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Freispruch im Neuberger Brandstifterprozess

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Von: Holger Weber-Stoppacher

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Großbrand auf dem Luisenhof: Laut Urteil kommt der Angeklagte als Täter nicht infrage, weil er beim Ausbruch des Feuers schon zu Hause gewesen ist.
Großbrand auf dem Luisenhof: Laut Urteil kommt der Angeklagte als Täter nicht infrage, weil er beim Ausbruch des Feuers schon zu Hause gewesen ist. © Holger Weber

Neuberg – Freispruch im Neuberger Brandstifterprozess. Nach vier Verhandlungstagen und der Anhörung von insgesamt 22 Zeugen habe sich der Tatverdacht gegen den 20-jährigen Feuerwehrmann nicht erhärtet, sagte der Vorsitzende des Jugendschöffengerichts in Hanau, Richter Markus Filbert, in seiner Urteilsbegründung. Zuvor hatte die Staatsanwältin Jana Gladeck eine Jugendstrafe von drei Jahren gefordert.

Dem ehemaligen Mitglied der Einsatzabteilung der Neuberger Feuerwehr waren von der Staatsanwaltschaft mindestens vier Brandstiftungen im Zeitraum zwischen dem 18. und 26. April 2020 zur Last gelegt worden.

Serie von Bränden

Neuberg hatte im April des vergangenen Jahres eine Serie von Bränden erlebt, die viele Bürger der beiden Ortsteile in Angst und Schrecken versetzt hatte. Zwischen dem 8. und 26. April mussten die Einsatzkräfte der Ortsteilwehren aus Rüdigheim und Ravolzhausen insgesamt 13-mal ausrücken. Der letzte Brand war zugleich der schwerste. Auf dem Luisenhof wurde eine Lagerhalle mit mehreren hundert Ballen Heu komplett zerstört. Die Pferde im benachbarten Stall konnten nur durch das beherzte Eingreifen der Betreiberfamilie gerettet werden. Der Feuerwehrmann war damals unter dringendem Tatverdacht noch an der Einsatzstelle von der Polizei verhaftet worden.

Daran, dass Brandstiftung für die Serie der Feuer ursächlich war, bestehe kein Zweifel, sagte Richter Filbert. Angesichts der Häufigkeit der Feuer sowie der Aussagen der sachkundigen Zeugen, zu denen unter anderem der stellvertretende Gemeindebrandinspektor sowie der leitende Ermittler der Polizei gehörten, könne man davon ausgehen, dass die Brände in der Gemeinde absichtlich gelegt worden seien.

Griallanzünder Alltagsgegenstand

Nur gebe es keine Beweise dafür, dass der Angeklagte für die Taten verantwortlich sei: weder eindeutige Zeugenaussagen noch Videoaufnahmen oder andere Beweismittel. Weitgehend folgte Richter Filbert in der Urteilsbegründung den Ausführungen des Strafverteidigers Christian Freydank – auch bei der Interpretation des Grillanzünders, von dem die Polizei bei der Hausdurchsuchung am 23. April im Fußraum des Autos sowie in der Jackentasche des Angeklagten Bröckchen gefunden hatte. Grillanzünder seien als Alltagsgegenstände kein stichhaltiger Beweis, so Richter Filbert, der damit der Staatsanwältin widersprach, die in ihrem Plädoyer angeführt hatte, dass es für die Bröckchen im Fußraum keine Erklärung gebe und Grillanzünder eben keine Alltagsgegenstände seien, die man im Auto mitführe.

Richter Filbert berücksichtigte in seiner Begründung auch das Alibi des Angeklagten beim letzten Brand am 26. April. Das Feuer war damals etwa um 4.50 Uhr von einem Mieter auf dem Luisenhof bei der Feuerwehr gemeldet worden. Nach Einschätzung der Feuerwehr habe es etwa 20 bis 30 Minuten gedauert, bis sich der Vollbrand entwickelt habe. Laut Aussage der Mutter, die im Zeugenstand erklärt hatte, sie habe ihren Sohn um 4.22 Uhr in seinem Zimmer wahrgenommen und unter Berücksichtigung, dass zwischen Brandort und dem Zuhause des Angeklagten ein zehnminütiger Fußweg liege, könne er es nicht gewesen sein. Auch seien alle Tatorte in der Brandserie frei zugänglich gewesen. „Dafür brauchte man keine besondere Ortskenntnis“, so Filbert.

Dass der Angeklagte vier Brände selbst gemeldet hätte, sei ebenfalls kein Indiz für seine Täterschaft. „Da waren auch noch andere Melder dabei“, sagte Filbert und widersprach auch hier der Staatsanwältin, die dies als ein Indiz angeführt hatte Auch die Tatsache, dass drei Tage nach der Hausdurchsuchung beim Angeklagten am 23. April das Großfeuer auf dem Luisenhof gelegt wurde, spricht laut Einschätzung des Richters gegen die Täterschaft des Angeklagten.

Keine Interesse am Zündeln

„Das macht überhaupt keinen Sinn, dass er ein Feuer in unmittelbarer Nachbarschaft legt, obwohl er weiß, dass er bereits unter Beobachtung der Polizei steht.“ Nicht zuletzt habe man bei dem Angeklagten auch keine Hinweise im Handy oder im Laptop gefunden. Auch keine verdächtigen Recherchen des 20-Jährigen. Die Zeugenaussagen hätten aufgezeigt, dass bei ihm auch kein Interesse am Zündeln festzustellen gewesen sei.

Sowohl im Plädoyer des Verteidigers als auch in der Urteilsbegründung wurde Kritik an der Ermittlungsarbeit der Polizei laut. Die Aussagen vieler Zeugen seien erstmals im Prozess aufgenommen worden. Darüber hinaus habe es auch bei dem verheerenden Brand auf dem Luisenhof keine Brandgutachten gegeben. Nachträglich seien diese nicht mehr zielführend gewesen, merkte Filbert an.

Freydank warf den ermittelnden Beamten vor, ausschließlich den Fokus auf seinen Mandanten gelegt und alle anderen Ermittlungsrichtungen ausgeschlossen zu haben.

„Es gab Mutmaßungen, massive Unterstellungen und diffamierende Presseberichte. Das ist auch der Grund, warum mein Mandant während des Prozesses geschwiegen hat. Aus Angst, dass ihm das Wort im Mund umgedreht werden könnte“, sagte der Verteidiger.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (Von Holger Weber)

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