsten Aufgaben der Zukunft, wenn es darum geht, Unternehmer nach Maintal zu holen? Wie reagiert die Wirtschaftsförderung auf die Herausforderungen durch die Corona-Krise? Wir haben mit Anke Prätzas gesprochen, die seit 2005 bei der Stadt Maintal als Leiterin der Wirtschaftsförderung arbeitet und den Bereich damals auch mit aufgebaut hat.

Welche wirtschaftlichen Zweige sind in Maintal vorwiegend angesiedelt? 

Ein breiter Branchenmix kennzeichnet die Maintaler Wirtschaft. Sie bietet dadurch eine Vielzahl an Dienstleistungen an einem Standort und ist nicht abhängig von einer Branche. Die Bundesfachschule für Kälte-Klima-Technik ist einmalig in der Region und ein Alleinstellungsmerkmal für Maintal. Unter den größten Arbeitgebern am Standort finden sich Namen wie die Norma Group, DHL, 1&1 Drillisch AG und die Supermärkte wie Real und Globus. 

Welches Krisenmanagement kommt der Wirtschaftsförderung in Zeiten der Corona-Pandemie zu? 

Viele kleine Geschäfte, Dienstleister und Unternehmen aus verschiedenen Branchen (Gastronomie, Tourismus etc.) mussten ihren Betrieb schließen oder signifikant einschränken. Insbesondere kleine Unternehmen leiden unter den Auswirkungen der Corona-Krise – viele Unternehmen stufen ihre aktuelle Lage sogar als bedrohlich ein. Von Seiten der Wirtschaftsförderung informieren wir die Maintaler Firmen über die Verordnungen der Hessischen Landesregierung und die Förderprogramme von Bund und Land. Die aktuellen Informationen zu Corona werden regelmäßig per Newsletter an die Firmen weitergeleitet. Um Geschäfte, Gastronomie und Dienstleister unkompliziert zu unterstützen, haben wir die Initiative „Maintal Leben“ gestartet. Dies ist eine Online-Plattform, die ermöglicht, Gutscheine zu kaufen oder Trinkgelder zu spenden, um Einzelhandel, Gastronomie, Dienstleister oder Anbieter von Freizeitangeboten finanziell in der schwierigen Lage zu unterstützen. Wenn sich die Situation wieder entspannt, können die Gutscheine eingelöst werden. 

In Kürze beginnen die Arbeiten für die Erweiterung des Gewerbegebiets Maintal-West in Bischofsheim. Die Grundstücksgrößen sollen vor allem für mittelständische Unternehmen ideal sein. Ist das auch das Ziel – in Maintal vorwiegend mittelständische und nicht die ganz großen Firmen anzusiedeln?

Wir haben seit 20 Jahren in Maintal kein Gewerbegebiet mehr entwickelt. Es gab zwar Arrondierungen im Gewerbegebiet Ost, aber ansonsten sind keine Gewerbeflächen hinzugekommen. Die Unternehmen in Maintal benötigen aber dringend weitere Flächen. 

Das heißt, es geht gar nicht so sehr darum, neue Firmen anzusiedeln, sondern vielmehr darum, den Bestandsfirmen mehr Flächen zur Verfügung zu stellen? 

Wir möchten den örtlichen Betrieben Erweiterungsflächen anbieten und darüber hinaus neue innovative Firmen in Maintal ansiedeln. Zum einen ist es wichtig, dass wir Arbeitsplätze schaffen, zum anderen aber auch, Gewerbesteuer zu generieren. Das sind die zwei Schwerpunkte, die für uns von besonderer Bedeutung sind. 

Sie haben 2005 bei der Stadt Maintal angefangen und die Wirtschaftsförderung mit aufgebaut. Warum war das denn damals so wichtig? 

Die Förderung der Wirtschaft ist heute so relevant wie damals. In der jetzigen Situation und angesichts von deren Folgen wahrscheinlich noch relevanter. Die Stadt Maintal sah und sieht sich in der Verantwortung, die Wirtschaft vor Ort nachhaltig zu stärken, neue Unternehmen anzusiedeln sowie Neugründungen und Innovationen zu unterstützen. Damals fehlte eine zentrale Funktion, welche die kommunalen Aktivitäten effektiv und effizient bündelt und umsetzt, beispielsweise den Bedarf an Gewerbeflächen. Auch fehlte für Herausforderungen wie den Folgen des demographischen Wandels oder die Fachkräftesicherung ein zentraler Ansprechpartner für Unternehmen. 

Die Wirtschaftsförderung organisiert auch selbst Veranstaltungen. Welche sind das? 

Es gibt bei der Wirtschaftsförderung einen Jahreskalender, der aus regelmäßigen Veranstaltungen besteht. Da gibt es zum Beispiel den Beratungstermin mit den Wirtschaftspaten. Alle zwei Monate kommen vorwiegend junge Unternehmer und werden von den Wirtschaftspaten, also ehemaligen Managern oder Selbstständigen, beraten. Zudem organisieren wir alle zwei Jahre die Lehrstellenbörse mit der Erich-Kästner-Schule und der Werner-von-Siemens-Schule in Maintal. Zu Beginn des Jahres laden wir außerdem die örtlichen Unternehmen zu einer Jahresauftaktveranstaltung ein, bei der wir unter anderem die Stadtentwicklungsprojekte vorstellen. Die Unternehmer interessiert es, wenn zum Beispiel Wohngebiete in Maintal erschlossen werden oder wie der Planungsstand bei den Infrastrukturprojekten Bürgerhaus und Maintalbad ist. Im Herbst findet das jährliche Unternehmerforum gemeinsam mit dem Lions Club Maintal statt, bei dem es Vorträge von namhaften Referenten sowie viel Raum zum Netzwerken gibt. Darüber hinaus bieten wir zahlreiche Beratungen an, wie zum Beispiel zu Fördermittelangeboten oder zur Unternehmensnachfolge. 

Aber es gibt ja auch regelmäßige Angebote, die sich vor allem an Frauen richten.

 Genau, beim Unternehmerinnenstammtisch können sich Geschäftsfrauen austauschen, sich gegenseitig unterstützen, sich vernetzen und ihre Erfahrungen weitergeben. Derzeit sind natürlich alle Veranstaltungen aufgrund der Corona-Pandemie bis auf Weiteres abgesagt. Wir sind jedoch dabei neue, digitale Formate einzuführen. 

Warum ist Maintal denn aus Ihrer Sicht der ideale Standort für Unternehmen und Existenzgründungen? 

Die Firmen profitieren von der zentralen Lage, vor den Toren Frankfurts, mitten im pulsierenden Rhein-Main-Gebiet, der Nähe zu den Hochschulen und der Nähe zu den Zulieferfirmen und dem guten Fachkräfteangebot. Die Verkehrsanbindung ist sehr gut, nicht zuletzt durch die Nähe zum Flughafen. 

Was tut die Stadt Maintal für Gründer, zum Beispiel von Start-ups? 

Wir haben ein Gründerzentrum in der Max-Planck-Straße. Dort haben wir sieben einzelne Büroräume, die kostengünstig von Gründern angemietet werden können. Das Angebot bietet den Gründern die Möglichkeit, sich in der Selbstständigkeit auszuprobieren, ohne hohe Fixkosten zu haben. Zudem stehen den Gründern das Netzwerk der Wirtschaftsförderung und Beratungsmöglichkeiten zur Verfügung. 

Eines der größten Projekte derzeit ist für Sie ja die Erweiterung des Bischofsheimer Gewerbegebiets. Welche weiteren Projekte stehen sonst noch kurz- oder mittelfristig auf dem Programm? 

Ein weiteres wichtiges Projekt ist der Ausbau des Glasfasernetzes. Wir sind sehr froh, dass die Deutsche Glasfaser alle drei Gewerbegebiete an ihr Netz anschließt. Dann ist uns die Aufwertung der Haupteinkaufsstraßen ein Anliegen. Wir beginnen mit der Aufwertung des Käthe-Jonas-Platzes und ergänzen das mit einer neuen Gestaltung der Flächen, indem wir stadtweit unter anderem einheitliche Bänke, Papierkörbe, Poller, Fahrradständer und Bushaltestellen planen. Außerdem ist ein neues Konzept für eine einheitliche Straßenbeleuchtung derzeit in Bearbeitung. Damit wollen wir die Aufenthaltsqualität steigern. Nicht zuletzt erfolgt die Neuauflage der Broschüre „Wirtschaftsvielfalt Maintal“. Die Broschüre informiert über die Wirtschaftsstruktur von Maintal, vorhandene und neue Gewerbegebiete, deren Standortvorteile sowie über die Wohn- und Freizeitqualität von Maintal. 

Und welche Projekte haben Sie seit 2005 als Wirtschaftsförderung realisiert?

 In 15 Jahren haben wir viel erreicht. Lassen Sie mich deshalb nur eine Auswahl nennen. Zu Beginn ging es zunächst darum, die Wirtschaftsförderung aufzubauen und eine Wirtschaftsförderungs-Strategie zu entwickeln. Ein wichtiger Schritt war der Aufbau des Gründerzentrums Maintal, damals noch in der Neckarstraße, um Existenzgründer zu unterstützen. Zwischenzeitlich haben über 60 Gründer ihre Selbstständigkeit erfolgreich im Gründerzentrum Maintal gestartet und über 200 Arbeitsplätze geschaffen. Über die Zeit ist es uns gelungen, den Gewerbetreibenden und den Bürgern eine gute Internetverbindung anzubieten. Dies setzen wir nun mit dem Glasfaserausbau in den Gewerbegebieten fort, der in diesem Jahr abgeschlossen wird. Weitere bedeutende Projekte sind zum Beispiel die Lehrstellenbörse, die sich zu einer erfolgreichen Plattform für Unternehmen und Schulabgänger etabliert hat. Zu nennen sind auch die Projekte zur Aufwertung der älteren Gewerbegebiete und die Neuansiedlungen im Erweiterungsgebiet Lise-Meitner-Straße im Gewerbegebiet-Ost in Dörnigheim. 

Wie viele Gewerbetreibende und Firmen gibt es derzeit insgesamt in Maintal? 

Es gibt circa 3900 Gewerbetreibende in Maintal. Da ist vom Soloselbstständigen über Familienbetriebe bis zum weltweit operierenden, börsennotierten Konzern alles dabei. 

Wie hoch sind aktuell die Einnahmen aus der Gewerbesteuer für die Stadt Maintal? 

Für 2019 sind 21,5 Millionen Euro im Haushaltsplan angesetzt. Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer sind in den letzten Jahren stetig gestiegen. Aufgrund der Corona-Pandemie werden diese Einnahmen jedoch sicherlich deutlich zurückgehen. Was sind aus Ihrer Sicht mittel- oder langfristig die größten Herausforderungen für die Maintaler Wirtschaftsförderung? Die Corona-Pandemie stellt unsere Wirtschaft vor eine riesige Herausforderung, deren Auswirkungen bisher noch nicht abschätzbar sind. Wir möchten den Maintaler Firmen helfen, mit der Extremsituation gerade im Hinblick auf die nächsten Monate und die Zeit nach der Krise umzugehen und ihnen unsere Unterstützung im Rahmen unserer Möglichkeiten anbieten. 

Das Gespräch führte Carolin-Christin Czichowski

Quelle: Hanauer Anzeiger

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