Stadtentwicklung

Bürgerhaus Bischofsheim: So lief die Entscheidungsfindung zum Neubau

Sollte eigentlich saniert werden: In den ursprünglichen Plänen zum Bürgerhaus war ein Neubau nicht vorgesehen. Diese Variante kam erst im späteren Verlauf der Planung ins Gespräch.  
LuftBild: Axel Häsler
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Sollte eigentlich saniert werden: In den ursprünglichen Plänen zum Bürgerhaus war ein Neubau nicht vorgesehen. Diese Variante kam erst im späteren Verlauf der Planung ins Gespräch.

Neubau oder Sanierung? Um diese Frage dreht sich eine bereits seit mehreren Wochen auf den sozialen Netzwerken ins Leben gerufene Diskussion. Eine Bürgerinitiative kritisiert hierbei unter anderem, dass die Stadt Maintal die Stadtverordneten gezielt in eine Richtung für die Entscheidung zu einem Neubau gedrängt hätte. Ein Blick in die Historie des Projekts zeigt jedoch, dass ein Neubau ursprünglich nicht angestrebt wurde.

Maintal – Wie Lisa Lerch, Fachdienstleiterin der Gebäudeverwaltung der Stadt Maintal, erklärt, stellte man bereits im Jahr 2012 im Zuge eines Zustandsberichts fest, dass eine energetische Sanierung des Bürgerhauses notwendig gewesen sei. „Damals wollte man noch nicht an einen größeren Umfang denken“, berichtet Lerch. Nach dem Einholen von diversen Kostenvoranschlägen verschiedener Fachfirmen ging die Verwaltung noch von einem Sanierungsvolumen von 2,9 Millionen Euro aus. Als 2015 dann das kommunale Investitionsprogramm ins Leben gerufen wurde, sah man die Möglichkeit, sich finanzielle Unterstützung durch das Land Hessen für das Projekt zu holen und schrieb, beauftragt durch die Stadtverordnetenversammlung, europaweit einen Architekten aus. Dieser hatte die Aufgabe, die energetische Sanierung umzusetzen. Den Zuschlag erhielt das Architekturbüro Pätzold Kremer. Um den Auftrag gemäß der Kriterien umsetzen zu können, wurden bereits damals diverse Fachplaner mit ins Boot geholt. Die verschiedenen Experten untersuchten hierbei die Elektrotechnik, die Heizungs- und Lufttechnik, den Brandschutz, Wärmeschutz, die Statik sowie die Schadstoffbelastung.

Die Untersuchungen ergaben einen geschätzten Kostenrahmen von 7 569 105 Euro sowie eine durchgehende Schließung des Bürgerhauses für die komplette Dauer der Bauarbeiten. Die vollständige Schließung ist auf die Art und Weise der Arbeiten zurückzuführen, wie Lerch erklärt: „Das komplette Gebäude wird abgetragen und muss entkernt werden, sodass quasi nur noch Pfeiler stehen.“

Bürgerhaus Bischofsheim: Sechseckiger Grundriss beeinträchtigt die sinnvolle Nutzung

Einige Mängel beim Brandschutz seien laut der Fachbereichsleiterin Ruth Karich mittlerweile durch kleine Maßnahmen wieder beseitigt worden. Wie sich herausgestellt hatte, ist der Brandschutz laut den Analysen einer der größten Mängelpunkte des Bestandsgebäudes. Die größeren Brandschutzmängel könnten zurzeit mit einer geringeren Anzahl an zugelassenen Menschen und dem Brandschutzsystem kompensiert werden. So könnten die geltenden Brandschutzauflagen zu erfüllt werden. „Was nutzt jedoch ein großes Gebäude, wenn es wegen Auflagen des Brandschutzes nicht optimal genutzt werden kann“, kommentiert Bürgermeisterin Monika Böttcher die aktuelle Situation.

Generell sei die parallele, sinnvolle und multifunktionale Nutzung der Räumlichkeiten im Bürgerhaus laut Bürgermeisterin und Fachbereichsleiterin nicht einfach. Grund hierfür sei der sechseckige Grundriss des Gebäudes. Hierdurch gehe viel Raum verloren. „Die Raumtrenner werden zwar genutzt, jedoch nur, um die Größe des Raumes zu variieren. Eine Parallelnutzung findet nicht statt“, berichtet Lerch. Dies sei bei einem Neubau anders. „Selbst bei einer Sanierung bis auf die Grundmauern bliebe dieser ungünstige Grundriss erhalten“, so die Bürgermeisterin. „Wenn Sie Ihre Garage sechseckig bauen, wird deutlich mehr Fläche verbraucht und dennoch lässt sich nur ein Auto unterbringen.“

Bruttofläche des Bürgerhauses in Bischofsheim entspricht nicht der Nutzfläche

Daher habe man unterschiedliche Optionen ausgearbeitet und diese der Stadtverordnetenversammlung präsentiert. Letzten Endes entschied sich das Stadtparlament für die vom Magistrat vorgeschlagene Variante, ein neues Gebäude auf dem benachbarten Grundstück der evangelischen Kirchengemeinde zu bauen. Hierfür wurde ein Erbpachtvertrag über 99 Jahre geschlossen.

Der bereits im Juli 2019 beschlossene Neubau wird insgesamt eine 40 Prozent kleinere Bruttofläche haben, was jedoch nicht mit der tatsächlichen Nutzfläche zu verwechseln ist. Diese kleinere Fläche gehe zum einen auf die bessere Nutzbarkeit der Fläche zurück, zum anderen durch den Verzicht auf Schießstand und Kegelbahn einher. „Wir haben es nicht angestrebt, diese Einrichtungen zu integrieren, da Kosten und Nutzen unverhältnismäßig sind, zumal es Alternativen in den anderen Bürgerhäusern und der Maintalhalle gibt“, erläutert Lerch.

Bürgerhaus Bischofsheim: Vereine sollen in Planung einbezogen werden

Dass es jedoch gar keine Räumlichkeiten für Vereine gebe, sei, so die Bürgermeisterin, falsch. Im Gegenteil: Zweck dieses neuen Bürgerhauses sei es, einen attraktiven Ort für Vereine und Veranstaltungen zu schaffen. Bisher stehe nur die Machbarkeitsstudie. Die europaweite Ausschreibung für einen Architekten soll mit der Beauftragung im Februar 2021 abgeschlossen sein. An der darauffolgenden Planung sollen die Vereine mit ihren Bedürfnissen beteiligt werden. So sollen beispielsweise die Musiker des Musik-Corps Bischofsheim, die zurzeit im ehemaligen JUZ im rückseitigen Teil des Bürgerhauses proben und ihre Instrumente lagern, auch im neuen Bürgerhaus wieder eine Möglichkeit bekommen, ihre Vereinskultur auszuleben.

Sollte es tatsächlich zu einem Bürgerentscheid, wie von der Bürgerinitiative gefordert, kommen, sei dies auch mit erheblichen Kosten verbunden. „Da wir bereits mitten in den Vorbereitungen sind, wurden auch schon eine Reihe von Ausgaben getätigt“, schildert Lerch. So seien bisher schon um die 84 000 Euro in die Vorbereitung des Neubaus investiert worden, die dann verloren gehen würden. Zu dieser Summe gehören die Leistungen der EU-Ausschreibung für Architekten und Ingenieure, die Notarkosten sowie die Grunderwerbssteuer.

Erbpachtvertrag mit der Kirche: Böttcher sieht Win-win-Situation

Der zwischen der Stadt Maintal und der Evangelische Pfarrei in Bischofsheim über 99 Jahre geschlossene Erbpachtvertrag sorgt nun dafür, dass auch die Kirchengemeinde zuletzt in die Kritik geraten war. „Diese Entwicklung betrachte ich mit Sorge. Falsche Behauptungen werden nicht dadurch wahr, indem sie lautstark wiederholt werden“, so die Bürgermeisterin. In ihren Augen ist der Erbpachtvertrag für Kirche und Stadt eine Win-Win-Situation. „Wir haben die Möglichkeit, bezahlbaren Wohnraum durch die 100 Prozent städtische Tochtergesellschaft MIG zu schaffen, sodass die Wertschöpfung im Konzern Stadt bleibt. Gleichzeitig wird das gesamte Quartier städtebaulich aufgewertet, während die Kirche einen finanziellen Gegenwert erhält. Somit werden alle von dem Vorhaben profitieren – besonders die Bürgerschaft.“ jmg

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