Schweigen im Prozess um "Thai-Connection" gebrochen

Überraschende Wende im Prozess: Hauptangeklagte legt Geständnis ab

Prozess gegen mutmaßliches Bordellbetreiber-Netzwerk
+
Schweigen gebrochen: Deang B., hier zusammen mit ihrem Strafverteidiger Rainer Platz, hat im Prozess vor dem Hanauer Landgericht nach 40 Verhandlungstagen ausgesagt und zahlreiche Vorwürfe eingeräumt.

Überraschende Wende im monatelangen Mammutprozess gegen die mutmaßlichen Köpfe der bundesweit agierenden „Thai-Connection“: Nach 40 Verhandlungstagen, an denen sie eisern schwieg, legt die Hauptangeklagte, die 62-jährige Deang B., ein Geständnis ab.

So räumt sie zusammen mit ihren beiden Strafverteidigern ein, das illegale Netzwerk organisiert zu haben. Ihren Spitznamen „Mae“ (thailändisch für „Mutter“), also Chefin der Thai-Connection, trägt sie offenbar zu recht.

Pauschal bestätigt sie die ihr von der Generalstaatsanwaltschaft vorgeworfenen Taten ein und gibt ebenso zu, bei der Organisation und der Verteilung der Prostituierten auf Bordelle die Fäden in der Hand gehalten zu haben. Bei der Vielzahl von Fällen könne sie sich jedoch nicht mehr an jeden einzelnen erinnern, beteuert sie.

Prostituierte mussten wohl unter Zwang  "Schulden" abarbeiten

Ebenso bestätigt die „Mutter“, dass die Prostituierten, darunter mehrere Transsexuelle, ihre „Schulden“ von durchschnittlich 15 000 Euro hätten abzahlen müssen. Allerdings habe sie dabei weder Druck noch Gewalt ausgeübt, betont sie. Ehemalige Prostituierte hatten als Zeugen dagegen ausgesagt, sie seien zum ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Freiern gezwungen und bedroht worden. Außerdem soll mit Repressalien gegen ihre in Thailand lebenden Familien gedroht worden sein.

Ihren Ehemann Martin J., der neben ihr auf der Anklagebank sitzt, nimmt die 62-Jährige allerdings aus der Schusslinie. Dieser habe nur zuge‧arbeitet, sei in die Planung und Organisation des Prostituiertenrings in Siegen und Maintal nicht involviert gewesen.

300 Fälle von Ausbeutung, Menschenhandel und Zwangsprostitution

Mehrfach hatten die beiden Verteidiger in den vergangenen Monaten immer wieder angedeutet, das B. sich zur Sache äußern wolle. Immer wieder bleibt es bei Ankündigungen. Dass die Hauptangeklagte ihr Schweigen nun bricht, dürfte auch damit zusammenhängen, dass der Prozess langsam auf die Zielgerade einbiegt.

Seit Mai 2019 beschäftigt sich die 5. Große Strafkammer unter dem Vorsitzenden Andreas Weiß mit diesem Verfahren, dessen Aktenberg inzwischen über 6000 Seiten umfasst. Insgesamt sind es 300 Fälle, darunter Menschenhandel, Einschleusung, Zwangsprostitution, Ausbeutung.

"Ladyboys" wurden nach Deutschland geschleust

Kathrin Rudelt von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt und ihr Hanauer Kollege Tobias Wolff haben alle Vorwürfe auf den 228 Seiten der Anklageschrift zusammengefasst. Die Beweislast ist erdrückend: Mehrere Opfer, da- runter vor allem Transsexuelle („Ladyboys“) haben ausgesagt, wie sie von Thailand aus mit erschlichenen Schengen-Visa nach Deutschland geschleust wurden und dort angebliche Schulden abarbeiten mussten.

Bis Ende 2019 hat die Strafkammer zahlreiche Beamte der Bundespolizei vernommen, die an dem Großverfahren und der Razzia im April 2018 beteiligt waren – tiefe Einblicke in die Abläufe des illegalen Rotlichtmilieus. Ebenso berichteten die Beamten der Hanauer „Sitte“, dass sie bereits zuvor im Bordell an der Wilhelm-Röntgen-Straße in Dörnigheim auf Unregelmäßigkeiten, illegale Prostituierte und „Verstecke“ gestoßen sind. Ihre Erkenntnisse waren einer der Auslöser für die deutschlandweiten Ermittlungen.

Wirtschaftsstrafen in Millionenhöhe verhandelt

Seit dem Jahreswechsel „dümpelte“ das Großverfahren vor sich hin. Einige Verhandlungstage fielen krankheitsbedingt aus. Ansonsten konzentrieren sich die Beteiligten derzeit auf die Wirtschaftsstraftaten, die ebenfalls angeklagt sind: Hinterziehung von Sozialbeiträgen, Gewerbe- und Umsatzsteuer in Höhe von insgesamt 4,4 Millionen Euro.

So wird an mehreren Tagen recht unspektakulär hin und her gerechnet, wie denn die Zahl der Prostituierten und deren Freier, die Dirnenlöhne zu besteuern gewesen wären. 

Menschenhandel und Zuhälterei: Angeklagte ist vorbestraft

Umso überraschender kommt jetzt, mitten in diese Rechenbeispiele, das Geständnis der 62-jährigen Hauptangeklagten. Denn bei ihr geht es, mit Blick auf das Vorstrafenregister, um sehr viel. „Mae“ hat offenbar seit Mitte der 90er Jahre in Rheinland-Pfalz ihr „System“ aufgebaut.

Wegen schweren Menschenhandels und Zuhälterei ist sie bereits 2001 vom Landgericht Bad Kreuznach bereits zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Dass es um sehr viel Geld geht, weiß die Kammer seit den Aussagen der bei der Razzia in Siegen und Maintal eingesetzten Beamten: In einem Keller entdeckten sie in zwei abgeschlossenen Tiefkühltruhen unter dem Gemüse Plastikbeutel in denen 210 000 Euro in bar feinsäuberlich verpackt waren.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare