Themenwoche 19. Februar

Zeichen für ein buntes Deutschland: Albert-Einstein-Schule behandelt Anschlag in Hanau im Unterricht

Gemeinsam gegen Rassismus: Schüler der E-Phase gedenken der Opfer von Hanau.
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Gemeinsam gegen Rassismus: Schüler der E-Phase gedenken der Opfer von Hanau.

„Wir wollen eine Welt, in der ich nicht wegen meiner Nationalität, meiner Herkunft, meiner Hautfarbe, meines Glaubens, meiner Sexualität und meines Geschlechtes zur Zielscheibe werde.“ Die Worte und Bilder sind eindringlich: Nachrichtensendungen vom 19. Februar 2020, die Namen der Opfer, Bilder von Demonstrationen und Mahnmalen, die Artikel des Grundgesetzes, die die Gleichheit aller Menschen verankern, Zitate aus den Reden von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Maintal – Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern der Albert-Einstein-Schule (AES) hat in Gedenken an den rassistischen Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020 einen Film erstellt, dessen Message eindrucksvoller kaum sein könnte: Die Jugendlichen stehen zusammen, machen sich stark gegen Rassismus. Sie fordern Aufklärung, wollen, dass Diskriminierung aufgedeckt, Rassismus bestraft wird.

In den Tagen rund um den ersten Jahrestag des Terrorakts hat die Schulleitung die ganze Schulgemeinde dazu aufgerufen, eine komplette Unterrichtsstunde dem Gedenken und der Aufarbeitung des rassistischen Anschlags zu widmen. „Der Vorschlag kam aus der Schülervertretung“, erklärt Schulleitungsmitglied Bernhard Siever. „Wir greifen ihn gern auf und geben damit entweder in den Klassenlehrer-Stunden oder den Fächern Geschichte, Politik und Wirtschaft allen Schülerinnen und Schülern, die Möglichkeit, sich an den Anschlag zu erinnern, das Geschehen einzuordnen und altersgemäß aufzuarbeiten.“ Der Politik- und Wirtschaftskurs von Barbara Bingel hat beispielsweise eine Collage erstellt, in der die Schülerinnen und Schüler ihre Gedanken mit einem Zitat Nelson Mandelas zusammenfassen: „Niemand wird mit dem Hass auf andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ethnischen Herkunft oder Religion geboren. Hass wird gelernt. Und wenn man Hass lernen kann, kann man auch lernen, zu lieben.“

Collage der Oberstufenschüler

„Der Anschlag war ohnehin das ganze Jahr über präsent, weil es immer wieder aktuelle Anlässe gab, darüber zu sprechen und weil es hier Schülerinnen und Schüler gibt, die die Familien oder Freunde der Opfer kennen“, sagt die Lehrerin. „Deshalb war dem Kurs sofort klar: Wir müssen dazu etwas sagen und uns gegen Rassismus positionieren.“

Die Oberstufenschüler hätten die Idee der Collage favorisiert, weil damit jeder ein Stück weit seine eigene Meinung abbilden könne. Es wurden mehrere Zitate vorgeschlagen. Das von Nelson Mandela habe die Meinungen des Kurses am besten wiedergegeben. „Da es mit dem Wort „niemand“ anfängt, was von den Schülern eher als negativ empfunden wurde, haben wir die Namen der Opfer an den Anfang gestellt“, erklärt Bingel. Das Zitat wurde auf alle Schüler aufgeteilt. Aus den insgesamt 15 Fotos entstand die Collage. „Es haben nicht alle auf die Collage gepasst, aber es haben sich alle in die Diskussion eingebracht“, sagt die Lehrerin, die insgesamt vier Stunden dafür eingeplant hatte. Themen wie Meinungsfreiheit, vor allem in Bezug auf soziale Medien, und eine stärkere Polizeipräsenz, aber auch aktuelle Anlässe wie etwa die vielfach als rassistisch kritisierte WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ vor wenigen Wochen seien leidenschaftlich diskutiert worden. „Der Lehrplan lässt leider kaum Zeit, um aktuelle Themen aufzugreifen“, bedauert Geschichtslehrerin Jodith Debesai, die sich in der von der Schülerschaft gegründeten Anti-Diskriminierungsgruppe engagiert. Rund 25 Schüler von der fünften Klasse bis zum Abijahrgang treffen sich regelmäßig – derzeit online –, um über Diskriminierung an der Schule zu sprechen und konkrete Projekte zu planen. Dabei steht neben Aufklärung vor allem der Wunsch im Mittelpunkt, Anlaufstelle für Betroffene und Interessierte zu sein und die gesamte Schulgemeinde für das Thema zu sensibilisieren. „Empowerment nach innen, Diskurs nach außen“, bringt Debesai die Ziele der Schülerinitiative auf den Punkt. Außerdem sei geplant, eine Infothek mit Informationsmaterialien für alle aufzubauen.

Schülerinitiative wurde gut angenommen

Gegründet hat sich die Anti-Diskriminierungsgruppe schon vor dem gestrigen Jahrestag. „Wir finden einfach, dass Rassismus und Diskriminierung im Alltag zu wenig thematisiert werden“, sagt die Schülerin Rina Cakaj. „Wir haben uns überlegt, wie wir Aufmerksamkeit für unsere Themen bekommen –und da war der 19. Februar natürlich das perfekte Datum“, ergänzt Rhoda Zündorf, eine der Initiatorinnen. Eine kleine Gruppe hat das Video zum Hanauer Anschlag erstellt, das das Toleranzbekenntnis und das Gedenken der AES an den Anschlag über die Schule hinaus bekannt machen soll.

Zumindest in der Schulgemeinde sei der Film bestens angekommen und beschere der Gruppe derzeit regen Zulauf aus allen Klassenstufen. „Diskriminierung ist kein Thema, das die Betroffenen alleine lösen können. Es ist ein Thema, das uns als Gesellschaft fordert“, sagt Geschichtslehrerin Debesai. Deshalb sei sie sehr froh, dass die Gruppe so viel Zuspruch erhält, dass sie mittlerweile die Schulgemeinde in ihrer ganzen Vielfalt abbildet. Eine gemeinsame schulweite Aktion wie vor einem Jahr, als sich Schüler und Lehrkräfte spontan direkt nach dem Anschlag zu einer großen Menschenkette um die Schulgebäude als sichtbares Zeichen gegen Rassismus formiert hatten, sei derzeit im Distanzunterricht nicht möglich. Aber den Lehrerinnen und Lehrern stünden für die Gedenkstunde zahlreiche Materialien – unter anderem der Film der Anti-Diskriminierungsgruppe zur Verfügung.

Begeistert aufgenommen wurde auch das Angebot der Schülerinitiative, als Ansprechpartner mit ihrer hoffnungsvollen Botschaft in den Unterricht zu kommen: „Wir sind die Generation, die die Gegenwart so lenkt, dass die Zukunft auch denen Platz gewährt, die nicht dazugehören“, schließt nämlich der Film. (Von Bettina Merkelbach)

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