Erziehung

„Es gibt nichts, was man nicht lernen kann“: Ein Besuch bei den Maintaler Waldtagesmüttern

Gemeinsames Lernen: Die Waldtagemütter versuchen, jeden Vormittag in der Natur zu sein
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Gemeinsames Lernen: Die Waldtagemütter versuchen, jeden Vormittag in der Natur zu sein

Christine Fischer und Simone Kröner sind sogenannte Waldtagesmütter, die mit ihren Schützlingen fast jeden Vormittag in der Natur verbringen. Wir haben sie begleitet.

Maintal – Ich fahre über den Bahnübergang, an Wohnblocks und Baustellen vorbei, parke, zwei Schritte später stehe ich im Wald. Umgeben von Stille, höre ich nur meine Schritte, die in der dichten Blätterdecke auf dem Weg vor mir einsinken. Mein Atem bildet kleine Wölkchen in der kalten, noch vom Regen feuchten Waldluft. Ich sehe sie schon von Weitem, die Gruppe aus insgesamt zehn kleinen Kindern, zwei Hunden und die beiden Tagesmütter Christine Fischer und Simone Kröner. Sie sind die Maintaler Waldtagesmütter und verbringen mit ihren Schützlingen, wenn es das Wetter zulässt, jeden Vormittag draußen in der Natur.

Christine Fischer ist ein Urgestein der Maintaler Kindertagespflege und eine Tagesmutter der frühen Stunde. Seit 17 Jahren betreut sie Kinder zwischen einem und drei Jahren. Zur aktuellen Debatte rund um die Kündigungen der städtischen Kooperation zweier Kolleginnen positioniert sie sich nicht. „Alles, was unsere Arbeitsbedingungen verbessert, finde ich natürlich gut“, sagt sie. Ich merke jedem ihrer Worte, das sie mit den Kleinen wechselt, jeder umsorgenden Berührung an, dass das nicht ihr Beruf, sondern ihre Berufung ist. Sie ist in der Natur zuhause.

Fixpunkte im Wald, die immer wieder ansteuert werden

„Der Wald ist ein Lebensraum, der unendlich viele Möglichkeiten zum Spielen und Entdecken bietet. Es gibt nichts, was man hier nicht lernen kann“, fasst sie ihr pädagogisches Konzept zusammen. Sie sammeln Stöcke und Bastelmaterialien, suchen Spuren, lernen die heimische Pflanzen- und Tierwelt kennen, balancieren auf gefällten Bäumen und begreifen wortwörtlich die Natur mit allen Sinnen. Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Baumstümpfe werden zu Eisdielen, Lichtungen zu Schiffen. „Wir haben Fixpunkte im Wald, die wir immer wieder ansteuern“, ergänzt Simone Kröner und drückt mir einen Thermobecher mit Milchkaffee in die Hand, den ich dankbar annehme. Zehn kleine neugierige Augenpaare sind auf mich gerichtet.

Die Kinder nennen die beiden Frauen liebevoll „Nuna“ und „Tine“, wuseln zwischen den Bäumen herum, werfen Blätter in die Luft. Meine Ankunft bringt den gewohnten Ablauf durcheinander. Einige der älteren fordern ihren Morgenkreis ein. „Ja, ich weiß, ihr wollt singen“, sagt Christine Fischer und hilft den kleineren, auf den liegenden Baumstämmen Platz zu nehmen.

Fischer und Kröner haben sich „gesucht und gefunden“

Kurz darauf klingen die hellen, klaren Stimmen der Tagesmütter durch den Wald. Einige Kindern singen einzelne Liedzeilen mit. Jeder wird mit einer eigenen Strophe begrüßt. Dann folgen Weihnachtslieder. Das Mädchen neben mir wünscht sich „Aramsamsam“. Ich bin text- und choreographie-sicher und stimme mit ein, auch wenn die nasse Kälte sich langsam den Weg zu meinem Körper bahnt. Ich blicke in die dick eingemummelte Kinderrunde. Winterjacken, dicke Matschhosen, Handschuhe, Mützen, Schals gehören in dieser Jahreszeit zur täglichen Basisausstattung der Waldtageskinder. Sie frieren bestimmt nicht.

Eines der kleineren Mädchen ist weinerlich und will zu Simone Kröner auf den Arm. Sie ist seit vier Jahren Tagesmutter und bildet seitdem mit Christine Fischer ein Team. „Wir haben uns gesucht und gefunden“, sagt die Dörnigheimerin.

Die Chemie habe sofort gepasst und auch pädagogisch lägen beide auf einer Wellenlänge. Die Kinder kennen sich durch den täglichen Kontakt hier im Wald – zu Hause sind gegenseitige Besuche derzeit coronabedingt nicht möglich – bestens. Die beiden Tagesmütter unterstützen sich, empfehlen sich gegenseitig, wenn beispielsweise eine der beiden Tagesmütter ein Kind nicht aufnehmen kann, die andere aber schon.

Gezielte Fortbildungen zum Thema Wald- und Naturpädagogik

Und die Nachfrage nach ihrer Betreuung ist riesig – durch den derzeitigen Betreuungsengpass ohnehin, aber auch das naturnahe Konzept der beiden Dörnigheimerinnen kommt bei Eltern und Kindern gut an.

Christine Fischer und Simone Kröner wünschen und suchen sich gezielt Fortbildungen zum Thema Wald- und Naturpädagogik aus, um sich kontinuierlich weiterzubilden und auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Woher die Naturbegeisterung kommt, will ich von beiden wissen. „Wir sind selbst Waldkinder“, sagt Simone Kröner, die bis heute Pfadfinderin ist. Sie stammen beide aus der Waldsiedlung. Vermutlich haben sie sich sogar als Kinder schon gekannt. Aber erst als Erwachsene hat sie ihre Profession zusammengeführt.

Freies Spiel in der Natur

Worin sie sich bei allen Gemeinsamkeiten unterscheiden, hake ich nach. „Tine ist eher die Bastel- und Singbegeisterte. Ich habe ein großes Bällebad und bin Fan von allem, was blinkt und dudelt“, lacht Simone Kröner.

Auf Spielplätzen sind sie eher selten zu finden. Sie bevorzugen das freie Spiel in der Natur, das jetzt gerade zum Beispiel dazu geführt hat, dass sie gemeinsam im Wald einen Tannenbaum mit Weihnachtsschmuck und selbsthergestellten Meisenknödeln geschmückt haben.

Zum Mittagsschlaf geht es zurück nach Hause

Einer der älteren Jungs nimmt mich an der Hand und zeigt mir stolz, was er an den Baum gehängt hat. Die meisten Futterringe sind von den Vögeln schon abgefressen. Die hungrigen Kinder setzen sich in einen der mehrreihigen Kinderwägen, mit denen die Tagesmütter in den Wald kamen, und verputzen ihr Frühstück.

Den ganzen Tag draußen verbringen, wie es zum Beispiel im Waldkindergarten der Fall ist, können sie nicht, da das Konzept der Tagesmütter im Main-Kinzig-Kreis grundsätzlich feste, familiennahe Betreuungsräume vorsieht.

Spätestens zum Mittagsschlaf geht es also zurück nach Hause. Ich trete allerdings vorher den Rückweg in mein warmes Homeoffice an.

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