Polizist belastet Angeklagten im Neuberger Brandstifter-Prozess

Grillanzünder-Brösel in Fußraum und Jacke

Tatort Luisenhof: Schon vor dem Großbrand war das Elternhaus des Angeklagten von der Polizei durchsucht worden. Archivfoto: Holger Weber
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Tatort Luisenhof: Schon vor dem Großbrand war das Elternhaus des Angeklagten von der Polizei durchsucht worden. Archivfoto: Holger Weber

Neuberg – Im Prozess um die Serie von Brandstiftungen, die im April des vergangenen Jahres Feuerwehr und Bürger in Neuberg in Atem hielt, hat der Leiter der polizeilichen Ermittlungen den 19-jährigen Angeklagten jetzt belastet. Am zweiten Verhandlungstag vor dem Jugendschöffengericht in Hanau berichtete der Beamte, dass man bei einer Hausdurchsuchung Brösel von zwei verschiedenen Grillanzündern sowohl in der Jacke des Angeklagten als auch im Fußraum seines Fahrzeuges gefunden habe.

Dem Feuerwehrmann werden zumindest vier von 13 Bränden zur Last gelegt, die im Zeitraum zwischen dem 8. und 26. April auf Neuberger Gemeindegebiet registriert worden waren. Die Polizei hatte den Angeklagten am 26. April beim Brand auf dem Luisenhof noch während des Feuerwehreinsatzes verhaftet. Das Feuer auf dem Pferdehof war das verheerendste der Serie, bei dem mehrere Hundert Heuballen sowie die gesamte Lagerhalle abgebrannt waren (wir berichteten). Der Schaden betrug rund 400 000 Euro.

Weitere Brände in zeitlicher Nähe

Bei der Frage, ob der Brand an jenem Sonntagmorgen auch der letzte der Serie war, gingen die Ansichten im Saal 19 des Amtsgerichts jedoch auseinander. Laut Einschätzung des leitenden Ermittlers fand die Serie mit der Verhaftung des Angeklagten ein Ende. Dagegen zählte Strafverteidiger Christian Freydank einige weitere Brände in zeitlicher Nähe auf, die mutmaßlich vorsätzlich gelegt und bisher nicht aufgeklärt worden seien – darunter ein ausgebrannter Imbisswagen in Bruchköbel am 15. Mai sowie ein Feuer in einem Altkleidercontainer an der Industriestraße in Langenselbold am 22. Mai. Wie die meisten Brände in Neuberg wurden die Feuer an den besagten Orten im Morgengrauen gemeldet. Ein Täter könne bewusst zwischen der Verhaftung seines Mandanten und weiteren Taten eine Pause eingelegt haben, um den Verdacht auf seinen Mandanten zu lenken, spekulierte Verteidiger Freydank.

Kurios ist: Die polizeiliche Durchsuchung des Elternhauses des Angeklagten fand am 23. April statt, also drei Tage vor dem Großfeuer auf dem Luisenhof. Das wirft eine Frage auf, die bisher im Prozess noch nicht gestellt wurde: Warum sollte der Täter den Hof in Brand stecken, wo er doch spätestens nach der Hausdurchsuchung wusste, dass die Polizei ihn als möglichen Brandstifter bereits auf dem Schirm hatte?

Verdacht verdichtete sich zunehmend

Der Verdacht gegen den jungen Feuerwehrmann habe sich immer mehr verdichtet, erläuterte der Ermittler. Unter anderem sei auffällig gewesen, dass er eine Reihe der Brände selbst gemeldet hatte und immer dabei gewesen sei. Auch deshalb habe man die Hausdurchsuchung beantragt. Die Verhaftung noch während des Brandeinsatzes auf dem Luisenhof war die Folge einer Aussage eines Feuerwehrkameraden, der zusammen mit dem Angeklagten sowie zwei weiblichen Bekannten am Abend zuvor gefeiert hatte. Der junge Mann hatte sich demnach seinem Wehrführer anvertraut und berichtet, dass der Angeklagte nach der Feier im Keller seines Elternhauses zu Fuß nach Hause gegangen sei. Sein Heimweg führte demnach auch am Luisenhof vorbei. Nach den polizeilichen Ermittlungen habe der Angeklagte die Feier zwischen 3.45 und 4 Uhr verlassen, berichtete der leitende Ermittler. Die Alarmierung der Feuerwehr sei um 4.45 Uhr erfolgt. „Dies hat zeitlich ziemlich genau gepasst.“ Deshalb habe man sich zur Festnahme des Verdächtigen entschieden.

„Musste es sein, dass Sie ihn am Einsatzort festnehmen?“, fragte Richter Markus Filbert, vor dem Hintergrund, dass die Eltern des Angeklagten, die kurz zuvor in den Zeugenstand getreten waren, von einer regelrechten Hetzjagd auf ihren Sohn berichtetet hatten. Einige Medien hatten im Netz Bilder von der Festnahme veröffentlicht. Der Beamte räumte auf die Frage des Richters ein, dass die Verhaftung „sicherlich medienwirksam“ und aus polizeitaktischer Sicht ein Fehler gewesen sei. Er selbst sei bei der Festnahme nicht dabei gewesen und habe keinen Einfluss darauf gehabt.

Kein Brandgutachten erstellt

Für keinen einzigen der Brände, die der Serie zugerechnet werden, ist im Übrigen ein Brandgutachten erstellt worden. Er habe keine Brandermittler angefordert, sagte der Polizist auf Nachfrage des Strafverteidigers. „Ich war der Ansicht, dass es reiner Aktionismus gewesen wäre. Durch die Löschwassermengen waren doch alle Spuren beseitigt worden.“

Breiten Raum nahm am zweiten Verhandlungstag auch die Vernehmung der Zeugen ein, mit denen der Angeklagte die Nacht vor dem Brand auf dem Luisenhof verbracht hatte. Demnach wurden in der Kellerbar Whiskey-Cola und Bier getrunken. Alle Zeugen, die sich an Details des Abends kaum noch erinnerten, beschrieben den Angeklagten als „nett, ruhig und hilfsbereit.“ Alkohol habe der Angeklagte nur wenig getrunken. „Wie war er denn, wenn er Alkohol trank?“, wollte Richter Filbert wissen. „Eigentlich so wie immer. Da war keine Veränderung zu bemerken“, so eine der Zeuginnen. Auch an jenem Abend in der Kellerbar sei der Angeklagte ganz normal gewesen.

Der Prozess wird fortgesetzt. (Holger Weber)

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