Prozesse

Frau S. hört die tödlichen Schüsse am Mainufer

Seit sieben Jahren ungeklärt: Der Tod des Ehepaars K. in Dörnigheim beschäftigt jetzt das Schwurgericht Frankfurt.
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Seit sieben Jahren ungeklärt: Der Tod des Ehepaars K. in Maintal-Dörnigheim beschäftigt jetzt das Schwurgericht Frankfurt.

Volker Kaiser-Klan, der Vorsitzende des Frankfurter Schwurgerichts, entlässt Frau S. nach rund einer Stunde aus dem Zeugenstand: „Wir hoffen, das war das letzte Mal, dass sie vernommen worden sind.“ Das hofft die 57-jährige Maintalerin ebenfalls und ist erleichtert, dass sie bald nicht auch noch zum erneuten Ortstermin an das Dörnigheimer Mainufer kommen muss.

Hanau/Frankfurt - An alles, was sich am 6. Juni 2014 zwischen Höllsee, Braubach und Main abgespielt hat, kann sich Frau S. nicht mehr im Detail erinnern. „Wir wissen, dass das schwer ist nach sieben Jahren“, zeigt auch Kaiser-Klan Verständnis für die einzige direkte Zeugin der Bluttat auf der „Main River Ranch“. Unstrittig ist, dass an diesem sommerlichen Tag Harry und Sieglinde K. durch Messerstiche und Schüsse ums Leben gekommen sind. Unstrittig ist auch, dass Claus Pierre B. (36) und Klaus-Dieter B. (66) die Kontrahenten gewesen sind. Sie selbst hatten sich der Polizei offenbart und die Beamten – die monatelang vergeblich nach dem vermissten Paar gesucht hatten – zum Fundort der Leichen geführt haben.

Totes Ehepaar in Maintal: War es Mord, Totschlag oder Notwehr?

Höchst umstritten ist jedoch nach sieben Jahren: War es Mord und Totschlag, wie der Hanauer Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze es angeklagt hat? Oder war es Notwehr, wie die Verteidigung es sieht, weil Vater und Sohn von ihren „Vermietern“ angegriffen worden sein sollen. Nachdem der Bundesgerichtshof zwei Freisprüche des Landgerichts Hanau kassiert hatte, muss nun das Schwurgericht Frankfurt den Fall unter die Lupe nehmen (wir berichteten).

Für Frau S. ist es ebenfalls die dritte Aussage vor Gericht. Und der Vorsitzende Richter will es genau wissen. Er stellt die einzige direkte Zeugin des Geschehens auf die Probe, will prüfen, ob sich Erinnerungen mit Hörensagen nach so langer Zeit vermischt haben. Doch die Aussagen von S. sind klar und deutlich. Sie unterscheidet sehr präzise. An Details, was sich an diesem Tag noch so alles ereignet hat – ob und wann sie ihre Tochter von der Schule abgeholt hat – kann sie nicht mehr genau sagen. „Herr Richter, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“

Zeugin: „Es waren definitiv zwei Schüsse“

Aber das eigentliche Geschehen hat sie noch vor Augen. Denn Frau S. ist wohl die letzte Zeugin, die Sieglinde K. lebend gesehen hat. „Sie ist mit ihrem Hund am Mainufer Gassi gegangen. Da bin ich mir sicher. Ich habe sie gesehen.“ Nach der Arbeit auf dem benachbarten Pferdehof habe sie sich dann in einen Liegestuhl gelegt. „Ich habe in der Sonne gelegen . . . dann hat es plötzlich zweimal geknallt.“ Ob es ein anders Geräusch gewesen sein könnte, vielleicht zwei Autotüren? Auch diese Nachfrage des Vorsitzenden beantwortet Frau S. eindeutig: „Es waren definitiv zwei Schüsse.“ Sie selbst habe schon einmal in den USA eine Waffe abgefeuert, kenne zudem Mitglieder in Schützenvereinen.

Vor und nach den beiden Schüssen habe es jedoch keinerlei andere Geräusche gegeben. Hundegebell? Nein, die beiden Hunde des Ehepaars K. habe sie gekannt. Die Vierbeiner habe sie nicht gehört. Laute Schreie, Wortgefechte? „Nein, da war nichts. Hätte ich Schreie oder Hilferufe gehört, dann hätte ich die Schüsse ja in Verbindung gebracht und etwas unternommen“, sagt S. aus. Das klingt plausibel.

Den Zusammenhang erahnt die 57-Jährige erst am Abend, als die Tochter der Ks. ihre Eltern sucht. Ihr, und kurze Zeit später auch der Polizei, berichtet sie von den beiden Schüssen, die in kurzer Reihenfolge abgegeben worden seien. In den Wochen danach ist das Ehepaar wie vom Erdboden verschluckt. Die Polizei sucht die Main River Ranch ab, die nähere Umgebung, sogar den Main. Die Vermutung von Frau S. wird zwar für möglich gehalten, aber es gibt Zweifel in ihrem Bekanntenkreis. „Viele haben mich für plem-plem gehalten – aber ich habe die Schüsse gehört“, bleibt S. standhaft.

Leichen werden erst Monate später entdeckt

Sie sollte recht behalten, dass sie die einzige Ohrenzeugin des grausigen Geschehens geworden ist. Die beiden Leichen, die unter einem Misthaufen versteckt sind, werden erst im Oktober 2014 entdeckt, als sich Klaus-Peter B. den Ermittlern offenbart. Harry K. wurde erstochen, seine Frau aus nächster Nähe erschossen. Die Aussage von Frau S. ist in dieser dritten Auflage des Schwurgerichtsprozesses besonders wichtig. Denn Klaus-Peter K. hat auf Anraten seiner Verteidiger bislang geschwiegen. In den beiden Verhandlungen zuvor hatte er jedoch Angaben gemacht und sich verteidigt. Er und sein Sohn seien vom Ehepaar K. angegriffen worden. Es habe eine lautstarke Auseinandersetzung gegeben. Dabei habe Harry K. seinen Sohn angegriffen, der sich mit einem Messer zur Wehr gesetzt habe. Sieglinde K. habe sich dann mit einem Beil auf Claus-Pierre gestürzt, behauptete der 66-Jährige, der dann in Nothilfe geschossen haben will, um seinen Sohn zu retten.

Oberstaatsanwalt Heinze sieht das in seiner Anklage ganz anders: Der Sohn habe einen Totschlag begangen. Sieglinde K. sei dann aber ermordet worden, um das vorherige Verbrechen zu vertuschen. Hintergrund seien Streitigkeiten um die Pacht von rund 450 Euro. Heinze hatte in den beiden Prozessen zuvor lebenslange Haft für den Vater sowie siebeneinhalb Jahre Haft für den Sohn gefordert.

So wird es nun auf die Richter des Frankfurter Schwurgerichts ankommen, wem sie am Ende Glauben schenken. Inzwischen sind bereits zehn Verhandlungstage vergangen und das Gericht legt eine knapp dreiwöchige Pause ein. Der Mammutprozess, der bis in den September hinein terminiert ist, wird Mitte Juni fortgesetzt. (Von Thorsten Becker)

Wie berichteten bereits über den Prozessauftakt am Landgericht Frankfurt zum Fall des getöteten Ehepaars aus Maintal.

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