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Vor 75 Jahren ereignete sich am Dörnigheimer Bahnhof eine folgenschwere Explosion

Zeitzeuge Friedrich Ickes liest im Tagebuch des Pfarrers Edwin Kurtz.
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Zeitzeuge Friedrich Ickes liest im Tagebuch des Pfarrers Edwin Kurtz.

Heute ist ein trauriger Jahrestag für die Dörnigheimer Feuerwehr und all diejenigen Menschen, die das Ereignis in ihrer Jugend miterleben mussten: Vor 75 Jahren, am 19. August 1945, wenige Wochen nach Ende des Zweiten Weltkriegs, der ohnehin schon Millionen Tote, unsägliches Leid, Schutt und Trümmer hinterlassen hatte, ereignete sich auf einem Lagergelände der Firma Allstahl Merle nahe des Dörnigheimer Bahnhofs ein Brand und eine fürchterliche Explosion.

Maintal – Die Dörnigheimer Liesel Heck, Tochter des damals ums Leben gekommenen Jakob Rauch, und Friedrich Ickes, der inzwischen sein 96. Lebensjahr genießt, erinnern sich noch gut an jene Tage, die auch weiteren Dörnigheimer und Hochstädter Bürgern ins Nachkriegsgedächtnis gebrannt sein dürften. Fensterscheiben zersplitterten noch hunderte Meter weit von der Explosionsstelle, der Donnerhall erinnerte an die Bomben, die erst kurz zuvor in Massen auf deutsche Städte und Dörfer gefallen waren.

„Nördlich und südlich der Bahnlinie war ein großer wilder Lagerplatz von etwa 500 Hektar für militärische und alle Sorten anderer Güter entstanden“, beschreibt der Hochstädter Ortschronist Peter Heckert auf seiner Internetseite das Areal, auf dem später das Unglück passieren sollte. „Güterzüge, die in einem Stau von der Mainkur bis nach Hanau-West auf den Gleisen standen, wurden entladen und das Material auf Wiesen und Äckern abgelegt. Bis zu 260 deutsche Kriegsgefangene entluden die Waggons und machten dadurch die Bahnstrecke wieder befahrbar. Beaufsichtigt wurden sie von über 60 amerikanischen Soldaten“, so Heckert weiter. Diese brachten damals als Besatzungsmacht den Wiederaufbau Deutschlands voran.

Explosion in Maintal: Amerikanische Soldaten und deutsche Feuerwehrmänner kamen ums Leben

Den damals gestorbenen Feuerwehrkameraden ist ein Gedenkstein auf dem alten Dörnigheimer Friedhof gesetzt.

Bei der gewaltigen Detonation nach einem ausgedehnten Brand in den frühen Abendstunden des 19. August 1945, zu dem die Dörnigheimer Feuerwehr gerufen wurde, kamen unmittelbar Dutzende US-Soldaten und vier Feuerwehrkameraden ums Leben. Zwei weitere wurden schwer verletzt und verstarben wenig später im Krankenhaus. Besonders tragisch: Viele der gestorbenen US-Soldaten hätten auf ihren unmittelbar bevorstehenden Rücktransport in die Heimat gewartet, wie die Zeitzeugen berichten.

Die Chronik der Maintaler Feuerwehr, die Stadtbrandinspektor Andreas Matz der Redaktion überließ, schildert den Vorfall so: „Zum ersten denkwürdigen Ereignis nach Kriegsende kam es am Abend des 19. August 1945, als im damaligen amerikanischen Munitionslager in der Nähe des Bahnhofs Feuer ausbrach. Bei den Löscharbeiten detonierte ein Stapel Minen, wodurch bis in die weitere Umgebung die Fensterscheiben barsten und ganze Dächer abgedeckt wurden. Der Tod der hierbei ums Leben gekommenen aktiven Mitglieder“ – im Einzelnen handelte es sich um den damaligen Ortsbrandmeister Jakob Schneier (57 Jahre) sowie seine Kameraden Schuhmachermeister Peter Boos (61 Jahre), Weißbindermeister Jakob Rauch (51 Jahre) und Elektromeister Jakob Kegelmann (43 Jahre) – „war ein schmerzlicher Verlust für die Dörnigheimer Wehr.“

Auslöser für die Explosion in Maintal soll Raketentreibstoff gewesen sein

Sütterlin können heute nur noch wenige lesen. In dieser Schrift hat Pfarrer Edwin Kurtz sein Tagebuch verfasst.

Die Namen der beiden Schwerverletzten, die später ihren Verletzungen erlagen, sind Friedrich Seng und Philipp Kuhn. Heckert lässt in seiner Chronik auch Zeitzeugen zu Wort kommen. „Beim Inhalt der Behältnisse soll es sich um Treibstoff für die Raketen V1 und V2 gehandelt haben. ‘Dieser hatte sich auf unbekannte Weise erhitzt’, heißt es lapidar zum zentralen Dreh- und Angelpunkt, und weiter: ‘Da nicht bekannt war, dass dieser Stoff mit Wasser reagiert, ging man mit den Amerikanern – die schon im Einsatz waren – die Sache mit Wasser an. Daraufhin kam es zu einer weiteren thermischen Zersetzung des Stoffes.’

Die Chemikalien standen direkt vor dem Verwaltungsgebäude der Firma Allstahl Merle neben einem Haufen Munition. Die Behälter ähnelten großen Milchkannen, in deren Deckeln hatte sich Regenwasser gesammelt. Einer der Deckel ist wohl undicht gewesen. Die bei diesem Prozeß entstandene Hitze wiederum hat einen in unmitttelbarer Nähe befindlichen Minen-Stapel“ (Schiffsminen) „bis zur Explosion erwärmt. Die Versuche, das Teufelszeug zu löschen, sollen bereits einige Stunden gewährt haben, als es gegen 18.30 Uhr zu der gewaltigen Explosion kam.“

Explosion in Maintal ereignete sich in der Nähe eines Kriegsgefangenenlagers

Etwa 300 Meter vom Explosionsort entfernt befand sich auch ein Kriegsgefangenenlager, in dem bis zum Dezember 1945 Soldaten der ehemaligen Deutschen Wehrmacht untergebracht waren. „Wir sahen ein bißchen was hochfliegen und ein paar kleine Flammen. Wir haben noch Spaß gemacht“, sagt der damalige Kriegsgefangene Max Scholz laut Heckerts Chronik.

Auch für den damaligen Dörnigheimer evangelischen Pfarrer Edwin Kurtz war das Ereignis einen Eintrag in sein handschriftliches, in Sütterlin verfasstes Tagebuch wert: „Abends gegen 9 Uhr beim Hören des Radios ein gewaltiger Schlag, sodass wir alle erschrocken sind und annahmen, dass ein Kugelblitz ins Radio und in unser Haus einegschlagen habe. In Wirklichkeit war es die Detonation von dem in hellen Flammen stehenden Munitionslager am Bahnhof bei der Merle’schen Fabrik.“

Den damals gestorbenen Feuerwehrkameraden ist ein Gedenkstein auf dem alten Dörnigheimer Friedhof gesetzt.

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