Maintaler Schülerin verarbeitet Flucht aus Afghanistan dichterisch

Anahita Jafari gewinnt Balladenwettbewerb

Hat mit ihrer Ballade ihre Mitschüler und Lehrer tief beeindruckt: die mit ihren Eltern aus Afghanistan geflohene Anahita Jafari.
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Hat mit ihrer Ballade ihre Mitschüler und Lehrer tief beeindruckt: die mit ihren Eltern aus Afghanistan geflohene Anahita Jafari.

Es ist Nacht, als Anahitas Fußmarsch, der längste in ihrem Leben, beginnt. Sie flieht mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder aus Afghanistan. 20 Tage lang sind sie unterwegs, bis sie hier ankommen. Durch insgesamt zehn Länder führt ihr Weg aus der Nähe der Stadt Masar-e Scharif nach Deutschland. Heute lebt Anahita Jafari mit ihrer Familie in Maintal und besucht die Erich-Kästner-Schule.

Maintal – An die Flucht aus dem Krieg erinnert sie sich nur noch vage: „Ich habe mit anderen Kindern gespielt und war ständig müde. Unter eine Decke gekauert, bin ich neben meinem kleinen Bruder auf einem Stein eingeschlafen.“ Immer wieder hätten ihre Eltern sie geweckt, um den beschwerlichen Fußweg fortzusetzen. Immer wieder sei sie eingeschlafen.

Das, was sie noch weiß, hat die 14-Jährige als Gedicht zu Papier gebracht und damit den Balladenwettbewerb ihrer Klasse gewonnen.

Maintaler Schülerin beschriebt ihren Weg in die Freiheit

Unter dem Titel „Der Weg in die Freiheit“ hat die Schülerin ihre eigenen dramatischen Erlebnisse mit denen ihrer Freundin zu einer fiktiven Fluchtgeschichte verwoben: „Ein kleines Mädchen, ihr Name ist Marjan / Lebte mit ihrer Familie und Geschwistern in Afghanistan. Sie lieben ihr Land, doch es herrscht ein grausamer Krieg / Deshalb beschließt der Vater, sie verlassen das gefährliche Gebiet.“ – so beginnt das Gedicht. Anders als Anahita selbst verliert Marjan ihre Familie auf der Flucht und wird von einer fremden Frau nach Deutschland gebracht.

„Der Weg war weit, es ging über Berg und Tal / Nachts weinte Marjan und die Tränen durchnässten ihren bunten Schal. Nach 81 Tagen kamen sie in Deutschland an / Hier lebte sie mit der Frau und deren Kindern fortan. Jede Nacht weinte Marjan sich in den Schlaf hinein / Träumte von ihrer Familie und fühlt sich so allein“, schreibt Anahita. Die Ballade endet allerdings mit einem Happy End: Marjan findet ihre Familie per Zufall wieder. Auch Anahitas tatsächliche Fluchtgeschichte endet glücklich. Sie fühlt sich wohl hier in Maintal, geht sehr gerne zur Schule.

„Anfangs habe ich mich fremd gefühlt. Aber Deutschland ist ein gutes Land, ich bin hier frei“, sagt sie. Sie hat Deutsch gelernt und sich bestens in die Klasse integriert, wie ihre Klassenlehrerin Julia Grünberg berichtet. Sie fühlt sich sicher und hat große Pläne: „Ich denke oft an meine Zukunft, ich wünsche mir ein großes Haus und möchte Chirurgin werden.“ Um ein Praktikum in einem Krankenhaus hat sie sich bereits gekümmert. „Ich bewundere Anahita für ihren Ehrgeiz, ihre Ehrlichkeit und ihre Freundlichkeit“, sagt Grünberg. Ihre Klasse habe sie mit offenen Armen empfangen.

Maintaler Erich-Kästner-Gesamtschule stolz auf 14-Jährige

„Die Lebensgeschichte von Anahita zeigt beispielhaft für unsere Erich-Kästner-Schule, wie Bildungserwerb und soziale Integration eine konstruktive Selbstreflexion und Kreativität fördern und damit die Persönlichkeitsentwicklung dieses Mädchens positiv begünstigen“, ergänzt Schulleiterin Bärbel Nocke-Olliger. Der Balladenwettbewerb der Klasse 7a fand im Homeschooling und daher digital statt. Die Jugendlichen präsentierten ihre Texte per Videokonferenz und stimmten anschließend digital über die Gewinner ab. „Die Schülerinnen und Schüler haben sehr persönliche Erlebnisse und Themen in den Balladen verarbeitet“, sagt Deutschlehrerin Canan Tülekoglu.

Maintaler Schüler mit Feuereifer dabei

Liebeskummer oder das Leben in der Pandemie werden von den jungen Dichterinnen und Dichtern kreativ verarbeitet. „Ich habe neben den klassischen Balladen, die wir behandelt haben, eine Motivation gesucht, um die für viele schwierige Situation im Distanzunterricht aufzulockern“, sagt Tülekoglu. Der Plan ging auf. Die Jugendlichen schrieben mit großem Eifer los. Anahitas Fluchtgeschichte stach allerdings unter den ansonsten eher alltäglichen Begebenheiten heraus. „Anahitas Ballade hat uns alle umgehauen“, sagt Tülekoglu. Ihre Mitschüler wählen Anahita zur Siegerin. „Wir wussten nicht, was sie erlebt hat. Angesichts dessen, was sie alles durchgemacht hat, ist es umso erstaunlicher, wie höflich und fleißig Anahita ist.“ Allein dass sie das Gedicht fast ohne Unterstützung in einer Sprache geschrieben hat, die sie erst seit wenigen Jahren lernt, beeindruckt – ebenso wie die Echtheit und die Intensität ihrer einfachen Worte.

Von Bettina Merkelbach

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