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Letzte Chance Entziehungsanstalt: Tankstellenräuber aus Maintal zu zehneinhalb Jahren Haft verurteilt

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Von: Michael Bellack

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Um Geld für Drogen zu beschaffen, überfiel Patrick B. unter anderem diese Agip-Tankstelle in Bischofsheim. Dafür hat er eine hohe Haftstrafe erhalten, die jedoch auch geringer ausfallen kann. Archiv
Um Geld für Drogen zu beschaffen, überfiel Patrick B. unter anderem diese Agip-Tankstelle in Bischofsheim. Dafür hat er eine hohe Haftstrafe erhalten, die jedoch auch geringer ausfallen kann. Archiv © Michael Bellack

Rund anderthalb Stunden dauert das Urteil, das Dr. Mirko Schulte, Vizepräsident des Landgerichts Hanau, verliest. Es unterstreicht die Komplexität des Prozesses gegen Patrick B., der in Maintal Tankstellen überfallen hat. Zwei im März 2021, eine im Mai 2020. Der erste Überfall wurde bereits vergangenes Jahr verhandelt und brachte B. fünfeinhalb Jahre Gefängnis ein. Jetzt kommen fünf weitere hinzu – allerdings nicht zwangsläufig.

Maintal/Hanau – Eine Gesamtstrafe von zehn Jahren und sechs Monaten verliest Schulte unter Einbeziehung auf das vorherige Urteil. B. wird der besonders schweren räuberischen Erpressung und des versuchten Totschlags für schuldig befunden. Er hatte am 4. März 2021 bewaffnet die Agip-Tankstelle Am Kreuzstein in Bischofsheim überfallen und dabei in die Luft geschossen. Am 10. März schoss er mit dem gleichen Revolver auf den Kassierer der nahe liegenden Shell-Tankstelle. Der Schuss, das wurde durch Gutachter im Prozess erklärt, hätte tödlich sein können. Der von der Staatsanwaltschaft ursprünglich angeklagte versuchte Mord wurde mangels Mordmerkmals jedoch verworfen.

Am Ende summieren sich die Taten zu einer Gesamtstrafe in zweistelliger Höhe. „Das geht gar nicht anders. Wir haben hier jemanden, der gefährliche Straftaten begeht“, macht auch Schulte deutlich. Staatsanwalt Dr. Oliver Piechaczek hatte 13 Jahre gefordert, die Kammer blieb darunter.

Doch wie viele Jahre davon B. am Ende im Gefängnis sitzen wird, hängt ganz wesentlich von ihm selbst ab. Denn wie auch von der Staatsanwaltschaft gefordert, wird B. in einer Entziehungsanstalt untergebracht. Und zwar bereits nach drei Jahren und drei Monaten im Gefängnis. Einen Teil der Strafe hat B. bereits abgesessen, schließlich gab es bereits vor einem Jahr die Verurteilung für seinen ersten von später insgesamt drei Überfällen.

Nach den dreieinhalb Jahren Haft steht für B. eine zweijährige Therapie in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung an. Keinesfalls ein Zuckerschlecken, wie Schulte betont: „Diese Therapie schaffen nur die Besten. Man darf nicht hingehen und denken, man sei Kunde und müsse nichts tun“, macht Schulte deutlich, der von einem „strengen Setting“ in der Einrichtung spricht. „Der Staat lässt es sich richtig was kosten, Menschen zu rehabilitieren“, sagt Schulte. Zwischen 7000 und 10 000 Euro im Monat koste eine entsprechende Therapie. Staatsanwalt Piechaczek hatte bereits in seinem Plädoyer eindringliche Worte an B. gerichtet: „Sie müssen liefern.“ Denn stellt sich kein Therapieerfolg ein, muss B. zurück ins Gefängnis – und dort die restliche Strafe absitzen. „Sie sitzen dann lange, lange im Gefängnis“, mahnt Schulte.

Der Vorsitzende Richter und die Kammer sehen Erfolgschancen bei der Rehabilitation von B. Anders als die psychiatrischen Sachverständigen, die eine Unterbringung nach Paragraf 64 nicht empfohlen hatten. Aus Sicht der Kammer resultierten die Überfälle nicht aus einer Persönlichkeitsstörung von B., sondern aus seinem langjährigen und übermäßigen Drogenkonsum. In der Kindheit hatte B. mit dem Kiffen angefangen, später kamen so ziemlich alle Drogen und Medikamente hinzu, die man beschaffen kann, natürlich auch Alkohol. Der spielte auch bei der Bewertung der zweiten angeklagten Tat vom 10. März 2021 eine Rolle. Denn bei B. wurden 1,91 Promille festgestellt, in Kombination mit verschiedenen Medikamenten. Zusammengenommen ein Cocktail, der bei ungewöhnten Konsumenten gut und gerne tödlich hätte enden können. Doch B. war gewöhnt an den Drogenmissbrauch, voll steuerungsfähig war er zum Tatzeitpunkt jedoch nicht.

Eine wesentliche Rolle bei der Straffindung nimmt das Geständnis von B. ein, der bereits zu Beginn des Prozesses die Taten einräumt. Und auch im weiteren Verhandlungsverlauf gibt er bereitwillig Auskunft über seinen Lebensweg und seine Persönlichkeit, bei seinen Opfern entschuldigt er sich. „Der Angeklagte übernimmt Verantwortung für das, was er getan hat“, sagt Schulte.

Dass die Tankstellenmitarbeiterin, die bei zwei Überfällen Opfer wurde, und der Tankstellenmitarbeiter wohl ihr Leben lang mit den Folgen der Taten zu kämpfen haben, floss ebenfalls in die Urteilsfindung mit ein. Beide Opfer traten als Nebenkläger auf und erhalten von B. eine Entschädigung in Höhe von 3000 und 4000 Euro. Auch an einen Polizeibeamten, den B. bei seiner Festnahme mit einem Kopfstoß attackiert und übelst beleidigt hatte, muss er 1000 Euro zahlen.

„Wir haben den Eindruck, dass Sie die Ressourcen haben, um etwas aus ihrem Leben machen zu können“, sagt Schulte abschließend zu B., der das Urteil ruhig verfolgt. „Nutzen Sie das als Chance.“

Von Michael Bellack

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