Konzert und Ausstellung

Abschluss für Nidderauer Reihe zu „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“

„Lieder der Verschollenen“ war der Titel des Gedenk-Konzertes mit Pianist und Komponist Bardo Henning, Sängerin und Schauspielerin Gina Pietsch und Fagottistin Elisabeth Böhm-Christl im Anschluss an die Ausstellungseröffnung.
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„Lieder der Verschollenen“ war der Titel des Gedenk-Konzertes mit Pianist und Komponist Bardo Henning, Sängerin und Schauspielerin Gina Pietsch und Fagottistin Elisabeth Böhm-Christl im Anschluss an die Ausstellungseröffnung.

„Wir sind gern von Berlin mit dem Zug nach Nidderau gekommen, um mit unserem Konzert ihr mutiges und wichtiges Projekt zu unterstützen“, betonte die bekannte Sängerin, Brecht-Interpretin und Schauspielerin Gina Pietsch. Gemeinsam mit Komponist und Pianist Bardo Henning und der Fagottistin und Dozentin Elisabeth Böhm-Christl begrüßte sie 40 Bürger beim Gedenk-Konzert „Lieder der Verschollenen“ in der Kultur- und Sporthalle Heldenbergen. Es bildete den Abschluss des seit August laufenden Projekts „1700 Jahre jüdisches Leben“ in Nidderau.

Nidderau – Zuvor hatten Landrat Thorsten Stolz und Bürgermeister Andreas Bär (beide SPD) die Foto-Collagen-Ausstellung „Nidderauer Stolpersteine gegen das Vergessen“ im Foyer der KuS-Halle eröffnet. Den Musikern, allen Beteiligten wie auch den Fotografen und Schülern der Bertha-von-Suttner-Schule ist es gelungen, jüdischen Familien in Nidderau „ein Gesicht zu geben“, ihre Schicksale und Lebensumstände nachzuzeichnen und so die Opfer des Nazi-Terrors vor dem Vergessen zu retten.

Verbindung zwischen Lokalgeschichte und Weltliteratur

Wie wichtig dies ist, betonte Landrat Stolz mit Blick auf aktuelle Vorkommnisse und Straftaten von Rechtsradikalen. Bürgermeister Bär sagte, dass das Schicksal der jüdischen Bürger Nidderaus und international bekannter Künstler wie Kurt Tucholsky die Verbindung zwischen der Ausstellung mit Lokalgeschichte und dem Konzert mit Werken der Weltliteratur herstelle. In beiden Fällen sei es den Nationalsozialisten nicht gelungen, die Erinnerung an das Schicksal verfolgter und ermordeter jüdischer Mitbürger zu löschen oder ihre Werke, in denen die Kultur weiterlebt, zu vernichten.

„Es geht bei diesem Projekt, dieser Ausstellung und dem Konzert um Menschen und ihre Schicksale. Es geht nicht um Stolpersteine, die von Bürgern poliert werden“, betonte das Stadtoberhaupt. Die Ausstellungstafeln zeigen Fotocollagen der Nidderauer Fotografen Ralf Vollmer und Manfred Ay. Zu sehen sind die von Künstler Gunter Demnig verlegten Stolpersteine vor den Wohnstätten der einstigen Nidderauer jüdischen Familien, historische Aufnahmen der Häuser, ihrer Bewohner und Synagogen.

Sie recherchierten die Schickale verfolgter und ermordeter Juden aus Nidderau und fertigten Plakate für die Ausstellung an: Sam Borck, Marvin Marburger, Religionslehrerin Elisabeth Kretzschmar-Wegner, Jonah Borck und Hannah Lasch.

„Nidderau hatte bereits vor Hanau ein jüdisches Wohngebiet. Hier lebten viele Handwerker“, informierte Organisatorin Julia Huneke vom städtischen Fachdienst Kultur und Vereine. Verlegt wurden in Nidderau an vier Terminen von 2008 bis 2011 bisher 80 Stolpersteine an 26 Verlegestellen wie Politikwissenschaftler Dr. Ralf Grünke informierte. In Heldenbergen wurden 48 Stolpersteine an 16 Orten verlegt, in Ostheim 15 Steine an vier Stellen und in Windecken sind es 17 Stolpersteine an sechs Verlegestellen. „Die Verlegung der Stolpersteine ist das größte Kunstprojekt der Welt. Stolpersteine gibt es inzwischen in 1265 Kommunen in Deutschland sowie in 21 anderen Ländern.“

Grundlage für die Beschäftigung mit jüdischem Leben in Nidderau bildete das Buch „Jüdisches Landleben“ der verstorbenen Nidderauerin Monica Kingreen. Es konnte bei Ausstellungseröffnung erworben werden.

Applaus für einprägsames Konzert

Anfang 2021 beteiligten sich Bertha-Schüler der 9. und 10. Klasse am Projekt. Gemeinsam mit Religionslehrerin Elisabeth Kretzschmar-Wegner sahen sie sich die Stolpersteine an, recherchierten das Schicksal hinter den Namen und Daten und ergänzten diese mit Informationen zum jüdischen Glauben, Brauchtum und Festen. Bei der Eröffnung standen die Schüler Sam Borck, Marvin Marburger, Jonah Borck und Hannah Lasch mit ihrer Lehrerin für Auskünfte zur Verfügung. Zusätzliche Informationen gab es auch zum jüdischen Leben in Bad Vilbel und Hanau.

Beim Konzert „Lieder der Verschollenen“ trug das Trio von Komponist und Pianist Bardo Henning vertonte Gedichte bekannter Schriftsteller vor, die von den Nazis und ihren Vorgängern totgeschwiegen, umgebracht, ausgebürgert oder vertrieben wurden und deren Bücher in den Flammen landeten. Zum Programm gehörten unter anderem Werke von Kurt Tucholsky („Chanson für eine Frankfurterin“ und „Deutschland, erwache“), Joachim Ringelnatz („Die Zeit vergeht“ und „Sie faule verbummelte Schlampe“), Else Lasker-Schüler („Mein blaues Klavier“) oder Berthold Brecht („Klage des Emigranten“). Das Publikum bedankte sich mit anhaltendem Applaus für das einprägsame Konzert.

Öffnungszeiten der Ausstellung

Die Ausstellung in der KuS-Halle Heldenbergen ist wie folgt geöffnet: 9. und 10.11. von 17 bis 19 Uhr; 16.11. von 18 bis 19.30 Uhr; 17.11. von 17 bis 19 Uhr; 18. und 19.11. von 17 bis 19 Uhr; 20. und 21.11. von 14 bis 16 Uhr. Infos unter Kulturverwaltung @nidderau.de, Telefon 06187 299109 und im Internet. (Christine Fauerbach)

» nidderau.de/Veranstaltungskalender

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