Aus dem Gericht

Kopfschuss-Prozess: Opfer sagt aus - „Dann hat es in meinem Kopf geknackt“

Tatort Berliner Straße: Das Hanauer Schwurgericht wird ab Montag untersuchen, was im September 2019 bei der Bluttat in Dörnigheim passiert ist. Die Staatsanwaltschaft vermutet Eifersucht als Motiv für den Schuss auf eine 26-jährige Frau.
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Tatort Berliner Straße: Das Hanauer Schwurgericht untersucht, was im September 2019 bei der Bluttat in Dörnigheim passiert ist. Die Staatsanwaltschaft vermutet Eifersucht als Motiv für den Schuss auf eine 26-jährige Frau.

Im September 2019 wird einer Frau in Maintal in den Kopf geschossen. Mutmaßlicher Täter ist ihr eifersüchtiger Freund. Am ersten Prozesstag hat das Opfer jetzt ausgesagt.

Hanau/Maintal – „Er hat vor mir gestanden und die Pistole auf mich gerichtet. Plötzlich hat er geschossen. Aber es war nur eine Platzwunde, die geblutet hat. Dann hat er mir so heftig gegen die Brust geschlagen, dass ich zu Boden gegangen bin . . .“

Die 26-Jährige schildert der Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht sehr detailliert, was an diesem Morgen an der Berliner Straße in Dörnigheim passiert ist. Es ist der 2. September 2019.

Prozess um Kopfschuss: Mutmaßlicher Täter stark eifersüchtig

Afewerki W., ihr bisheriger Freund, scheint offenbar rasend vor Eifersucht zu sein. Seit über einem halben Jahr sind sie ein Paar. „Am Anfang war es noch süß“, schildert sie den Beginn der Liebesbeziehung zu dem heute 37 Jahre alten Mann, der aus Eritrea stammt. „Es war alles sehr harmonisch.“ Beide verbindet aber über Monate ein gemeinsames „Hobby“. Es ist recht teuer und gefährlich: der Kokain-Konsum. „Wir haben jeden Tag konsumiert“, berichtet die junge Frau schonungslos. Alkohol habe dann ebenso dazu gehört.

Das mit der Liebe habe sich dann schlagartig geändert. „Er wollte mich für sich alleine.“ Da W. anfangs „schüchtern“ und eher menschenscheu gewesen sei, habe das Paar nicht viel unternommen. Doch die Frau scheint eher lebenslustig zu sein, will sich mit Freundinnen und „Kumpels“ treffen. Das scheint W. nicht zu gefallen, er will das Handy der Frau kontrollieren. Will wissen, mit wem sie sich trifft, ob es Nebenbuhler gibt. Es setzt Schläge und wüste Bedrohungen, bis die Frau das Passwort zum Entsperren des Mobiltelefons preisgibt.

Prozess in Hanau: Freund greif Partnerin mehrfach tätlich an

Als Beweis für diese Übergriffe könnte ein Selfie dienen, das die 26-jährige M. am Morgen aufgenommen hat. Darauf hat sie ein blaues Auge, meldet sich damit bei ihrer Chefin ab. Nach einem weiteren Angriff an der Wilhelmsbader Straße – diesmal soll W. mit einem Backstein auf sie losgegangen sein – hat sie genug. Sie flüchtet in ein Hotel – und erstattet Anzeige bei der Polizei.

Doch nach wenigen Tagen kommt es aber wieder zum Kontakt zwischen beiden. „Wir haben versucht, uns aufzuraffen – damit es besser wird“, sagt sie. „Also so eine Art On-off-Beziehung?“, hakt die Vorsitzende Richterin Susanne Wetzel nach. Das Opfer bejaht.

Aber es wird nicht besser – es wird schlimmer. Denn an jenem Abend trifft sich die Frau zunächst mit ihrer Mutter zum Pizzaessen. Dann will sie nicht heim, sondern sich lieber noch mit einem anderen Kumpel treffen. Es ist bereits 1 Uhr in der Nacht, am 2. September.

Täter hält Opfer die Waffe an den Kopf - und drückt ab

Danach kommt es zu der folgenschweren Auseinandersetzung, die vor dem Café „No Limit“ beginnt. „Er hat mir die Waffe an den Kopf gehalten und mich gezwungen, dass wir zu meinem Kumpel an die Berliner Straße gehen. Er wollte ihn zur Rede stellen“, so die Zeugin.

Es ist schon früh an diesem Morgen. „Er hat mir die Waffe an die Seite gehalten. Uns sind Leute entgegengekommen.“ Was die junge Frau nicht weiß: Eine der Passantinnen ist eine Polizistin, die kurz darauf Alarm schlägt. Doch da ist es bereits zu spät, denn offenbar hat sich W. die Sache plötzlich anders überlegt. Vor der Hausnummer 122 eskaliert die Situation. „Er hat mir gesagt, er nimmt jetzt mein Leben und dann sein Leben.“ Der erste Schuss fällt. Sie geht zu Boden „Ich habe dann vor ihm gekniet, mit dem Rücken zu ihm . . .“, schildert sie den weiteren Ablauf. „Dann hat es in meinem Kopf geknackt.“

Notoperation: Opfer überlebt wie durch ein Wunder

Für Staatsanwältin Lisa Pohlmann ist das laut Anklageschrift ein versuchter Mord aus niedrigem Beweggrund. Eifersucht ist das Motiv. „Nach dem zweiten Schuss flüchtete der Angeklagte. Er ist davon ausgegangen, sein Ziel erreicht zu haben.“

Doch zum Glück ist das nicht so. Denn das zweite Projektil trifft die heute 26-Jährige im Schädel. Wie durch ein Wunder bleibt das Metall stecken, richtet keine bleibenden Kopfverletzungen an, wie Ärzte der Unikliniken in Frankfurt bei einer Notoperation feststellen.

Kopfschuss-Prozess: Tatwaffe wurde bis heute nicht gefunden

W. selbst wirkt am Prozessauftakt nervös. Eine Aussage will er am Montag nicht machen. Dabei hat er bereits kurz nach der Tat umfangreiche Angaben zu den schweren Vorwürfen gemacht. Bei der Kriminalpolizei und vor der Haftrichterin. Das könnte als Geständnis gewertet werden, denn in dem Indizienprozess fehlt bislang ein wichtiges Beweisstück: Die Tatwaffe ist wie vom Erdboden verschwunden. Die tagelange Suche der Polizei hat zu keinem Erfolg geführt.

Daher kommt es gleich zum Auftakt der Verhandlung zu einem juristischen Streit über die umfangreichen Aussagen. So prangert Wiebke Otto-Hanschmann, die Strafverteidigerin von W., die Vernehmungen an und fordert ein Verwertungsverbot für diese möglichen Beweise. Ihre Begründung: Ihr Mandant sei sechs Stunden nach der vorläufigen Festnahme mit dem Tatvorwurf konfrontiert worden.

Verteidigerin wirft Ermittlern schwerwiegende Verstöße vor

W. habe am Abend vor der Tat Alkohol sowie Kokain konsumiert und sei daher nicht in der Lage gewesen, eigene Entscheidungen zu treffen. „Er war vernehmungsunfähig“, argumentiert die Rechtsanwältin und sieht daher „eklatante Verstöße“ durch die Kriminalpolizei, da ihr Mandant mehrfach einen Verteidiger gefordert habe. Er sei von den vernehmenden Beamten „getäuscht“ worden. Dies sei „verwerflich“, alle Aussagen von W. dürften daher nicht vor Gericht verwertet werden.

Rechtsanwältin Gabriele Berg-Ritter, die das Opfer als Nebenklägerin vertritt, kontert: „Er ist von der Polizei ordentlich belehrt worden und hätte gar keine Angaben machen müssen. Er hat es aus freiem Willen getan.“ Zudem sei eine Verteidigerin kontaktiert worden. Dass diese nicht zum Hafttermin erschienen sei, könne nicht gegen die Verwertung der Aussagen sprechen. „Das ist kein Verstoß gegen die Rechtsstaatlichkeit“, schlussfolgert Berg-Ritter in ihrer ausgefeilten Entgegnung.

Angeklagter hat Tat bei der Polizei zugegeben

Die Kammer fällt daher eine Entscheidung: W. sei von der Polizei und der Haftrichterin ordnungsgemäß belehrt worden und habe die Tat zugegeben. Das gehe aus den Protokollen hervor, die der Angeklagte selbst unterschrieben hat. Auch in der Gefangenenpost habe er Angaben gemacht. „Wir haben hier als Gericht die Pflicht, die Wahrheit herauszufinden“, stellt die Landgerichtspräsidentin Wetzel fest. Daher dürften diese Beweise in der Verhandlung vom Schwurgericht auch verwertet werden.

Wie am ersten Verhandlungstag weiter bekannt wird, ist W., der in Maintal aufgewachsen ist, keineswegs ein unbeschriebenes Blatt. Bereits zweimal hat er im Gefängnis gesessen, weil er an mehreren Einbruchsdiebstählen beteiligt war. Zunächst war es eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten. Derzeit verbüßt er eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten wegen Einbruchsdiebstahls.

Der Prozess wird am Montag, 8. Februar, mit weiteren Zeugenvernehmungen fortgesetzt.

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