Prozess

Schüsse aus doppelläufigen Pistole abgefeuert? Experte überrascht Gericht

„Ich würde alles dafür tun, das rückgängig zu machen“: Afewerki W. hat vor dem Hanauer Schwurgericht gestanden, auf seine Freundin geschossen zu haben.
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„Ich würde alles dafür tun, das rückgängig zu machen“: Afewerki W. hat vor dem Hanauer Schwurgericht gestanden, auf seine Freundin geschossen zu haben.

2019 schießt Afewerki W. auf seine Ex-Freundin – offenbar mit einer besonderen Waffe. Von dieser Erkenntnis berichten Experten dem Schwurgericht in Hanau.

Maintal/Hanau - Es besteht kaum noch ein begründeter Zweifel daran, dass Afewerki W. in der Nacht zum 2. September 2019 an der Berliner Straße in Dörnigheim auf seine Ex-Freundin geschossen* und sie im Kopf getroffen hat. Das hat der 37-jährige Angeklagte am Montag in einem Teilgeständnis zugegeben. Doch bei der Suche nach den genauen Ursachen werden immer mehr mysteriöse Hintergründe bekannt.

Prozess in Hanau – Stammt die Waffe aus einem früheren Einbruch?

Denn nach wie vor ist ungeklärt, mit welcher Waffe W. auf die heute 26 Jahre alte Frau geschossen hat. Nur ein Projektil aus dem Kopf des Opfers liegt als Beweisstück vor (wir berichteten). Die Tatwaffe ist nach wie vor verschwunden. Zeugen hatten vor der Schwurgerichtskammer in Hanau angegeben, es habe sich um einen Revolver gehandelt, aus dem zwei Schüsse abgefeuert worden sind. W. schweigt dazu beharrlich. Immer wieder ist die Frage aufgetaucht: Ist ein Trommelrevolver oder eine Pistole, die über ein Magazin verfügt, eingesetzt worden? Gegen eine Pistole spricht, dass am Tatort keine Patronenhülsen gefunden worden sind. Das bestätigt eine junge Beamtin, die in den frühen Morgenstunden bei der Absuche des Tatorts eingesetzt war. Das bestätigt ebenso die Ermittlungsführerin der Kripo Hanau. Die Kriminaloberkommissarin hat mitbekommen, dass W. davon gesprochen habe, er hätte eine „Schreckschusspistole“ von einem gewissen Vincenzo D. erhalten.

Die Kammer unter Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel hat eigene Nachforschungen angestellt. Denn D. und W. haben zusammen eine unrühmliche Vergangenheit. Beide sind bereits wegen Einbrüchen ins Gefängnis gewandert. Und bei einem dieser Einbrüche ist 2012 eine Pistole abhanden gekommen. „Eine Signalpistole der Marke Röhm“, berichtet Richter Niels Höra über die Nachforschungen. Ein Beamter aus dem für Kapitalverbrechen zuständigen des Kommissariat 11 überrascht dann alle Beteiligten mit seiner Theorie. Es könnt sich um eine doppelläufige Pistole der Marke Deringer handeln. Dort bleiben die Hülsen – wie bei einem Revolver – in der Waffe. „Das Geschoss passt zur Munition, die damit verschossen werden kann“, sagt er aus und muss zahlreiche Fragen beantworten.

Experten schießen auf synthetische Knochen – Ihr Befund überrascht Gericht in Hanau

Dann betritt ein Zeuge vom Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden den Schwurgerichtssaal in Hanau und verblüfft die Kammer mit seiner Expertise. Ihm liegen nur die Informationen über das deformierte Projektil sowie Fotos vor: 5,85 Gramm wiegt das Teil, das aus Blei sein soll. Der BKA-Ballistiker hat mit seinem Team mehrere Versuchsreihen vorgenommen, auf Stahlplatten und synthetische Knochen geschossen. „Es kann eigentlich nur plausibel sein, dass es sich um eine Kugel gehandelt hat“, lautet seine Schlussfolgerung. Eine Kugel also, wie sie anno dazumal mit Vorderladerwaffen verschossen worden ist.

Dann überrascht der Experte: Es könnte eine doppelläufge Deringer-Pistole gewesen sein. „Es kann sich um eine echte, jedoch auch um eine Schreckschusswaffe gehandelt haben, die umfunktioniert worden ist“, erklärt der Zeuge. Nur so könne die Deformation des aus dem Schädel herausoperierten Projektils erklärt werden, meint der BKA-Ballistiker. Er geht von einer weitaus geringeren Aufprallgeschwindigkeit im Vergleich zu beispielsweise einer Polizeidienstwaffe aus. So könnte jedenfalls das Geheimnis gelüftet werden, weshalb die Kugel im Schädel stecken geblieben ist und keine schweren Folgen beim Opfer verursacht hat.

Täter schoss nach Kokainkonsum – Sein Dealer wird per Haftbefehl gesucht

W. gibt in seinem Teilgeständnis, das von Rechtsanwältin Wiebke Otto-Hanschmann vorgetragen wird, an, Vincenzo D. habe ihm die Waffe übergeben. Er sei davon ausgegangen, es habe sich um eine Schreckschusspistole gehandelt. Ja, er habe sich mit seiner damaligen Freundin lauthals gestritten. Ja, er sei eifersüchtig gewesen. Aber beide hätten viel Alkohol getrunken und seien „auf Koks“ gewesen. „Auf einmal habe ich geschossen“, sagt er aus. Zweimal hintereinander. Doch W. zeigt auch Reue: „Ich würde alles dafür tun, das rückgängig zu machen. Ich bereue, dass ich sie verletzt habe.“

Ob die Kammer nun weitere Details zur mutmaßlichen Tatwaffe erfährt, bleibt offen. Vincenzo D. wird dabei kaum helfen. Denn er hat dem Angeklagten wohl nicht nur die Waffe gegeben, sondern auch monatelang mit Kokain versorgt. Ein triftiger Grund, nicht vor dem Landgericht Hanau zu erscheinen, um eine Aussage zu machen. „Herr D. ist mit internationalem Haftbefehl zur Fahndung ausgeschrieben“, unterrichtet Staatsanwältin Lisa Pohlmann die Richter. Der Prozess wird am Montag, 22. Februar, fortgesetzt. (Thorsten Becker) *OP-online.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Redaktionsnetzwerks.

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