1. Startseite
  2. Region
  3. Main-Kinzig-Kreis
  4. Maintal

Kaum Aussichten auf Therapieerfolg: Gutachter stufen Angeklagten als Psychopathen ein

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Michael Bellack

Kommentare

Der Prozess um zwei Tankstellenüberfälle in Maintal vor dem Landgericht Hanau befindet sich auf der Zielgerade. Die Beweisaufnahme ist nach dem psychiatrischen Gutachten abgeschlossen.
Der Prozess um zwei Tankstellenüberfälle in Maintal vor dem Landgericht Hanau befindet sich auf der Zielgerade. Die Beweisaufnahme ist nach dem psychiatrischen Gutachten abgeschlossen. © Frank Rumpenhorst/DPA

Könnten sich Gerichte in ihren Prozessen immer an klar definierte Fakten halten, es würde die Arbeit so manchen Richters auf der Welt deutlich vereinfachen. Doch es gibt nicht immer nur Beweise in einem Prozess, wie DNA-Spuren, Fotos und wissenschaftlich belegbare Erkenntnisse. Gerade wenn es um die Psyche eines Angeklagten geht, sind es Einschätzungen von Experten, die dem Gericht die Entscheidungsfindung erleichtern sollen.

Maintal – So auch im Prozess um die Tankstellenüberfälle in Bischofsheim. Denn dem bereits für einen vorherigen Überfall verurteilten Angeklagten Patrick B. drohen viele Jahre Haft. Doch ob die Strafe in einer Justizvollzugsanstalt abgesessen oder der Täter in den Maßregelvollzug überstellt wird – sprich in eine psychiatrische Einrichtung – muss das Gericht entscheiden. Wesentlich dafür ist die Einschätzung der psychiatrischen Gutachter.

Dr. Christian Knöchel und seine Kollegin Sophia Falke stellen vor dem Landgericht Hanau in ihrem Gutachten die gesammelten Erkenntnisse über B. vor. Dass der Angeklagte bereits seit seiner Kindheit psychische Probleme habe, erklärte er bereits im Laufe des Prozesses. Mit Drogen und Medikamenten habe er versucht, seine Ängste und Auffälligkeiten in den Griff zu bekommen.

Verschiedene Versuche psychologischer Behandlungen und Drogenentzüge scheitern wohl auch am Angeklagten selbst, der nur anfangs motiviert ist. Eine Wesensart, die Knöchel und Falke an den Erfolgsaussichten weiterer intensiver Behandlungen zweifeln lassen. Zumal eine vor zehn Jahren aufgestellte Prognose einer psychiatrischen Einrichtung beinahe vollständig eingetreten ist. Das Fazit der Gutachter ist daher eindeutig: B. leidet unter einer Psychopathie. Eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus nach Paragraf 63 oder in einer Entziehungsanstalt nach Paragraf 64 wird von den Gutachtern nicht empfohlen. Die Erfolgsaussichten seien zu gering.

Richter Dr. Mirko Schulte, Vizepräsident des Landgerichts, hat dazu noch einigen Klärungsbedarf mit den Gutachtern. Auch, weil sich der Angeklagte im Laufe des Prozesses reuig und einsichtig gezeigt hat. „Das eine ist, was man sagt, das andere, was man macht“, entgegnet Knöchel. Er argumentiere aus medizinischer Sicht – das Gericht müsse die juristische Lage beurteilen. Auch dass der Angeklagte erklärt hatte, bei den Gesprächen mit den Gutachtern gelogen zu haben, um eine Schizophrenie vorzutäuschen, ändert an der Einschätzung der Experten nichts. „Es gab keine echte, authentische Auseinandersetzung bei ihm“, sagt Falke. Sie spricht von „Manipulation und Selbstüberschätzung“ des Angeklagten.

Folgt das Gericht den Einschätzungen der Gutachter, wird die Luft für B. dünner. Zumal auch eine verminderte Schuldfähigkeit nur bei der Tat am 4. März aufgrund des Drogenkonsums „nicht ausgeschlossen“ werden kann.

Klare Fakten gibt es am knapp sechsstündigen Prozesstag dennoch. Das Gutachten der Rechtsmedizin zeigt auf, dass die Schüsse, die B. am 10. März 2021 bei dem Überfall auf die Shell-Tankstelle auf den Kassierer abgegeben haben soll, potenziell lebensgefährlich waren. Der Kassierer kam mit einem Streifschuss am Kinn davon – es hätte auch anders ausgehen können. Getestet wurde inzwischen die Durchschlagskraft der Waffe vom Landeskriminalamt mit einer Gelatine-Masse und Lederstücken, die menschlicher Haut und Gewebe von der Konsistenz nahezu gleich sind. Über neun Zentimeter tief drang das Projektil in die Masse ein. Die Proben hat der Sachverständige mitgebracht – handfeste Fakten also, an deren Bewertung es nicht viel zu rütteln gibt.

Von Michael Bellack

Auch interessant

Kommentare