Hanau/Maintal

Paketdienstfahrerin soll mit Kundendaten getrickst haben

Kundenkontos missbraucht und im großen Stil eingekauft: Eine 25-jährige Maintalerin muss sich wegen Computerbetrugs vor dem Schöffengericht verantworten. Symbolfoto: Pixabay

Maintal/Hanau. Es sollen nur wenige Clicks auf der Tastatur gewesen sein. Dann stand die Shopping-Welt eines der größten deutschen Online-Versandhäuser plötzlich weit offen. Einkaufen, ohne auch nur einen Cent zu bezahlen.

Von Thorsten Becker

Die 25-jährige Maintalerin, die auf der Anklagebank des Hanauer Schöffengerichts sitzt, soll dieses „Einkaufsvergnügen“ ausgiebig genutzt haben. Vor allem auf hochwertige Marken habe sie es abgesehen. Das meint zumindest Staatsanwalt Martin Links. Er wirft der Angeklagten insgesamt 32 Fälle von Computerbetrug vor und rattert jeden einzelnen davon runter.

Die Waren: „Eau de Parfüm, sieben Jeans, eine Handtasche, ein Spaghetti-Top, Stiefeletten, ein Tablet, ein Collier aus Gelbgold, Multifunktionsuhren . . .“ Und er nennt auch die wohlklingenden Namen namhafter Hersteller: „Apple, Tommy Hilfiger, Dior, Calvin Klein, Festina. . .“ So geht das – eine halbe Stunde lang.

"Sie hat unbefugt Kundenkontodaten verändert"

Unter dem Strich steht für den Staatsanwalt fest: Die Angeklagte hat über das Internet Waren im Wert von 11 400 Euro bestellt – ohne zu bezahlen. In der Hälfte der Fälle blieb es beim Versuch.

Dass sie überhaupt nichts bezahlt hat, noch nicht einmal eine Rechnung des Versandhändler-Imperiums bekommen hat, liegt nach der Meinung von Links an ganz perfiden Tricks: „Sie hat unbefugt Kundenkontodaten verändert.“

So hat beispielsweise der Versandhauskunde H. aus Frankfurt wohl nichts davon bemerkt, dass plötzlich von einem Computer in Maintal aus seine E-Mail-Adresse in den Kundendaten geändert wurde – so soll die 25-Jährige sichergestellt haben, dass sie über die Ankunft der Pakete auf dem Laufenden bleibt. Immer wieder wurde ein anderes Kundenkonto „angezapft“ und missbraucht.

Die 25-Jährige sei gewerbsmäßig vorgegangen

Doch nicht nur das. Auch die Lieferadressen wurden laut Staatsanwalt abgewandelt. Alle befanden sich danach im Stadtteil Bornheim. „Das ist der Bereich rund um das St.-Katharinen-Krankenhaus. Dort war die Angeklagte zu dieser Zeit als Paketfahrerin unterwegs“, erklärt Links den Stand der Ermittlungen.

Doch es war nicht direkt der Paketdienst, dessen Name an einen „Götterboten“ erinnert – und der auch zum Versandhaus-Imperium gehört. Es soll sich um einen Sub-Sub-Unternehmer des Paketlieferservice gehandelt haben. Dort arbeitete die 25-Jährige als Fahrerin. Und auf den Touren soll sie alle Pakete, die sie bestellt hatte, als „Retouren“ storniert – und dann daheim abgeladen haben.

„Sie ist dabei gewerbsmäßig vorgegangen“, lautet der Vorwurf von Staatsanwalt Links, die 25-Jährige habe sich eine „fortlaufende Einnahmequelle verschafft“. Daher soll auch ein Vermögen von 11 400 Euro bei der Angeklagten eingezogen werden.

Welche Rolle spielte ein männlicher Begleiter?

Welch seltsame Geschäftsgebaren im Schattenreich der Zusteller herrschen, offenbart dann der erste Zeuge, ein 31-Jähriger aus Hanau, dessen Frau die Sub-Sub-Firma geleitet haben soll.

Er und seine Frau hätten die Angeklagte probeweise angestellt. „Sie hatte die Tour 642.“ Die umfasst Bornheim. Später sei sie auf Betreiben des eigentlichen Paketdienstes entlassen worden. „Zu viele Fehler“, lautet die Begründung. Vertrag? Fehlanzeige. Bezahlung? In bar. Ein klarer Fall von Schwarzarbeit.

Ob die 25-Jährige die Touren alleine gefahren sei, will die Vorsitzende Dr. Renata Kohlheim wissen. Der Zeuge will sie einmal in Begleitung eines Mannes gesehen haben. „Ihr Mann, ihr Freund – ich weiß es nicht.“ Bekannt sei jedoch, dass diese Person dann immer vor dem Zaun des Lagers gewartet habe – und offenbar die Touren mitgefahren sei.

Viele Fragen bleiben offen

Das deckt sich mit den Angaben der Angeklagten. Sie sei die Touren mit einer „männlichen Person“ gefahren, dessen Namen sie jedoch nicht preisgeben wolle. Er gehöre zum familiären Umfeld, erklärt ihre Verteidigerin, die versucht, ihre Mandantin so gut wie möglich in Schutz zu nehmen: „Sie hat keine Pakete beiseite geschafft und auch mit den Bestellvorgängen nichts zu tun.“

Am Ende des ersten Verhandlungstags bleiben viele Fragen offen. Ist die Angeklagte wirklich die Betrügerin, oder wurde ihre Position als Paketfahrerin von anderen ausgenutzt? Wer sind die Hintermänner? Die entscheidende Frage dürfte allerdings sein: Woher kommen die offenbar echten Kundenkontodaten des großen Versandhauses?

Amtsrichterin Renata Kohlheim will es genauer wissen, setzt zwei weitere Verhandlungstage an und will zu den Terminen noch weitere Zeugen laden. Der Prozess wird am Montag, 9. September, fortgesetzt.

Quelle: Hanauer Anzeiger

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare