INTERVIEW

Wassermelonen in Maintal: Ludwig Stein über den Klimawandel und die Folgen für Landwirte

Landwirtschaft im Wandel: Ludwig Stein aus Wachenbuchen beschäftigt sich mit den Folgen des Klimawandels für Landwirte und sieht in der Zukunft einige Herausforderungen.
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Landwirtschaft im Wandel: Ludwig Stein aus Wachenbuchen beschäftigt sich mit den Folgen des Klimawandels für Landwirte und sieht in der Zukunft einige Herausforderungen.

Maintal – Heiß und trocken, so lautet das bisherige Fazit des Deutschen Wetterdienstes über den Sommer 2020. Auch wenn die langen Hitzewellen der vergangenen beiden Rekordsommer ausgeblieben sind, leidet der Ackerbau unter der Trockenheit, wie Landwirt Ludwig Stein aus Wachenbuchen berichtet.

Herr Stein, wie macht sich der Klimawandel in Ihrem Betrieb bemerkbar?
Wir Bauern arbeiten und leben seit jeher nicht gegen die Natur, sondern mit ihr. Wetter, Sonne wie Regen, gehört zu unserem Lebenszyklus. Ich habe den landwirtschaftlichen Betrieb meines Vaters hier in Wachenbuchen 1955 im Alter von 18 Jahren übernommen. Den Berghof gibt es seit 1968. Damals war der Klimawandel noch kein Thema, obwohl es schon erste Ansätze gab. 1959 war zum Beispiel ein Trockenjahr. Das hat man halt so hingenommen, und im nächsten Jahr war es wieder vergessen. Starkregen gab es nicht in dieser intensiven Form mit solch hohen Niederschlägen. Das Wetter hat heute im Vergleich zu damals in seinen Extremen zugenommen.
Worin sehen Sie die Ursachen dieser Entwicklung?
Eine einseitige Schuldzuweisung an uns Landwirte halte ich für falsch. Die Landwirtschaft hat eine Teilschuld an der Klimaerwärmung durch die viel diskutierte Viehhaltung und den Ausstoß von Methan, der das Klima und die Ozonwerte beeinflusst. Die Frage ist, wie man heute eine moderne Landwirtschaft ohne die sogenannte Massentierhaltung betreiben und trotzdem damit seine Familie ernähren kann. Veränderungen wie tiergerechte Ställe dauern Jahre und lassen sich nicht von heute auf morgen umsetzen. Ich hatte selbst früher Kühe, bin dann hier oben zur Bullenzucht übergegangen und habe mich mit einigen Kollegen schließlich auf die französische Mastrasse Charolais spezialisiert. Der Export nach Italien war bis zur Euro-Einführung sehr lukrativ. Mein Sohn hat die Viehzucht dann vollständig vor rund 15 Jahren aufgegeben und konzentriert sich auf den reinen Ackerbau: Zuckerrüben, Mais, Raps und Getreide. Dabei legen wir darauf Wert, dass alles, was über der Erde wächst, dem Acker im Herbst im Sinne eines organischen Kreislaufs zurückgegeben wird.
Wie macht sich der Klimawandel im Ackerbau bemerkbar?
In Form extremer Trockenheit, in den vergangenen zwei, drei Jahren mit deutlich steigender Tendenz. Die Früchte, die wir anbauen, haben alle einen entsprechenden Regen- und Wasserbedarf, der durch die Niederschläge nicht mehr gedeckt wird. Ich messe den Regen selbst und stelle fest, es regnet immer weniger und meist nicht in der Vegetationszeit, in der wir Regen brauchen. In diesem Jahr haben wir beispielsweise zwei Generationen Zuckerrüben. Die Voraussetzungen für die Aussaat Ende März waren gut, dann blieb allerdings der Regen aus. Eine Hälfte der Rüben ist erst Anfang Mai aufgelaufen. In dieser zweiten Generation rechne ich nur mit einem Ertrag von 50 bis 60 Prozent, weil die Wachstumszeit fehlt. Die Getreideernte ist in diesem Jahr noch glimpflich davongekommen. Aber Zuckerrüben und Mais leiden sehr stark unter dem Wassermangel.
Wie wird sich das langfristig auswirken?
In 20 Jahren, so meine Hypothese, pflanzen wir hier vielleicht Wassermelonen statt Zuckerrüben an. Wir müssen mehr trockenresistente Züchtung betreiben, aber auch das dauert viele, viele Jahre, bis eine Sorte so gezüchtet ist, dass sie in der Praxis einsetzbar ist. Dann gibt es vielleicht auch Soja, das hier wächst, und wir müssen keins mehr importieren.
Wie können Sie als Landwirt gegensteuern?
Indem wir Ackerflächen nicht durchgängig bewirtschaften, sondern Teilflächen dem Naturschutz zur Verfügung stellen, solange durch die Ausgleichsflächen keine Hindernisse für die Bewirtschaftung entstehen. Das wird hier allerdings oft mit zu wenig Augenmaß entschieden. Wir Landwirte sollten Mitspracherecht haben.
Inwiefern ist die Ökolandwirtschaft eine vielversprechende Alternative?
Ökolandwirtschaft ist eine Nische, die die Ernährung der Bevölkerung heute und in Zukunft nicht sicherstellen kann. Ohne Pflanzenschutzmittel geht es zum Beispiel nicht. Die fehlenden Kapazitäten nutzen Anbieter aus China und Russland aus, die Rohstoffe zu wesentlich niedrigeren Preisen einführen als wir sie produzieren können.

Das Gespräch führte Bettina Merkelbach.

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