Maintal

Thai-Connection: So ging die Polizei bei der Großrazzia vor

Der frühe Beamte bringt den Haftbefehl: Am Morgen des 18. April 2018 hat die Bundespolizei bei einer Großrazzia das Bordell in Dörnigheim durchsucht. Archivfoto: Kai Pfaffenbach

Maintal. Herr S. ist Frühaufsteher. Aber er hat sich für den Bordellbesuch in Dörnigheim eine sehr ungewöhnliche Zeit ausgesucht. Bereits kurz vor 6 Uhr steht er vor dem Gebäude an der Wilhelm-Röntgen-Straße, in der sich das „Thai-Sun“ befindet. Und S., 43 Jahre alt, ist nicht alleine an diesem Tag – Mittwoch, 18. April 2018.

Von Thorsten Becker

Einen „amourösen Besuch“ hat er in diesen frühen Morgenstunden nicht im Sinn. S. will die Prostituierten, die sich in einem der Stockwerke aufhalten, nicht treffen. Er will sie festnehmen.

Größte bundesweite Razzia gegen Rotlichtkriminalität

Aus den Papieren, die er in der Hand hält, wird seine Absicht deutlich: Es sind Haftbefehle und ein richterlicher Durchsuchungsbefehl, denn S. ist Kommandoführer der Bundespolizei und Teil der bislang größten bundesweiten Razzia gegen die organisierte Rotlichtkriminalität.

An diesem Tag ist er der „Chef“ in Maintal, während seine Kollegen an zig anderen Stellen im Bundesgebiet zuschlagen. Alle unabhängig voneinander. Alle zeitgleich. „6 Uhr“ ist vereinbart.

Spezialkräfte überraschen Prostituierte

S. und zahlreiche Kollegen – die genaue Zahl der in Maintal eingesetzten Beamten bleibt taktisches Geheimnis – kommen ungehindert in das mehrstöckige Gebäude. Was zählt, ist der Überraschungseffekt. „Wir hatten Techniker dabei, die haben die Eingangstür geöffnet“, sagt S. vor der 5. Großen Wirtschaftsstrafkammer am Hanauer Landgericht aus. „Beschädigungsfrei“, betont der Einsatzleiter.

Im Maintaler Bordellbetrieb gelingt dem Kommando der Überraschungseffekt. „Die Frauen, die ich gesehen habe, waren müde und sichtlich überrascht“, berichtet S., der schnell an die Zentrale der Bundespolizei melden kann: „Alles sicher!“ Der Rest ist für ihn Routine: Durchsuchungsbefehl und Haftbefehl werden von einer Staatsanwältin verkündet. Das war's –Auftrag erledigt.

Bargeld und Handys gesichert

Seine 37-jährige Kollegin hat dagegen mehr Arbeit vor sich. Sie gehört zu den Ersten, die das Bordell betritt. „Eine der Damen haben wir noch im Schlaf überrascht“, sagt sie als Zeugin aus. Zusammen mit einem großen Team durchsucht sie alle Räume, beschlagnahmt und asserviert alles, was weitere Informationen in diesem Mammutverfahren bringen kann, das im Prozess vor dem Hanauer Landgericht über 6000 Aktenseiten umfasst.

Neben Computern, Handys und Speichermedien findet sie, in einem Schlafzimmerschrank versteckt, 6800 Euro. Wem das Geld gehört? Die noch schlaftrunkenen Damen wissen angeblich von nichts.

Mammutprozess: Bereits 31 Verhandlungstage

Es ist eine vergleichsweise kleine Summe, die an diesem Tag sichergestellt wird, doch sie deutet darauf hin, dass es bei der „Thai-Connection“, deren fünf mutmaßliche Köpfe bereits seit 31 Verhandlungstagen auf der Anklagebank sitzen, um sehr viel Geld geht. Denn zeitgleich werden in einem Bordell in Siegen, der „Zentrale“, rund 250 000 Euro gefunden – in einer Tiefkühltruhe.

So reiht sich in diesem Mammutprozess ein Beweis an den anderen. Doch es ist nicht absehbar, wann das Verfahren auf die Zielgerade kommt. Die Strafkammer unter dem Vorsitz von Andreas Weiß hat bis in den April terminiert – und noch viel Arbeit vor sich. Denn neben Menschenhandel, Zwangsprostitution und Ausbeutung in insgesamt 37 Fällen haben Katrin Rudelt von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt und Tobias Wolff von der Staatsanwaltschaft Hanau in ihrer 228 Seiten umfassenden Anklageschrift auch alle finanziellen Aspekte berücksichtigt.

Steuerhinterziehung in über 300 Fällen

So dürfte für die Kammer bald die Kärrnerarbeit beginnen, denn sie muss mehr als 300 Fälle der Steuerhinterziehung sowie Vorenthalten von Sozialabgaben unter die Lupe nehmen. Ende offen. Denn bislang haben nur die beiden Maintaler Bordellbetreiberinnen Aussagen gemacht. Die beiden Hauptangeklagten schweigen.

Quelle: Hanauer Anzeiger

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare