Kultur

Nostalgie und Verzweiflung: Trägerverein des Heimat-Museums sucht dringend Nachwuchs

Geschichte zum Anziehen: Das Heimat-Museum beherbergt eine komplette Schuhmacher-Werkstatt.
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Geschichte zum Anziehen: Das Heimat-Museum beherbergt eine komplette Schuhmacher-Werkstatt.

„Hier gibt es Dinge zu sehen, die finden Sie sonst nirgends“, verspricht Ursula Pohl und schließt die Tür zum Maintaler Heimat-Museum auf. Eine kleine Reise in die Vergangenheit beginnt. Im ersten Stock des ehemaligen Pfarrhauses in der Hochstädter Hauptstraße dokumentieren über tausend Exponate die Geschichte Maintals.

Maintal –In sieben Zimmern können Besucher hautnah erleben, wie Maintaler im 19. und 20. Jahrhundert gelebt, gearbeitet, gespielt, gefeiert und geschlafen haben. Von Puppen, Geschirr und Wäsche über Apfelpressen bis hin zur kompletten Schuhmacher-Werkstatt und einer Wirtsstube mit Kegeln, Harmonium und Apfelweinregal: Die Ausstellung beschwört lebendige Bilder einer längst vergangenen Zeit herauf – ein Erlebnis, das von der Maintaler Bevölkerung sehr gut angenommen wird, wie Ursula Pohl, erste Vorsitzende des Trägervereins, berichtet. Vor allem bei älteren Menschen und Kindern sei das Interesse sehr hoch. „Kinder haben eine unbändige Neugier auf die Vergangenheit. Sie dürfen hier fast alles anfassen und können die Geschichte hautnah nacherleben“, sagt Pohl, die sogar spezielle Führungen für Kinder durch Hochstadt anbietet. „Sie dürfen zum Beispiel in die riesigen Schuhe in unserer originalgetreu eingerichteten Schuhmacher-Werkstatt schlüpfen, das ist für die Kinder eine Sensation.“ Bei älteren Besuchern überwiege eher die Nostalgie. „Das hatte meine Mutter damals auch“, seien die Kommentare, bei denen viele Senioren in den Erinnerungen ihrer Kindheit schwelgten.

Jugendliche und die Generation zwischen 40 und 60 besuchten das Museum allerdings leider kaum. Und die Eltern, die mit ihren Kindern kommen, hätten meist keine Zeit, sich zu engagieren, was den Verein vor ein massives Nachwuchsproblem stellt. Alle Versuche, gezielt jüngere Menschen anzusprechen, schlugen fehl. „Derzeit sind wir 32 Mitglieder, ausschließlich älteren Semesters. Der Vorstand besteht aus nur fünf Leuten. Wenn wir bei der nächsten Mitgliederversammlung keinen zweiten Vorsitzenden wählen können, müssen wir das dem Amtsgericht melden“, beschreibt Ursula Pohl die bedrohliche Situation.

Ursula Pohl, Erste Vorsitzende des Trägervereins, im Wäschezimmer des Museums.

„Die Zukunft des Vereins steht auf der Kippe.“ Hinzu kommt, dass die größtenteils älteren Mitglieder viele Aufgaben nicht mehr stemmen können, im wörtlichen Sinn. Das fängt bei einfachen Instandhaltungsmaßnahmen wie dem Batteriewechsel in den Feuermeldern an der Decke an und hört beim Transport der schweren Maschinen und Möbel, die gerade nicht ausgestellt werden, in den ersten Stock auf. Daher sucht der Verein nicht nur Mitglieder, sondern auch händeringend Unterstützer und Helfer, die zum Beispiel während der Öffnungszeiten die Aufsicht übernehmen.

Exponate, die meist Privatleute dem Verein schenken oder leihen, hat das Museum nämlich mehr als genug. In den Vitrinen, die die Besucher im Erdgeschoss des ehemaligen Pfarrhauses begrüßen, sind daher wechselnde Ausstellungen zu sehen.

Auch an Besuchern, nicht nur aus Maintal, mangelt es nicht. Was fehlt, sind passionierte Geschichtsliebhaber und Hobbyhistorikerinnen wie Ursula Pohl, die Zeit in diese Schätze der Maintaler Geschichte investieren. „Ich ziehe den Hut vor unsere Vorfahren – davor, was sie alles konnten“, sagt sie, stolz und besorgt zugleich. „Aber wie sollen wir weiter bestehen?“

Derzeit ist das Museum Corona-bedingt geschlossen. Üblicherweise hat das Museum an jedem ersten Sonntag im Monat von 15 bis 17 Uhr geöffnet.

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