Bildung

Im digitalen Klassenzimmer: Albert-Einstein-Schule ist Vorreiter beim Distanzunterricht

Fliegender Wechsel: Der Unterricht findet an der Albert-Einstein-Schule im Präsenz- und Distanzunterricht statt. Die Hälfte der Schüler wird über eine Online-Videoplattform beschult.
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Fliegender Wechsel: Der Unterricht findet an der Albert-Einstein-Schule im Präsenz- und Distanzunterricht statt. Die Hälfte der Schüler wird über eine Online-Videoplattform beschult.

Seit anderthalb Wochen sind die Klassen ab Jahrgangsstufe sieben an der Albert-Einstein-Schule geteilt und wechseln wöchentlich zwischen Präsenz- und Distanzunterricht. Wir haben uns den Unterricht vor Ort angesehen.

Maintal – Für die einen beginnt die Stunde mit dem Gong. Sie setzen sich, kramen Notizblock und Stift aus dem Rucksack, schauen erwartungsvoll auf den Versuchsaufbau vorne im Klassenraum. Für die anderen startet der Unterricht mit einem Klick. Sie loggen sich per Microsoft Teams ins digitale Klassenzimmer ein. Nach und nach füllt sich der Bildschirm des Notebooks auf dem Lehrerpult mit dunklen Kästchen, darauf die Initialen der Mädchen und Jungen, die zuhause mitlernen.

Der Physikkurs von Jons Bauer ist zweigeteilt. Alphabetisch halbiert – wie seit anderthalb Wochen alle Klassen ab Jahrgangsstufe sieben an der Albert-Einstein-Schule (AES). Aufgrund der hohen Infektionszahlen hatte das Hessische Kultusministerium eine Teilung der Gruppen und den täglichen oder wöchentlichen Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht vorgegeben. Die Maintaler Schule hat sich für einen täglichen Turnus entschieden. „Die Schüler bleiben so einfach mehr am Ball, wenn sie regelmäßiger Kontakt zur Schule haben, als wenn sie wochenweise zu Hause bleiben“, erklärt Bernhard Sievers, Mitglied der Schulleitung.

Schule war vor Corona schon sehr gut digital ausgestattet

Dass Schülerinnen und Schüler im sogenannten Wechselmodell auch im Distanzunterricht zu Hause lernen, ist in Corona-Zeiten nichts Neues. Dass es dem Bischofsheimer Gymnasium dabei gelingt, die halbe Klasse digital zuzuschalten, allerdings schon. Die Schule ist mit dem umfassenden Einsatz von Videokonferenzen und elektronischen Unterrichtsmaterialien Vorreiter bei der Digitalisierung des Unterrichts.

„Wir haben Glück, dass wir vor Corona schon digital aufgerüstet und zum Beispiel viele Klassenzimmer mit interaktiven Whiteboards ausgestattet haben“, lautet Sievers bescheidene Erklärung dazu. „Wir waren schon außergewöhnlich gut vorbereitet“, pflichtet Oberstufenleiter Jons Bauer bei. Die technische Ausstattung ist eine Zutat des Erfolgsrezepts für das digitale Wechselmodell an der AES. Die hohe Motivation der Lernenden und Lehrenden die zweite. Und eine Schulleitung, die aus ihrer IT-Vergangenheit heraus die Digitaloffensive vorantreibt und damit beim Schulträger auf offene Ohren trifft, die dritte.

Alle Stunden werden digital dokumentiert

„Der Main-Kinzig-Kreis als Schulträger hat uns bei der technischen Ausrüstung von den ersten Schritten an optimal unterstützt und steht uns auch jetzt mit technischem Support zur Seite“, sagt Schulleiter Claus Wörn. Bereits 2014 haben interaktive Whiteboards – große Touchmonitore, die digital beschrieben werden können – in den meisten Klassenzimmern die antiquierte Kreidetafel. Der größte Vorteil: Alle Unterrichtsmaterialien stehen in elektronischer Form zur Verfügung und können auf dem Online-Portal der Schule zur Verfügung gestellt und heruntergeladen werden. Hier gibt es allerdings mehr als nur digitale Arbeitsaufträge.

Die Plattform bildet auch das Klassenbuch, Dreh- und Angelpunkt des Unterrichtsalltags, komplett digital ab. Alle Stunden werden dort dokumentiert. Bereits im ersten Lockdown im Frühjahr konnten die Schülerinnen und Schüler zu Hause hier auf sämtliche Unterrichtsmaterialien mit ihren Tablets und Notebooks zugreifen, die sie seitdem auch immer häufiger statt Heft und Schreibblock mit in die Schule bringen.

Wechselmodell funktioniert nur wegen bandbreitenstarkem WLAN

Denjenigen, die kein eigenes Endgerät besitzen, leiht die Schule Apple iPads und bei Bedarf auch Headsets aus, damit sie problemlos an den Videokonferenzen teilnehmen können. Und was, wenn eine Schülerin oder ein Schüler zu Hause kein WLAN hat? „Für diese Einzelfälle finden wir Lösungen. Sie nehmen einfach häufiger am Präsenzunterricht teil“, sagt Bernhard Siever. „Es ist toll, wie die Schülerinnen und Schüler jeden Tag versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.“

Das digital vernetzte Wechselmodell funktioniert nur so gut, weil die Schule größtenteils über bandbreitenstarkes WLAN verfügt. Trotz dieser optimalen infrastrukturellen Voraussetzungen ist derzeit die Improvisationskunst der Lehrenden das A und O, da sind Sievers und Bauer sich einig: „Natürlich scheitern wir schon auch mal an der Technik. Heute Morgen funktionierte bei einer Schülerin das Mikro nicht. Sie hat ihre Wortmeldungen dann in den Chat eingetippt.“ Für derartige Probleme hat sich sogar ein technisch versiertes Schülerteam gegründet, das den Klassenkameraden hilft. Ohnehin seien einige Jugendliche den Lehrkräften in puncto Digital-Know-how weit voraus. „Ich lerne viel von meinen Schülern“, sagt Sievers.

Schwächere SChüler seien von dem Modell benachteiligt

Das Kollegium wurde an einem pädagogischen Tag fit für die Videokonferenz-Dauerschalten gemacht. „Wir helfen uns gegenseitig. Die Motivation ist sehr hoch, obwohl es einen immensen Mehraufwand erfordert“, sagt Bernhard Siever. Alleine die Aufmerksamkeit für die geteilte Gruppe sei ungewohnt anstrengend über die vielen Unterrichtsstunden hinweg. „15 hier, 15 da im Auge zu behalten, zu schauen, wie kommen die zu Hause mit – da ist höchste Konzentration gefordert“, berichtet Jons Bauer aus der Praxis. „Trotzdem ersetzt es den direkten Kontakt nicht“, bekennt er. Zudem komme er langsamer mit dem Unterrichtsstoff voran.

In Physik müssten viele Versuche zweimal gezeigt werden, weil die Webcams nicht alle Details übertragen. Also ist der digitale Unterricht kein Zukunftsmodell? „Die Schwächeren werden damit weiter abgehängt. Andere kommen damit besser zurecht. Daher wäre es durchaus denkbar, das System auch nach Corona einzusetzen und Klassen nach Interessen und Fähigkeiten zu teilen“, blickt Sievers in die Zukunft. „Besser so als ganz zu“, ist sich Bauers Physikkurs einig.

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