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Interview mit der Norma-Geschäftsführung zu den geplanten Umstrukturierungen

Die Norma-Geschäftsführung im Gespräch mit unserer Zeitung: Grit Schieborowsky und Alexander Olbrich.
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Die Norma-Geschäftsführung im Gespräch mit unserer Zeitung: Grit Schieborowsky und Alexander Olbrich.

Bei der Norma Group stehen die Zeichen auf Arbeitskampf: Nun haben wir mit den Geschäftsführern über die anstehenden Umstrukturierungen gesprochen.

Maintal – Wie berichtet, sollen am Stammsitz in Maintal rund 160 Stellen abgebaut und das Werk in Gerbershausen in Thüringen ganz geschlossen werden. Grit Schieborowsky, Geschäftsführerin und Werkleiterin der Norma Germany, und Alexander Olbrich, der für das Europa-Geschäft des börsennotierten Unternehmens verantwortlich ist, äußern sich im Gespräch zur finanziellen Situation von Norma, dem geplanten Stellenabbau und der Zukunft des Standorts Maintal.

Das Zukunftsprodukt der Norma: Die so genannten Torro-Schellen wurden in Maintal konzeptioniert.
Sie haben im zurückliegenden Quartal rote Zahlen geschrieben. Worauf ist das zurückzuführen?
Olbrich: Im zweiten Quartal hatten wir vor allem in Europa und Amerika mit der Corona-Krise zu kämpfen. In Asien traf uns die Krise schon deutlich früher. Durch die Krise haben wir 34 Prozent weniger Umsatz erzielt als im zweiten Quartal des Vorjahres und sind dadurch in die Verlustzone gerutscht. Wir sind zwar kein reiner Automobilzulieferer, aber nichtsdestotrotz sind wir abhängig von der Branche, und viele Kunden in Europa und Amerika hatten im zweiten Quartal teilweise acht oder neun Wochen geschlossen. Wir haben schnell reagiert und zu allererst alle gebotenen Hygienemaßnahmen weltweit ergriffen, kurzfristige Kreditlinien gezogen und wo möglich Kurzarbeit eingeführt, um den finanziellen Verlust abzufedern. Das Kurzarbeitergeld unserer Mitarbeiter haben wir in Deutschland aufgestockt, damit diese nicht finanziell in Bedrängnis geraten. Weltweit haben wir Produktionskapazitäten angepasst und Chancen genutzt. So haben wir zum Beispiel ein Face-Shield entwickelt und vor allem in Südeuropa Produkte für Beatmungssysteme geliefert. Aber natürlich konnte dies die Umsatzeinbrüche an anderer Stelle nicht abfedern.
Wie sah die finanzielle Situation der Norma Group vor der Corona-Krise aus?
Olbrich: Die Automobilindustrie befindet sich derzeit in einem strukturellen Veränderungsprozess. Das ist einfach so. Die Elektromobilität wird deutlich stärker gefördert und dementsprechend kaufen die Konsumenten mehr Hybridfahrzeuge. Wir befinden uns also in einem Transformationsprozess, bei dem wir nun anders auf die Situation reagieren müssen. Die Themen, über die wir nun sprechen, sind also nicht durch Corona ausgelöst, sondern werden dadurch beschleunigt.
Wie ist Ihre Prognose für die finanzielle Entwicklung der Norma Group?
Olbrich: Momentan ist eine gewisse Unsicherheit im Markt zu spüren und niemand traut sich so richtig, eine Prognose aufs Jahresende abzugeben. Niemand weiß, ob es eine zweite Corona-Welle geben wird und wenn ja, wie hart wir davon getroffen werden. Sicherlich erwarten wir derzeit eine Erholung für das zweite Halbjahr, aufgrund der nur noch lokal bestehenden Lockdowns. Wir müssen jetzt schauen, dass wir uns für die Zukunft positionieren. Dafür müssen wir drei Dinge tun: Erstens müssen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen, wir müssen Arbeitsplätze schaffen, die eine langfristige Perspektive haben und letztlich das Unternehmen so aufstellen, dass es zukunftsfähig ist. Nicht zuletzt haben wir deshalb auch das Transformationsprogramm „Get on Track“ gestartet.
Was genau ist „Get on Track“ und welches Ziel hat das weltweite Programm?
Olbrich: Es handelt sich um ein Programm, dass schon vor Corona vom Unternehmen gestartet wurde. Es ist kein Sparprogramm, sondern vielmehr ein Transformationsprogramm, um das Unternehmen zukunftsfähig auszurichten. Wir müssen uns der neuen Situation in unserer Branche anpassen und das nicht erst seit November, sondern auch schon davor. Norma ist mittlerweile sehr aktiv im Bereich Wassermanagement und im allgemeinen Industriegeschäft. Wir haben uns also schon seit langem diversifiziert, aber die Geschwindigkeit, mit der wir uns neuen Gegebenheiten und Entwicklungen anpassen müssen, steigt immer mehr. Deshalb wurde das Programm „Get on Track“ ausgerufen und dabei geht es im Wesentlichen um drei Bereiche: Wir wollen einmal unseren Einkauf optimieren und effizienter gestalten. Zum Zweiten wollen wir unser Produktportfolio straffen und zielgerichteter auf den Kunden anpassen. Der dritte Punkt sind die Kapazitäten weltweit. Dabei schauen wir uns bis 2023 im Unternehmen alle Kapazitäten an und werden diese entsprechend an die neue Welt anpassen.
Schieborowsky: Wir haben drei Standorte im Umkreis von 700 Kilometern, die sich mit einem ähnlichen Produktportfolio beschäftigen. Das heißt es ist ein sehr enger Radius, der nicht die Wettbewerbsfähigkeit darstellt, die wir erreichen müssen. Das war einer der Gründe dafür, dass wir im Rahmen von „Get on Track“ Produktgruppen analysiert und Standorte identifiziert haben. Im Fokus steht die Wettbewerbsfähigkeit, die wir in Gänze, aber natürlich auch für die Norma Germany wiederherstellen wollen.
Welche Standorte sind das außer Maintal?
Schieborowsky: Wir haben noch einen Produktionsstandort in Thüringen, Gerbershausen, und einen in Tschechien. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung sieht man ganz deutlich, dass wir an diesen drei Standorten Überkapazitäten haben. Das war einer der Gründe dafür, dass wir in der Analyse die Entscheidung der geplanten Schließung des Standortes Gerbershausen bis Mitte 2022 getroffen haben. Das ist keine einfache Entscheidung, die wir getroffen haben. Das sollte jedem klar sein. Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht, im Sinne der sozialen Verantwortung für unsere Mitarbeiter, für uns und für das Unternehmen. Aber uns ist wichtig, dass wir gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern eine sozialverträgliche Lösung finden.
Sie stehen seit einigen Monaten erheblich in der Kritik. Bei den Kundgebungen vor dem Arbeitsgericht wurde der Geschäftsführung von Seiten der Politik vorgeworfen, sich in die Unternehmen einzureihen, die eigentlich profitabel sind und durch Maßnahmen wie Stellenabbau und Verlagerung der Produktion ins Ausland noch profitabler werden wollen. Was sagen Sie dazu?
Olbrich: Vor allem in Gerbershausen und teilweise auch in Maintal und in Tschechien produzieren wir viele Teile für die klassische Automobilindustrie, also für Diesel und Benziner. Hier ist es einfach Fakt, dass die Nachfrage zurückgeht. Es gibt einen Run auf Hybrid- und Elektrofahrzeuge. Bei Norma gibt es viele Produkte für diese Mobilitätsarten, aber die Mehrzahl der Teile, die wir an den besagten drei Standorten herstellen, sind für die klassischen Antriebe. Fakt ist auch, dass wir keinen neuen Standort aufbauen, sondern wir haben für die genannten Produkte ausreichend Kapazitäten an den vorhandenen zwei Standorten. Das ist der Hintergrund, weshalb wir gesagt haben, wir müssen jetzt handeln. Die Zahlen des zweiten Quartals waren schlecht, aber Sie haben Recht: Unser Unternehmen ist ein gutes Unternehmen, eben weil wir immer dann handeln, wenn es das Gebot der Stunde ist. Und das ist der Grund, warum wir das auch jetzt tun. Wir haben die Situation evaluiert und die Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen. Aber Fakt ist eben, dass wir Überkapazitäten haben, die wir entsprechend anpassen müssen. Auch die Aktionäre von Norma haben in diesem Jahr mit 99-prozentiger Zustimmung beschlossen, größtenteils auf Dividenden zu verzichten. Zudem verzichten der Aufsichtsrat, der Vorstand und das höhere und mittlere Management auf einen Lohnbestandteil.
Welche Überkapazitäten meinen Sie ganz konkret?
Olbrich: Personelle Überkapazitäten und Platz. Wir haben in Maintal und in Tschechien ausreichend Platz, um die Produkte zu fertigen und müssen entsprechend keine Doppelstrukturen vorhalten.
Stichwort Maintal: Ist es von Ihrer Seite aus angedacht, den Hauptsitz in Maintal kurz- oder langfristig zu schließen?
Schieborowsky: Wir als Unternehmen haben ein starkes Interesse daran, eine langfristige Zukunftsperspektive für den Standort in Maintal zu schaffen. Und das natürlich gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern. Wenn wir über die Anpassung von Kapazitäten sprechen, dann ist das sicherlich eine sehr wichtige Maßnahme. Aber es ist auch wichtig, dass wir effiziente Produktabläufe und Prozesse schaffen, die uns überhaupt die Chance geben, dass wir in Zukunft die Aufträge am Markt platzieren können. Deutschland ist historisch schon immer ein Hochlohnstandort gewesen, das heißt, wir wollen auch gutes Geld für gute Arbeit zahlen. Ich glaube, wir haben eine sehr gute Mannschaft, das haben die Mitarbeiter in den letzten Jahren immer wieder unter Beweis gestellt. Als Unternehmen sind wir dazu gezwungen, uns auf die Veränderungen, die sich am Markt ergeben, adäquat zu reagieren und uns weiter zu entwickeln. Nicht zuletzt haben wir auch die Einrichtung eines Torro-Kompetenzzentrums als Maßnahme vorgestellt, um den Standort Maintal langfristig zukunftsfähig zu machen. Das ist eine absolute Chance, und ich hoffe, dass wir gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern einen guten Weg finden.
Was genau ist das Torro-Kompetenzzentrum?
Schieborowsky: Torro ist eine Produktgruppe, die wir fertigen und die es in unterschiedlichen Ausprägungen gibt. Es handelt sich dabei um unterschiedlich große Schlauchschellen, die beispielsweise mit Wellfeder und Vorpositionierer auf Schläuche in Abgassystemen gesteckt und montiert werden. Eine Variante dieses Produktes wird derzeit in Gerbershausen produziert, eine Andere in Maintal. Und idealerweise würden wir bei- des gern zusammenführen, weil wir glauben, dass wir die Mannschaft dazu haben, die das entsprechende Knowhow hat die Produktpalette über die nächsten Jahre zielführend weiter zu entwickeln.
Olbrich: Die Torro-Schellen wirken vielleicht nicht wie das attraktivste Produkt für einen Außenstehenden, aber das ist die Mutter aller Schlauchschellen. Sie wurde hier erfunden und obwohl man oft versucht hat, das Produkt zu kopieren, hat man nie die Leistungsstärke einer original Torro Schelle erreicht. Das ist auch ein Grund, der für ein Kompetenzzentrum in Maintal spricht. Noch mal: Es gibt keine Planungen, den Standort in Maintal zu schließen, aber wir müssen diesen Standort wettbewerbsfähig machen.
Das heißt, die gesamte Verantwortung für die Torro-Produktgruppe würde dann in Maintal liegen?
Olbrich: Genau, die Produktion und die Weiterentwicklung, um den gesamten europäischen Markt damit zu versorgen. Dies wird aber nur in schlanken, effizienten und flexiblen Strukturen darstellbar sein. Dies soll Teil der Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern sein.
Sie hatten gerade mehrfach das Stichwort Zukunftssicherung genannt: Mit dem Maintaler Betriebsrat haben Sie eine Vereinbarung zur Zukunftssicherung geschlossen, die noch ein paar Jahre Bestand hat. Was genau ist Inhalt dieser Vereinbarung?
Schieborowsky: Wir haben im Jahr 2019 bereits die Wettbewerbsfähigkeit und die zukünftige Ausrichtung des Standorts Maintal intensiv diskutiert. Zum damaligen Zeitpunkt hatten wir mit den Betriebsräten vereinbart, dass wir die Kernkompetenzen, die wir hier heute am Standort in Maintal haben, auch in Zukunft erhalten wollen. Das ist ein Baustein, der in der Vereinbarung festgehalten wurde. Wir haben aber auch festgehalten, dass wir unsere Kompetenzen ausbauen wollen und die Mitarbeiter weiter qualifizieren, gerade die Ingenieure, um eben die Prozesskompetenz zu erweitern. Wir haben aber zum damaligen Zeitpunkt auch vereinbart, dass wir über notwendige Anpassungen sprechen müssen, wenn wir sehen, dass sich die wirtschaftliche Rahmenbedingungen negativ entwickeln. Deshalb leben wir diese Vereinbarung nach wie vor und halten den Dialog zu den Arbeitnehmervertretern aufrecht.
Das Arbeitsgericht in Offenbach hat ja entschieden, dass Sie mit den Betriebsräten in Maintal und Gerbershausen über die weiteren Entwicklungen verhandeln müssen und nicht mit dem Gesamtbetriebsrat. Wie sehen da die nächsten Schritte aus?
Schieborowsky: Wir wollten zunächst Rechtssicherheit schaffen, über unseren Verhandlungspartner. Diese Rechtssicherheit haben wir nun durch die Entscheidung des Arbeitsgerichts. Jetzt starten wir in die Informationsphase, die in dem Beteiligungsverfahren vorgeschrieben ist. Das Ziel ist es, gemeinsam eine Lösung zu finden, sowohl für die geplante Schließung in Gerbershausen als auch für die Maßnahmen, die wir in Maintal planen.
Teil dieser Maßnahmen ist auch ein Stellenabbau am Standort in Maintal. Der Betriebsrat spricht von 200 Stellen, in Ihrer Pressemitteilung stand die Zahl 159. Um wie viele Stellen geht es denn nun?
Olbrich: Die 200 Stellen, die oft kommuniziert werden, sind das absolute Worst-Case-Szenario. Denn das würde bedeuten, das Torro-Kompetenzzentrum käme nicht nach Maintal. Gerade deswegen ist es wichtig, dass die Verhandlungen diesbezüglich rasch beginnen, um Klarheit für die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen zu schaffen.
Können Sie eine Prognose abgeben, wann Sie mit einem Ergebnis rechnen?
Schieborowsky: Eine Prognose abzugeben, wäre zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht. Wir haben jetzt die ersten Termine mit den Arbeitnehmervertretern. Die weitere Entwicklung ist nun davon abhängig, wie schnell wir uns in den Informationsaustausch und die Lösungsfindung begeben können.
Olbrich: Das Positive ist, dass wir jetzt in der Diskussion sind, um möglichst zeitnah zu Ergebnissen zu kommen. Und wir können eins sagen: Es ist in unserem Interesse, aber auch in dem der Mitarbeiter, dass wir eine schnelle Lösung finden und schnell Klarheit schaffen.

Das Gespräch führte Carolin-Christin Czichowski

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