Ärztemangel auf dem Land

Arzt in Neuberg geht in Ruhestand - Verzweifelte Suche nach Nachfolger

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Dr. Hartmut Stein will seine Hausarztpraxis nach 28 Jahren aufgeben. Bisher hat er vergeblich nach einem Nachfolger gesucht.

In Neuberg (Main-Kinzig-Kreis) geht ein Hausarzt in den Ruhestand. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Politik und Patienten sind in Sorge.

  • Nach fast 30 Jahren geht ein Arzt in Neuberg in den Ruhestand
  • Ein Nachfolger ist nicht in Sicht
  • Die Patienten sind in großer Sorge

Neuberg – Seit 28 Jahren sorgt er sich um die Gesundheit seiner Patienten in Neuberg. Doch am Ende dieses Jahres soll Schluss sein. Dr. Hartmut Stein will in den Ruhestand gehen. Einen Nachfolger für seine Praxis an der Limesstraße in Rüdigheim hat er bisher noch nicht gefunden.

Arzt in Neuberg gibt Praxis auf:  Konzentrationsfähigkeit nimmt ab

„Ich merke einfach, dass ich mit zunehmendem Alter nicht mehr die Leistungen erbringen kann, die von mir als Hausarzt gefordert werden“, sagt der 64-Jährige. Die Konzentrationsfähigkeit lasse nach, die Vergesslichkeit nehme zu.

„Deshalb ist es besser, aufzuhören. Ich habe schließlich eine große Verantwortung gegenüber meinen Patienten“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Bürger in Neuberg fürchten um ärztliche Versorgung

Bereits im April hat Stein seinen Neuberger Kollegen Dr. Peter Rüdiger Tippe über seinen Entschluss unterrichtet. Und auch Bürgermeisterin Iris Schröder und nicht zuletzt seine drei Mitarbeiterinnen, die alle aus Neuberg stammen, zog er ins Vertrauen.

Jetzt, findet er, sei es auch an der Zeit, seine Patienten zu informieren. In der vergangenen Woche war die bevorstehende Schließung der Praxis auch schon ein viel diskutiertes Thema in den sozialen Netzwerken. Viele Bürger fürchten nun um die ärztliche Versorgung in ihrem Heimatort. 

Praxis in Neuberg schließt: 1000 Patienten brauchen neuen Arzt

Vor allem unter den älteren und weniger mobilen Neubergern hat die Nachricht für Unruhe gesorgt. Ravolzhausen und Rüdigheim, wo es kaum noch Geschäfte gibt, würden immer mehr zu einer Servicewüste.

Rund 1000 Patienten behandelt Stein in jedem Quartal. Die müssen sich jetzt alle nach einem anderen Arzt umsehen. Die Chancen, einen Mediziner zu finden, sind jedoch gering.

Ärzte im ländlichen Raum nehmen kaum neue Patienten an

Steins Neuberger Kollege Tippe, mit dem der Rüdigheimer gut und vertrauensvoll zusammenarbeitet, ist bereits jetzt voll und ganz ausgelastet. Und auch in den benachbarten Kommunen nehmen die Kollegen kaum mehr neue Patienten an.

„Jeder weiß, wie die Situation auf dem Land aussieht“, sagt Stein, während er auf dem Bildschirm seines Computers die Seite der Kassenärztlichen Vereinigung anklickt. Dort findet sich so etwas wie die Arbeitsmarktbörse für Ärzte.

Im Main-Kinzig-Kreis werden derzeit neun Hausarztpraxen zur Übernahme angeboten. Auf der anderen Seite gibt es nur ein Stellengesuch einer Medizinerin. „Wahrscheinlich nur ein Fake, damit ein wenig Bewegung auf die Seite kommt“, glaubt Stein.

Arzt aus Neuberg sucht seit zwei Jahren einen Nachfolger

Seit zwei Jahren versucht er bereits, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden, seit anderthalb Jahren hat er eine Anzeige geschaltet. Vergeblich. Zweimal gab es Interessenten. Aber beide hätten sich letztlich für eine Gemeinschaftspraxis entschieden.

Man finde leider keine Ärzte mehr, die sich auf dem Land selbstständig machen wollen. Es liege sicherlich nicht am Verdienst, der sei auch bei Landärzten nach wie vor gut, sagt Stein. „Doch Stress, wenig Urlaub, lange Arbeitstage – das will keiner mehr.“

Arzt aus Neuberg hat Verständnis für Kollegen

Vor allem für junge Ärztinnen seien Job und Familie auf dem Land kaum vereinbar. Stein kann die jungen Kollegen verstehen. Er selbst war nach seinem Studium zunächst in Wiesbaden und Bensheim als Internist beschäftigt, aber er wollte immer Hausarzt werden, sein eigener Herr sein.

Stein hat es nie bereut, war ein Arzt mit Leidenschaft. Die Zukunft liege jedoch in den sogenannten medizinischen Versorgungszentren, glaubt er. In einigen Kommunen entstehen jetzt solche Arztzentren: Großkrotzenburg und Langenselbold sind nur zwei Beispiele.

Neuberg: Arzt will Hoffnung auf Nachfolger nicht aufgeben

Dort könnten sich die Ärzte auf den Kern ihrer Arbeit konzentrieren. „Die allseits geforderte Digitalisierung des Gesundheitswesens ist für die Älteren unter uns doch eine harte Nuss“, sagt er.

 Die Hoffnung, dass sich bis zum Jahresende vielleicht doch noch jemand findet, will er zwar nicht aufgeben, doch langfristig würden nur andere Strukturen helfen, um die ärztliche Versorgung auf dem Land aufrecht zu halten.

Neuberg: Bürgermeisterin will Anreize für Ärzte setzen

Darüber macht sich auch Bürgermeisterin Iris Schröder Gedanken, wenngleich sie sagt, dass es eigentlich die Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung sei, Alternativen zu finden für das „Auslaufmodell“ Hausarzt.

Man müsse aber auch darüber nachdenken, welche Anreize man als Kommune geben könnte, um Ärzte zu bekommen, etwa die Bereitstellung von Grund und Boden für Investoren, die dann solche Arztzentren im Ort errichteten.

Schröder könnte sich vorstellen, Flächen im neuen Baugebiet Weingartsweide zur Verfügung zu stellen, das gerade zwischen den Ortsteilen Rüdigheim und Ravolzhausen entsteht. Eine kurzfristige Lösung hat aber auch sie nicht parat.

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