Politik

Tschüss, Erster Stadrat: Ralf Sachtleber im Interview - "Der Abschied berührt micht sehr"

+
Keiner war so lange im Amt wie er: Maintals Erster Stadtrat Ralf Sachtleber verlässt das Rathaus.

Ralf Sachtleber ist seit dem 1. Juli nicht mehr Erster Stadtrat von Maintal. Nach zwölfeinhalb Jahren endete eine Ära. Wir blicken im Interview mit Sachtleber zurück.

Maintal – Zwölfeinhalb Jahre war Ralf Sachtleber (parteilos) Erster Stadtrat – und damit so lange im Amt wie kein anderer zuvor in Maintal. Am 8. Juni hat die Stadtverordnetenversammlung im dritten Anlauf mit dem amtierenden Stadtverordnetenvorsteher Karl-Heinz Kaiser (SPD) seinen Nachfolger gewählt.

Vor seinem letzten Arbeitstag am 30. Juni haben wir mit Ralf Sachtleber noch einmal auf seine Amtszeit, die größten Herausforderungen und Projekte zurückgeblickt.

Mit welchen Gefühlen verlassen Sie das Rathaus und die Stadtverwaltung?
Mit dieser Frage treffen Sie mich ins Mark, denn ich bin gerade dabei, mich von allen Mitarbeitern zu verabschieden. Es nimmt mich schon sehr mit, nach so langer Zeit das Rathaus zu verlassen. Ich bin ja schon einmal gegangen, im Jahr 2000, nachdem ich zehn Jahre in Maintal Amtsleiter war.
Und da weiß ich noch, wie ich nach der Verabschiedung aus dem Rathaus ging und gemerkt habe, wie mir eine Träne aus dem Auge gerollt ist. Aber es hat ja zum Glück niemand gesehen (lacht). Das war nach zehn Jahren, und mittlerweile sind zwölf weitere Jahre im Dienst der Stadt Maintal vergangen. Trotz aller Freude auf das, was noch kommt, und auch ein wenig Zufriedenheit darüber, jetzt zu gehen, berührt mich der Abschied schon sehr.

Corona-Krise wirft alle Planungen über den Haufen

Neben dem Abschied von den Mitarbeitern der Verwaltung – wie waren sonst die letzten Wochen Ihrer Amtszeit?
Durch die Corona-Krise war die Situation in den letzten Monaten eine ganz andere als zuvor. Deshalb habe ich mich auch dazu bereit erklärt, meine Amtszeit noch mal um drei Monate zu verlängern. Es kamen plötzlich viele Herausforderungen auf Frau Böttcher und mich zu, ob das die inneren Verwaltungsabläufe waren, die komplett neu organisiert werden mussten, oder ob das die Anforderungen von außen waren. Wir mussten Veranstaltungen absagen, Mitarbeiter einweisen, Alternativen finden. Wir haben in den letzten Wochen außerdem wichtige Entscheidungen noch mal politisch bestätigen lassen, etwa die Themen Maintalbad und Bürgerhaus Bischofsheim. Das sind zwei große Projekte, die mir sehr am Herzen liegen. Ich hatte ein bisschen Angst, dass die Politik aufgrund möglicher Finanzprobleme durch Corona sagt, wir gehen diese Themen doch noch nicht an. Aber die Stadtverordneten haben sich unisono dahinter gestellt und ihre alten Beschlüsse noch mal bekräftigt. Das fand ich schon bemerkenswert.
Sie haben gesagt, die Herausforderungen an die Verwaltungsspitze der letzten Monate waren enorm. Was waren denn rückblickend in den letzten zwölf Jahren die größten Herausforderungen?
Schon ganz am Anfang gab es ein paar große Herausforderungen. Viele haben es vielleicht gar nicht mehr in Erinnerung: Das Thema Bahnüberquerung und Nordmainische S-Bahn. Da ging es um die Frage, ob es eine Unterführung oder eine Überführung an der Philipp-Reis-Straße geben soll. Daran hing letztendlich die weitere Planung der Nordmainischen S-Bahn. Die Bahn hat uns Druck gemacht, das Land hat uns Druck gemacht, und Maintal musste sich entscheiden, wie es an der Stelle weitergeht. Da haben wir relativ schnell einen Grundsatzbeschluss erwirkt, der mehrheitlich von den Fraktionen in der Stadtverordnetenversammlung getragen wurde, dass die Stadt Maintal auf eine Kfz-Bahnüber- oder Unterführung verzichtet als Ersatz für die Eichenheege, dafür aber der Durchgang am Bahnhof Maintal-Ost auf sechs Meter verbreitert und komfortabler ausgebaut wird und dort unter anderem Aufzüge und eine Fahrradspur installiert werden.

Abmachung zwischen Kreis und Stadt das wichtigst Projekt

Diesen Beschluss empfand ich damals schon als sehr fortschrittlich. Das wichtigste Projekt überhaupt war aber das Neun-Punkte-Papier zwischen der Stadt Maintal und dem Main-Kinzig-Kreis. Der Kreis und die Stadt Maintal haben sich mal an einem wichtigen Projekt zerstritten, und zwar ging es um das klassenlose Krankenhaus auf der Weidenkaute in Hochstadt. In den 1970er Jahren wollte der Kreis dort ein Krankenhaus bauen und eine Siedlung für das Personal. Das war ein riesengroßes Projekt. Dafür hatte die Stadt einen Bebauungsplan erstellt. Der Kreis hatte 200 000 Quadratmeter Grundstück dort aufgekauft. Die Politik in Maintal wollte aber lieber die Streuobstwiese erhalten und hat den notwendigen Bebauungsplan wieder aufgehoben. Damit hatte der Main-Kinzig-Kreis die teuerste Streuobstwiese im Rhein-Main-Gebiet erworben.

Wie ging es dann weiter?

Daraus entwickelte ich ein langjähriger und erbitterter Streit zwischen Kreis und Stadt bis vor den Verwaltungsgerichtshof. Das Verhältnis zwischen beiden Körperschaften war vereist und hatte alles andere überschattet. Das hatte ich als Amtsleiter schon mitbekommen und es hat mich immer geärgert, denn Kreis und Kommune arbeiten für die gleichen Bürger. Als ich dann als Erster Stadtrat nach Maintal zurückkam, wollten wir in Bischofsheim das neue Kinder- und Jugendhaus auf dem Grundstück des Kreises bauen.
Gemeinsam mit dem damaligen Leiter des Bau- und Liegenschaftsamts des Kreises, Joachim Peter, haben wir nach einem Weg gesucht, den Konflikt endgültig auszuräumen. Herausgekommen ist ein Neun-Punkte-Papier, das Kreistag und Stadtverordnetenversammlung in Maintal beschlossen haben. In diesem Papier stand unter anderem, dass der Kreis der Stadt das Grundstück für das Kinder- und Jugendhaus übergibt und dass die Stadt einen Bebauungsplan für das Gebiet „Am Weides“ beschließt, damit der Kreis zumindest einen kleinen Teil des Geländes in Hochstadt in Wert setzen kann. Außerdem hat der Kreis die Turnhalle an der Werner-von-Siemens-Schule neu gebaut und der Stadt Maintal die gesamte Fläche an der Weidenkaute übertragen, um hier die Streuobstwiesen zu erhalten und zu pflegen.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit seit dieser Zeit?
Wir haben in kurzer Zeit alle beschlossenen Projekte realisiert und ein neues Grundvertrauen in der Zusammenarbeit zwischen Stadt und Kreis hergestellt. Seitdem arbeiten wir wieder sehr konstruktiv zusammen.

Sachtleber: Bürgerbeteiligung das wichtigste Projekt

Gibt es noch weitere große Projekte, auf die Sie gern zurückblicken?
Das wichtigste und hoffentlich nachhaltigste Projekt war und ist die Förderung des Bürgerschaftlichen Engagements, die Beteiligung der Bürger in politischen Prozessen, der Stadtleitbildprozess mit seinen Leitbildgruppen und die Gründung von Maintal Aktiv als Freiwilligenagentur und Motor der Beteiligungsprozesse. Bürgerbeteiligung wird überall in unserer fortschrittlichen Demokratie groß geschrieben und wir haben in Maintal das Bürgerschaftliche Engagement durch das Stadtleitbild und die verschiedenen Gruppen institutionalisiert. Ich finde, dass muss auch durch die Politik dauerhaft unterstützt werden, denn daraus lässt sich unheimlich viel Potenzial schöpfen. Die Menschen, die sich dabei engagieren – und das sind mittlerweile echt viele – identifizieren sich mit der Stadt Maintal.

Ende einer Ära: Ralf Sachtleber ist nicht mehr Erster Stadtrat von Maintal.

Ende einer Ära: Ralf Sachtleber ist nicht mehr Erster Stadtrat von Maintal.
Über solche Projekte verbinden sich die Menschen gewissermaßen mit ihrem Ort, weil sie sich interessieren, identifizieren und verantwortlich fühlen. Ein weiteres wichtiges Projekt ist die Maintal Immobilien Gesellschaft (MIG), die ich damals gemeinsam mit Bürgermeister Erhard Rohrbach konzipiert und dann mit Bürgermeisterin Monika Böttcher ins Leben gerufen habe. Die Idee war, dass wir uns in Sachen Wohnungsbau neu aufstellen. Wohnungsbau und Wohnungsverwaltung sollten nicht aus der Verwaltung heraus betrieben werden, sondern von einer eigenständigen, schlagkräftigen Einheit, die dieses Geschäft als Gesellschaft unabhängig, aber nach den Zielen der Stadt betreiben soll. Somit ist die MIG ein Baby von mir (lacht), und ich muss sagen, dass es schon richtig gut laufen kann. Daniel Schächtele als Geschäftsführer einzusetzen, war eine hervorragende Wahl.

Welche sind rückblickend die schönsten Erlebnisse, wenn Sie an Ihre Zeit in Maintal zurückdenken?

Welche sind rückblickend die schönsten Erlebnisse, wenn Sie an Ihre Zeit in Maintal zurückdenken?
Da komme ich wieder zurück zum Thema Stadtleitbild. Denn das Motivierendste waren für mich immer die Sitzungen der einzelnen Leitbildgruppen. Dort treffen sich Menschen, die sich über ein Thema austauschen und etwas vorantreiben. Und ich muss sagen: Immer wenn ich aus diesen Sitzungen rausgegangen bin – am Anfang war ich fast überall dabei – hat mich das unheimlich motiviert, weil es Bürger gibt, die sich wirklich interessieren, die auch etwas wollen für diese Stadt. Die Arbeit mit den Bürgern hat mir gezeigt, dass wir viele engagierte und kluge Köpfe in Maintal haben. Daraus konnte ich auch persönlich viel schöpfen.

Sachtleber verspürt Rückhalt der Bürger

Gerade in den letzten Monaten, seit Ihrer gescheiterten Wiederwahl, hat man besonders gemerkt, wie beliebt Sie bei den Bürgern sind. Konnte Sie das über so manchen Kampf, den Sie das eine oder andere Mal mit den Stadtverordneten führen mussten, hinwegtrösten?
Ja, das positive Feedback und die Unterstützung durch die Bürger waren ein Ausgleich. Es ist aber auch richtig, dass es manchmal ein Ringen mit den Stadtverordnetenfraktionen um die besten Entscheidungen war. Da muss man sich natürlich den demokratischen Regeln fügen, und es musste ja auch nicht immer nur nach meiner Nase gehen. In der Demokratie haben wir die politischen Vertreter, die uns sagen, wie sie etwas gern haben wollen. Damit habe ich mich manchmal schwer getan, das gebe ich zu (lacht). Aber genau genommen haben wir, Magistrat und Stadtverordnetenversammlung, doch viele wichtige Entscheidungen gemeinsam hinbekommen. Manchmal erst nach dreimaligem Durchgang durch die Ausschüsse (lacht), aber im Ergebnis haben wir doch vieles gemeinsam ganz gut auf die Reihe gekriegt.

Zwischenzeitlich stand zur Debatte, den Posten des Ersten Stadtrats in Maintal – zumindest vorläufig – abzuschaffen. Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass diese Gedanken wieder verworfen wurden und nun ein Nachfolger feststeht?

Es ist zum einen die Fülle an Aufgaben, die zum anderen von über 600 Mitarbeitern bei der Stadt Maintal bewältigt werden. Beides braucht Koordination und Führung. Ein anderer Punkt ist die Vielfalt der Aufgaben: Von Kanal-Instandhaltung bis Eidechsen einsammeln, von Kinder betreuen bis Bürgerhäuser bauen. Es wäre schwierig, diese vielfältigen Aufgaben in einer Stadt mit 40 000 Einwohnern alleine zu stemmen.

Keine Ratschläge für Nachfolger Karl-Heinz Kaiser

Haben Sie Wünsche oder Ratschläge, die Sie Ihrem Nachfolger Karl-Heinz Kaiser mit auf den Weg geben wollen?
Nein, Herr Kaiser ist eine gestandene Persönlichkeit. Er hat viel Lebenserfahrung und ich bin sicher, er weiß, wie er mit dieser Aufgabe umgehen muss. Er wird sich in vieles noch einfinden und einarbeiten müssen und dabei auch seine ganz eigenen Erfahrungen machen. Aber er kennt sich ja in Maintal aus, kennt die Menschen und weiß, wie es läuft. Ich bin guter Dinge, dass er das in seiner Art und Weise – die wird sicherlich anders sein als meine – hinbekommt.
Wie geht es nun für Sie, beruflich und privat, weiter?
Ich bleibe in Maintal wohnen und mache wohl erst einmal eine Woche die Jalousien runter, damit ich vom Rathaus nichts höre und nichts sehe (lacht). Ich glaube wirklich, dass ich erst einmal Abstand brauche. Und damit ich jetzt als Pensionär nicht Gefahr laufe, bequem zu werden, bin ich ab 1. August freiberuflich tätig und kümmere mich im südmainischen Raum um den Sozialen Wohnungsbau.

Sachtleber braucht erstmal Abstand von der Maintaler Politik

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare