AUS DEM GERICHT

„Tut mir von ganzem Herzen leid“: Angeklagter zeigt im Prozess um Kopfschuss Reue

Spurensuche: Am Morgen nach den Schüssen an der Berliner Straße suchen Polizistinnen mit Spürhunden die Umgebung ab. Die Tatwaffe wurde jedoch bis heute nicht gefunden. ARCHIV
+
Spurensuche: Am Morgen nach den Schüssen an der Berliner Straße suchen Polizistinnen mit Spürhunden die Umgebung ab. Die Tatwaffe wurde jedoch bis heute nicht gefunden.

„Ich habe es schon in der Gefangenenpost geschrieben: Es tut mir ehrlich von ganzem Herzen leid, dass ich dich verletzt habe und ich wünsche dir ein gutes Leben mit deiner Tochter“, sagt Afewerki W. und blickt der 27-Jährigen auf dem Zeugenstuhl reumütig in die Augen. Dass sie dort noch sitzen und seine Entschuldigung hören kann, verdankt sie jedoch einem Wunder.

Hanau/Maintal – Denn in der Nacht zum 2. September 2019 soll W. seiner ehemaligen Freundin in Dörnigheim an der Berliner Straße in den Kopf geschossen haben. Kennengelernt hatten sie sich über ihren gemeinsamen Kokain-Dealer.

Der spielte auch in dieser Nacht eine gewichtige Rolle. Nicht etwa wegen Drogengeschäften, sondern aus Eifersucht entbrannte ein Streit um seine Person. Denn nach einem Abendessen mit ihrer Mutter will die Maintalerin nicht gleich nach Hause, besucht um 1 Uhr noch besagten Kumpel.

W., der ihr daraufhin Nachrichten schreibt, wird von ihr vertröstet. So lange, bis sie sich schließlich in einer Bar treffen. „Ich hatte Angst, dass es wieder Ärger gibt“, sagt sie. In der Bar stellt W. sie zur Rede, will mit ihr gemeinsam den Kumpel zur Rede stellen. „Tot bist du heute sowieso, dann töte ich ihn und dann mich“, soll W. gesagt haben. Auf dem Weg zu dessen Wohnung an der Berliner Straße spitzt sich der Streit zu.

Bereits bei der Kriminalpolizei machte der Angeklagte ausführliche Angaben

Vor der Hausnummer 122 kommt es zur Schussabgabe. Die Frau fällt zu Boden, steht taumelnd wieder auf und versteckt sich in einer Einfahrt hinter einem schwarzen Auto mit der blutenden Wunde am Hinterkopf zwischen einem Gartenzaun und einer Hauswand. Passanten und Anwohner verfolgen das Geschehen, rufen von den umliegenden Balkonen „Lassen Sie die Frau in Ruhe!“ W. flüchtet vom Tatort. Wenige Minuten später sind Polizei und Rettungsdienst vor Ort. Die junge Frau wird umgehend in die Unikliniken nach Frankfurt gebracht, wo ihr in einer Notoperation das Projektil entfernt wird, das in ihrem Schädelknochen stecken geblieben war.

Bereits kurz nach der Tat wird W. festgenommen. Bei der Kriminalpolizei und der Haftrichterin macht er bereits ein umfangreiche Angaben zu der schwerwiegenden Tat. Angaben, bei denen er die Tat selbst eingesteht. Seine Verteidigerin hatte sich zum Prozessauftakt allerdings heftig dagegen gewehrt, diese Aussagen zu verwerten. Da W. wenige Stunden vor der Vernehmung und Alkohol- und Kokain-Einfluss gestanden habe und somit vernehmungsunfähig gewesen sei.

Häufige Auseinandersetzungen

Von der Tatwaffe fehlt bis heute jede Spur. Wenige Tage vor der Tat soll W. diese seiner Freundin jedoch bereits präsentiert haben. In einen gelben Putzlappen eingewickelt habe er sie mitgebracht, gezeigt und in der Wohnung liegengelassen. Die Gefahr, die von der Waffe ausgehe, habe die Maintalerin allerdings unterschätzt: „Ich hätte niemals für möglich gehalten, dass er sie gegen mich richten könnte“, sagt sie. „Wenn du sagst, dass du jemanden liebst, hältst du ihm doch keine Pistole an den Kopf.“ Zu dem Zeitpunkt habe W. ihr allerdings schon häufig gedroht, sie umzubringen.

In den Sommermonaten kommt es öfter zu Auseinandersetzungen – meist geht es um andere Männer und um das Mobiltelefon der jungen Frau über das sich W. Informationen über mögliche Nebenbuhler erhofft. Denn sie fährt Ende Juli mit einem „guten Kumpel“ in die Therme. „Das konnte er nicht verstehen“, sagt sie und räumt später ein, dass sie tatsächlich in dieser Nacht eine Affäre hatte. W. habe das gewusst. Als sie das sagt, fährt der Angeklagte auf und schnappt nach Luft. Er habe jedoch einen regelrechten Kontrollzwang entwickelt. Um an ihr Handy zu kommen, habe der sie getreten, geschlagen oder ihr sogar ein Kissen ins Gesicht gedrückt. „Er hat gesagt, wenn ich es ihm nicht gebe, bringt er mich um“, zitiert die 27-Jährige aus ihrer Erinnerung. Auch da soll er gesagt haben: „Wir gehen gemeinsam von dieser Welt“. Geglaubt habe sie ihm allerdings nie.

Mutter riet dem Opfer von einer Beziehung zu dem Angeklagten ab

Erst als er ihr im August droht, sie mit einem Backstein in der Hand umzubringen, flüchtet sie in ein Hotel und erstattet Anzeige. Hier hätten zwei Kumpels schlimmeres verhindert, die den Angreifer im letzten Moment festgehalten hätten. Und doch zieht die junge Frau die Anzeige wenige Tage später wieder zurück. Weil sie ihn geliebt habe und alles wieder gut gewesen sei.

Auch nach dem Kopfschuss sei sie traurig und wütend gewesen, habe gesagt, dass sie ihn immer noch liebe. Für die Mutter sei das schwer zu ertragen gewesen. Sie habe ihrer Tochter geraten, sich von ihrem Freund zu trennen. Doch die Tochter habe sich nichts sagen lassen, an sie heranzukommen sei schwer gewesen. Denn wegen ihres Lebensstils hätten sich beide voneinander distanziert. Die habe W. nur zweimal kennengelernt: Beim Essen und als er sie um Hilfe gerufen habe, als ihre Tochter völlig durchgedreht sei. Da habe er sich Sorgen gemacht.

Der Prozess wird am Montag, 15. Februar, mit weiteren Zeugenvernehmungen fortgesetzt. (Von Jasmin Jakob)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare