Maintal

Kopfschuss-Prozess: Musste das Opfer vor dem Schützen knien?

Tatort Berliner Straße: Aus Eifersucht soll es Anfang September vergangenen Jahres zu einem versuchten Mord an einer 25-jährigen Frau gekommen sein. Der mutmaßliche Täter muss sich seit Mittwoch vor dem Schwurgericht verantworten. Archivfoto: Martina Faust

Maintal/Hanau. Die grausamen Details, die Oberstaatsanwalt Dominik Mies in seiner Anklageschrift nennen muss, erinnern sehr an eine versuchte Hinrichtung: „. . . dann hat der Angeklagte auf die vor ihm kniende Zeugin zwei Schüsse aus nächster Nähe abgegeben. Ein Schuss traf dabei den Kopf.“

Von Thorsten BeckerZum Prozessauftakt vor der 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht werden bislang noch nicht bekannte Umstände der Bluttat bekannt, die in der Nacht zum 2. September vergangenen Jahres Dörnigheim erschütterte.

Der 36-jährige Afewerki W. sitzt an diesem Morgen mit seiner Verteidigerin Wiebke Otto-Hanschmann auf der Anklagebank. Mies wirft dem Mann, der aus Eritrea stammt und als Beruf Energieelektroniker angibt, versuchten Mord vor. „Aus niedrigen Beweggründen“, so der Ankläger. Als Motiv für das Verbrechen nimmt der Oberstaats-anwalt chronische Eifersucht des 36-Jährigen an.

Der Mordversuch ist nicht der einzige Vorwurf. Hinzu kommen noch andere Taten, die als Körperverletzung und Bedrohung angeklagt sind. Mies zeichnet in der Anklage einen über mehrere Wochen dauernde, von Gewalt und Einschüchterung geprägte Entwicklung, die schließlich in der Bluttat an der Berliner Straße eskaliert sein soll.

Angeklagter wurde von Zeugen überwältigt

Bereits Ende Juli 2019 soll es zu der ersten Eifersuchtsszene zwischen dem Paar gekommen sein. „Aus Eifersucht“, so Mies, habe W. das Smartphone der elf Jahre jüngeren Frau kontrollieren wollen. Doch das Mobiltelefon war gesperrt. Um die PIN zu bekommen, soll der Angeklagte der Frau „mit voller Wucht insGesicht geschlagen“ haben und ihr anschließend ein Kissen auf das Gesicht gedrückt haben. Das Opfer habe „Todesängste“ ausgestanden und das Handy schließlich zur „Kontrolle“ entsperrt.

Nur eine Woche später, am 31. Juli, soll es an der Wilhelmsbader Straße zur nächsten Konfrontation gekommen sein. Am frühen Morgen habe W. erneut die Kontakte überprüfen wollen und war kurz davor, mit einem Backstein auf die Frau loszugehen. „Zwei Zeugen, die zufällig vor Ort waren, konnten das verhindern, indem sie den Angeklagten überwältigten.“

Keine 24 Stunden später: W. forderte 700 Euro, die er der Frau geliehen habe, zurück und soll am Telefon sehr drastisch geworden sein. Bekomme er den Betrag nicht augenblicklich zurück, werde er sie „umbringen“. Das Opfer fügte sich und soll gezahlt haben.

Angeklagter floh nach der Tat

Dann kommt die Nacht zum 2. September. W. habe die Frau abermals bedroht. „Bereits im Café 'No Limit' ist es zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen beiden gekommen – aus Eifersucht“, so Mies. Der 36-Jährige soll einen Nebenbuhler vermutet haben und wollte wissen, ob seine Freundin am Abend zuvor bei einem anderen Mann gewesen sei. Um Druck auszuüben, soll W. eine scharfe Waffe vorgezeigt haben.

Als die Frau schließlich Angaben gemacht habe, soll die Situation eskaliert sein. Zusammen seien beide in Richtung Berliner Straße gelaufen sein. Offenbar habe W. den vermeintlichen Nebenbuhler zur Rede stellen wollen.

Doch dazu kam es nicht mehr: „Vor dem Haus an der Berliner Straße 122 zückte der Angeklagte die Waffe und schoss aus nächster Distanz . . . einer dieser Schüsse traf die Geschädigte am Hinterkopf. Der Angeklagte glaubte, sein Ziel erreicht zu haben, und flüchtete.“

„Die Tatwaffe ist bislang nicht gefunden worden“

Die Frau habe sich bis an ein geparktes Auto geschleppt und sei dort von Polizeibeamten gefunden worden. „Bei einer Notoperation an der Uniklinik Frankfurt ist das Projektil entfernt worden“, so Mies abschließend.

Nach der Anklage wird nun W. Gelegenheit haben, sich zu den schweren Vorwürfen zu äußern. Seine Verteidigerin kündigte bereits eine Aussage an.

Das Verfahren, das zunächst auf fünf Verhandlungstage angesetzt ist, dürfte ein Indizienprozess werden. Weiterhin fehlen Hinweise darauf, wie der 36-Jährige in den Besitz einer scharfen Waffe gekommen ist – und wo diese geblieben ist. „Die Tatwaffe ist bislang nicht gefunden worden“, so Mies.

Quelle: Hanauer Anzeiger

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare