Aus dem Gericht

Schreie, Schreckschüsse und Schutzhunde: Filmreifer Ortstermin auf der „Main River Ranch“

Bellen auf Kommando: Polizeihund „Lennox“ sorgt für deutlich hörbares Bellen an der Dörnigheimer Ranch in Maintal nahe Frankfurt.
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Bellen auf Kommando: Polizeihund „Lennox“ sorgt für deutlich hörbares Bellen an der Dörnigheimer Ranch in Maintal nahe Frankfurt.

Der Prozess um den Mord am Ehepaar K. in Maintal nahe Hanau wird neu aufgerollt. Bei einem Ortstermin des Frankfurter Schwurgerichts auf „Main River Ranch“ wird es spektakulär.

Maintal – Ein schwarzer Kastenwagen mit auswärtigem Kennzeichen, in dem zwei Männer mit dunklen Sonnenbrillen sitzen. Sie fahren schnell über den nicht asphaltierten Weg am Rande von Dörnigheim und wirbeln Staub auf. Es ist 9 Uhr, schon sehr heiß. Die Sonne brennt.

Eine Stunde später überschlagen sich die Ereignisse: Von der „Main River Ranch“ ertönen immer wieder Hilferufe und Schreie – Hunde fangen wie wild an zu bellen – schließlich hallen mehrfach Schüsse.

Vor dem Gelände steht weithin sichtbar ein Großaufgebot von Polizeiautos. Zahlreiche Uniformierte und Zivilisten tummeln sich dort. Einige von ihnen halten „Drehbücher“ in Händen. Als „Regisseur“ gibt Volker Kaiser-Klan immer wieder Anweisungen an die Umstehenden und versucht, die Pressefotografen in Schach zu halten. Ein Techniker installiert ein Rundum-Mikrofon, eine rothaarige Frau macht den Eindruck, als wäre sie das Skript-Girl. Alles sieht so aus, als wäre Dörnigheim Drehort eines neuen, großen Filmspektakels mit internationalen Stars.

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Doch das Papier am Eingang der umzäunten Parzelle verrät, dass dies nichts mit Hollywood zu tun hat: Es ist ein Aushang des Frankfurter Schwurgerichts, denn die heruntergekommene Ranch, auf der am 6. Juni 2014 Sigrid und Harry K. getötet worden sind, ist heute zum Gerichtssaal umfunktioniert worden.

So gibt zunächst der Vorsitzende Richter Kaiser-Klan den Ton an. Denn das Gericht ist weiter auf der Suche nach der Wahrheit. Haben Klaus-Peter B. und Claus Pierre B. ihr Vermieterpaar aus Notwehr getötet oder mit Messer und Pistole einen Totschlag oder Mord verübt? Um das herauszufinden, hat die 21. Große Strafkammer, vor der dieser Prozess zum dritten Mal verhandelt wird, diesen Ortstermin angeordnet.

Kurze Pause im Schatten für Polizei und Gericht. Der Vorsitzende Richter eröffnet die Verhandlung unter freiem Himmel in Maintal bei Frankfurt.

Denn die einzige direkte Zeugin des Geschehens hatte im Schwurgerichtssaal ausgesagt, sie habe in den Mittagsstunden des Tattages zwei Schüsse gehört. Vom Liegestuhl des benachbarten Pferdehofs aus. Schreie oder das Gebell der Hunde der K.’s will sie nicht gehört haben: „Dann hätte ich die Schüsse ja in Verbindung gebracht.“

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Konnte die Zeugin Hunde, Schreie und Schüsse dort – etwa 100 Meter entfernt – überhaupt hören? Oder ist etwa die viel befahrende Bundesstraße viel lauter und verschluckt diesen Lärm?

Das will der „Regisseur“ nun genau wissen und vertraut an diesem Tag seinen Hauptdarstellern: den beiden Männern aus dem schwarzen Kastenwagen, bei denen es sich um Waffenexperten des Hessischen Landeskriminalamts handelt, Beamte der Kripo Hanau mit lauten Stimmen sowie „Sky“, „Lennox“, „Ike“ und „Jack“ mit ihren zweibeinigen Kollegen von der Hundestaffel des Polizeipräsidiums Südosthessen

Und so gibt Richter Kaiser-Klan seine Regieanweisungen. „Hilfe, Hilfe, Hilfe!“, brüllt ein männlicher Polizist, gefolgt von „Hilfe, Papa!“ Diese Schreie wollen die beiden Angeklagten angeblich ausgestoßen haben, als das Ehepaar K. sie angegriffen habe. Nach einer Pause stimmt die Beamtin ein und muss laut Drehbuch auch Kraftausdrücke wie „Penner“ benutzen, gefolgt von gellenden Todesschreien. Alles wird aufgezeichnet von dem Mann mit dem Mikrofon – oder versehentlich auch nicht. Dann müssen zwei Passagen noch einmal amtlich geschrien werden.

In Maintal gibt der „Regisseur“ die Anweisungen an die Polizei: der Vorsitzende Richter Volker Kaiser-Klan (rechts) vom Schwurgericht Frankfurt.

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Doch anders als im alt- ehrwürdigen Schwurgerichtssaal des Frankfurter Landgerichts geht heute alles legerer zu: „So, und jetzt bitte den ersten Maintaler Polizeichor“, witzelt der Regisseur mit seiner Entourage – den Richtern und Schöffen. Das Kripopärchen schreit wie am Spieß.

Lockerer geht es auch auf den beiden Seiten zu, die sonst an den schwarzen Roben zu erkennen sind. Die Verteidiger tragen „coole“ Sonnenbrillen und schirmen ihre beiden Mandanten vor den Kameralinsen ab. Auf den ersten Blick gar nicht so ins Bild einer Hauptverhandlung scheint der Vertreter der Nebenkläger zu passen, denn er kommt mit einer Harley Davidson vorgefahren und schützt sich auch danach mit seiner Motorradbrille vor dem gleißenden Sonnenlicht. In einer Pause ist kurz Zeit für einen Biker-Plausch.

Unterdessen sieht Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze, seit sieben Jahren federführend in diesem Fall, die nächsten Punkte des „Drehbuchs“ durch. Jetzt sind die vier Polizeihunde an der Reihe. „Bellen auf Kommando“ heißt die Übung – mal solo, mal im Duett mit den Stimmen der Kripo. Zum Glück haben Hunde, Frauchen und Herrchen den einzig völlig schattigen Platz zugewiesen bekommen. „Lennox“ und Co. hecheln vor sich hin. Die Beamten machen darauf aufmerksam, dass die Tiere nicht überstrapaziert werden dürfen.

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Schwurgericht Frankfurt am Tatort in Maintal: Polizisten schreien

So verlegt „Regisseur“ Kaiser-Klan den Tross auf den benachbarten Pferdehof, wo die Zeugin sich am Tattag aufgehalten haben will. Das Tonprogramm auf der Ranch wird erneut abgespult, hinzukommen Schüsse in kurzer Folge. So wird festgestellt, dass Hundegebell und Schreie dort tatsächlich zu hören gewesen wären. Die Schüsse sowieso. Wie laut liegt an der Bewertung durch das Gericht.

Punkt 12 Uhr ist der Ortstermin vorbei. Am Ende bleiben ein erstaunter Radfahrer am Mainufer, der sich durch die Schüsse irritiert umblickt, sowie heisere Hanauer Kripobeamte und Polizeihunde – und die Sicherheit, dass einige Juristen heute einen Sonnenbrand haben werden. (Thorsten Becker)

Erst vor kurzem wurde der spektakuläre Fall in Maintal neu aufgerollt.

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