Michèle Richter im Porträt

Mit 34 repräsentiert sie Neubergs Parlament

Beim Spaziergang über die Neuberger Höhen mit Mischling Ennie: Michèle Richter ist Parlamentspräsidentin in Neuberg, trotz ihrer erst 34 Jahre.
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Beim Spaziergang über die Neuberger Höhen mit Mischling Ennie: Michèle Richter ist Parlamentspräsidentin in Neuberg, trotz ihrer erst 34 Jahre.

Neuberg – Sie ist erst 34 und schon eine der höchsten Repräsentantinnen ihrer Gemeinde. Michèle Richter ist Vorsitzende des Gemeinderats. Weshalb sich die studierte Politologin diese ehrenvolle Aufgabe aufbürdet, erzählt sie im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die letzten Sitzungen in der vergangenen Wahlperiode im Neuberger Gemeindeparlament waren ungewöhnlich ruppig. Es  mögen die bevorstehenden Bürgermeister- und Kommunalwahlen gewesen sein, die zur aufgewühlten Stimmung in dem Gremium beigetragen haben. Mittlerweile nun hat die neue Wahlperiode begonnen. Es gibt ein neues Parlament mit vielen neuen Gesichtern.

Bürgermeisterin Schröder lobt sie für ihre Ruhe und Besonnenheit

Und darüber hinaus ist eine neue Vorsitzende der Gemeindevertretung gewählt worden. Der Verdacht liegt nahe, dass das eine, die Wahl von Michèle Richter, mit dem anderen, der ruppigen Umgangsform im Parlament, etwas zu tun haben könnte. Denn Michèle Richter strahlt das aus, was sich viele für das Parlament in der kleinen Gemeinde wünschen: Ruhe und Besonnenheit. Dieser Wunsch scheint von allen getragen worden zu sein. Denn der Beschluss, die 34-Jährige in dieses Amt zu wählen, fiel einstimmig. Und so hat Neuberg nun eine „First Lady“ an der Spitze seines Parlaments. Das kommt nicht oft vor, denn zumeist sind es Männer im bereits fortgeschrittenen Alter, die den heimischen Parlamenten vorsitzen.

Eigentlich sei sie keine Person, die gerne in der ersten Reihe steht, sondern sie halte sich lieber im Hintergrund, sagt Richter beim coronakonformen Spaziergang oberhalb des Neuberger Sportzentrums. Doch sie sei gleich von mehreren Seiten gefragt worden, ob sie sich dieses Amt nicht zutrauen würde. Das konnte sie durchaus.

Sie ist auch Co-Chefin der SPD in Neuberg

Eine ähnliche, eher defensive Rolle bekleidet sie auch als Co-Vorsitzende im Ortsverband der Sozialdemokraten, dem sie bereits seit 2008 angehört. Dort ist Yasmin Schilling als Fraktionsvorsitzende die Frontfrau, Michèle Richter nimmt dagegen die Rolle der ordnenden Kraft im Hintergrund ein. „Ich bin diejenige, die organisiert und koordiniert“, beschreibt sie ihre Aufgabe innerhalb der Partei.

Auch ihre neue Funktion im Gemeindeparlament hat viel mit Koordination und Organisation zu tun. Sie bereitet gemeinsam mit Bürgermeisterin Iris Schröder (ebenfalls SPD) und ab Juli dann mit deren Nachfolger Jörn Schachtner (SPD) die Tagesordungen für die Parlamentssitzungen vor, sie lädt zu diesen ein und sie leitet die im Schnitt alle zwei Monate stattfindenden Zusammenkünfte der Gemeindevertreter im Neuberger Bürgerhaus. Und wenn es einmal hoch hergeht im Plenum, dann muss sie kraft ihres Amtes darauf achten, dass die Regeln eingehalten werden und der Umgang miteinander respektvoll bleibt. Dann sind die Fähigkeiten einer Moderatorin gefragt.

Ihre Feuerprobe hat sie bereits bestanden

Ihre Feuerprobe hat Michèle Richter bereits bei der konstituierenden Sitzung der Ausschüsse bestanden, die sie nach Meinung von Bürgermeisterin Schröder souverän und in einer „unheimlich sympathischen Art“ geführt habe. „Man merkte, dass sie sehr gut vorbereitet war. Sie hat eine Ausstrahlung, die dem Gremium guttut“, glaubt Schröder. Nicht nur nach Ansicht der scheidenden Verwaltungschefin bringt Richter alles mit, was man für diese Aufgabe braucht: Die studierte Politologin und Soziologin habe das theoretische Grundwissen, aber mit ihrer fünfjährigen Parlamentszugehörigkeit auch ausreichend Praxiserfahrung gesammelt. Hinzu kommt, dass sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Landtagsabgeordneten Christoph Degen (SPD) auch die politischen Abläufe gut kenne. Für Degen recherchiert Richter vor dessen Terminen Themen und erledigt für den Parteifreund, der seit wenigen Wochen ebenso wieder dem Gemeindeparlament angehört, zudem die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Neu ist für Richter allerdings das repräsentative Element, das ihre Rolle als Vorsitzende der Gemeindevertretung mit sich bringt. Sie wird sich als Vertreterin des Parlaments sehen lassen müssen, wenn die Vereinswelt nach der Coronakrise wieder langsam in Fahrt kommt und die ersten Feste und Veranstaltungen stattfinden. Auch das verlangt das Amt. „Das ist mir schon bewusst und darauf freue ich mich auch“, sagt sie. Schließlich erfahre man in den Gesprächen mit den Bürgern ja auch am ehesten, wo diese der Schuh drückt.

Sie ist die Mutter von Marielle und Apolline

Als zweifache Mutter weiß Richter auch, welche Bedürfnisse junge Familien haben. Für die Jugendlichen wünscht sie sich in Neuberg wieder mehr Angebote in Rüdigheim und Ravolzhausen. Die Jugendarbeit sei ziemlich zum Erliegen gekommen. „Wir brauchen ein Jugendzentrum für die beiden Orte.“ Bis ihre eigenen Kinder dort ein- und ausgehen, ist es allerdings noch eine Weile hin. Ihre große Tochter Marielle ist zweieinhalb Jahre und geht in den Kindergarten, die kleine Apolline ist gerade einmal acht Wochen alt und sorgt dafür, dass Richter gerade zu Hause ist und ihre Elternzeit genießen kann. Familie, Job und Politik unter einen Hut zu bringen, wird nicht einfach sein. Doch ihr Partner und auch die Eltern, die in Ravolzhausen gleich im Haus nebenan wohnen, unterstützen sie bei dieser Aufgabe.

Politik hat schon von klein auf ihr Leben bestimmt. Das Bachelor-Studium in Gießen sei eigentlich eher interessen- denn karrieregeleitet gewesen. Und warum die Sozialdemokratie? „ Weil mich die sozialdemokratischen Grundwerte wie Gerechtigkeit und Solidarität schon von jeher angesprochen haben“, sagt sie.(Holger Weber)

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