Maintal

Thai-Connection: Weitere Zeugin sagt im Mammutprozess aus

Maintal. Der Mammutprozess um die sogenannte "Thai-Connection" geht weiter und eine weitere Zeugin sagt aus. Es geht um Menschenhandel, Zwangsprostitution und Steuerhinterziehung.

Von Rainer Habermann

„Cherry“ ist eine bildhübsche Frau von 26 Jahren, jedenfalls bevorzugt sie die weibliche Anredeform. In Wirklichkeit gehört Cherry – so lautet ihr Künstler- oder Arbeitsname, je nachdem, wie man das sehen will – gendermäßig zur Gruppe transsexueller Menschen, in Thailand, dem Land aus dem sie stammt, „Kathoey“ genannt.

Am Donnerstag sitzt sie auf dem Zeugenstuhl des Hanauer Landgerichts, wo die Wirtschaftsstrafkammer unter Vorsitz von Landgerichtsvizepräsident und Richter Andreas Weiß den Mammutprozess gegen die sogenannte „Thai-Connection“ führt: fünf thailändische und deutsche Staatsangehörige, denen die Generalstaatsanwaltschaft unter anderem Menschenhandel, Zwangsprostitution und Steuerhinterziehung in mehrfacher Millionenhöhe vorwirft.

Angst um die Familie

Cherry gehört zu den relativ wenigen und daher bei manchem Freiertypus umso beliebteren thailändischen Transgender, die in deutschen Bordellen arbeiten. Zurzeit befindet sie sich in einem Zeugenschutzprogramm, Fragen nach ihrem derzeitigen Aufenthaltsort, den ihr der Verteidiger eines der Angeklagten, Rechtsanwalt Hans-Peter Schmitt, entlocken will, lässt sie ihre Dolmetscherin deshalb nicht beantworten. „Aus Sicherheitsgründen“, übersetzt sie. „Ich habe immer noch Angst, dass mir oder meiner Familie in Thailand etwas zustoßen könnte.“

In ihrer asiatischen Heimat war Cherry mal Verkäuferin in einem Supermarkt. Ihre Eltern, erzählt sie, haben Schulden, das Geld, das sie auf dem Feld und später auf dem Bau verdienten, reichte nie zum Leben.

Cherry kam Ende 2016 in Deutschland an

„In Thailand müssen die größeren Kinder ihre Eltern unterstützen, es gibt kein richtiges Sozialsystem“, beschreibt die heute 26-Jährige die Hintergründe für ihren Flug zunächst in die Türkei und dann nach Deutschland.

Im November 2016 reist Cherry ein, landet auf dem Flughafen Hannover. Und hat jetzt selbst Schulden: 18 000 Euro für ein tschechisches Touristenvisum und den Flug. Diesen Betrag muss sie ab jetzt „abarbeiten“, erzählt sie. Und wo geht das schnell? In einem „normalen“ Massagesalon mit „Thai-Massage“, den Cherry eigentlich erwartet habe? Das kann man glauben oder auch nicht.

Schulden nahmen zu

Jedenfalls ist der Visumkauf ebenso wie der Flug organisiert. Plötzlich aber verdoppeln sich die Schulden. Weil sie kurze Zeit später angeblich an zwei „Chefinnen“, sprich mutmaßliche Bordellbetreiberinnen, löhnen müsse. An die Hauptangeklagte im Prozess, genannt „Mae“ (thailändisch für Mutter), eine 62-jährige Thailänderin aus Siegen, was aber wohl nur ihr letzter Wohnsitz war, als sie im Rahmen einer bundesweiten Großrazzia am 18. April 2018 verhaftet wurde. Und an eine „Bi“, die in Hanau nicht auf der Anklagebank sitzt.

Somit hatte Cherry angeblich insgesamt rund 40 000 Euro Schulden: nämlich zweimal 18 000 Euro plus 1500 Euro, die in drei monatlichen Tranchen zu je 500 Euro direkt von der Chefin auf ein thailändisches Konto für Cherrys Familie überwiesen worden wären. Drei Tranchen deshalb, weil die Kathoey angeblich nur drei Monate brauchte, um ihre gesamten Schulden bei Mae und Bi zurückzuzahlen respektive abzuarbeiten.

Befragung dauerte mehrere Stunden

Ach ja: und 20 Euro pro Freier „für die Steuern“, welche die Schulden auch erhöhten. Sieben bis acht solcher „Kunden“ habe sie täglich gehabt, sieben Tage die Woche, 24 Stunden „Bereitschaft“. In Bordellen in Hannover, in Siegen, in Speyer. Raus durfte sie angeblich nicht, saß in einem Kellerloch, das gleichzeitig Arbeits- und Schlafzimmer war, wurde mit Lebensmitteln versorgt von einem Mann: angeblich einem der Angeklagten, dem Ehemann, dem 65-jährigen Siegener M.

Danach war Cherry „frei“, durfte rund die Hälfte ihrer Honorare behalten. Die andere Hälfte ging für Hausmieten und sonstige Abgaben drauf; aber das ist eine andere Geschichte, bei der es jedoch auch um rund 80 000 Euro geht, wie Cherry grob schildert; mit Prostitution verdient innerhalb weniger Monate. Jene Einzelheiten, welche die Kammer interessieren und für deren Klärung das Gericht allein am Donnerstag und mit dieser Zeugin mehr als sechs Stunden benötigt, drehen sich ausschließlich um die mutmaßlichen Bordelle der fünf Angeklagten.

„Drei bis vier, höchstens aber acht bis neun Freier“

Wie denn die Preise so gewesen seien, fragt Richter Weiß. Cherrys Antworten machen die Dimensionen klar – die menschlichen wie die pekuniären, um die sich dieser Prozess dreht. Allein im Hannoveraner und Siegener Bordell, wo die Kathoey mit einem zweiten thailändischen Transgender drei Monate lang gearbeitet habe, seien neben den beiden im Keller auf weiteren Etagen je zehn bis elf rein weibliche Prostituierte tätig gewesen, dazu jeweils drei bis vier „Hausdamen“ in Schichten, welche die Kunden in Empfang genommen, auf die Prostituierten verteilt und außerdem per Videokameras aufgepasst hätten, dass keine Polizei auftauchte.

„Drei bis vier, höchstens aber acht bis neun Freier“ hätte Cherry pro Tag gehabt. Die Tarife: eine „schnelle Nummer“ von 20 Minuten kostete den Freier 50 Euro, eine halbe Stunde je nach gewünschten sexuellen Praktiken – auch ohne Kondom – 80 bis 100 Euro. Eine Stunde „all inclusive“, also mit wirklich allen möglichen, favorisierten Sex-Arten und Abarten schlug mit 130 bis 150 Euro zu Buche.

„'Für 80 Euro machst Du alles, Kind'“

Cherry durfte nichts ablehnen. „Das war teilweise sehr beschämend und erniedrigend, ich wurde von Freiern auch geschlagen. Aber ich hatte Angst vor Bestrafung durch Mae. Sie sagte: „'Für 80 Euro machst Du alles, Kind'“, schildert die Kathoey.

Die aber schon weiß, warum sie solche Praktiken erduldet hatte und wohl heute noch erduldet. „In Thailand habe ich im Supermarkt 9000 Bath (rund 260 Euro) im Monat verdient. Kathoeys sind in Thailand nicht besonders angesehen.“ Der Prozess wird am Montag, 22. Juli, um 9.15 Uhr im Saal A216 des Hanauer Landgerichts fortgesetzt.

Der FallJuni 2016: Die Hanauer Kripo stößt in Maintal auf ein bundesweit agierendes Netzwerk im illegalen Rotlichtmilieu.21. Februar 2017: Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt übernimmt den Fall.18. April 2018: Bei einer bundesweiten Razzia werden 62 Bordelle, Wohnungen und Büros durchsucht und sieben Verdächtige festgenommen.21. Mai 2019: Vor dem Landgericht Hanau beginnt der Prozess gegen die fünf mutmaßlichen Köpfe der „Thai-Connection“; die Angeklagten schweigen zu den Vorwürfen.13. bis 27. Juni: Die erste Zeugin wird vernommen.18. Juli: Die zweite Zeugin wird vernommen und belastet die Angeklagten schwer.Der Prozess wird am Montag, 22. Juli, um 9.15 Uhr vor dem Landgericht fortgesetzt. thb

Quelle: Hanauer Anzeiger

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare