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Ein Schuh für die Kuh: Wie eine Nidderauer Firma den Weltmarkt im Bereich Milchvieh erobert

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Von: Jan-Otto Weber

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Klauen-Check: Mit Hilfe einer Schablone von Demotec können Landwirte und Tierärzte die Klaue messen und im richtigen Winkel beschneiden, damit es gar nicht erst zu Fehlhaltungen und Entzündungen am Huf kommt.
Klauen-Check: Mit Hilfe einer Schablone von Demotec können Landwirte und Tierärzte die Klaue messen und im richtigen Winkel beschneiden, damit es gar nicht erst zu Fehlhaltungen und Entzündungen am Huf kommt. © Axel Häsler

Die Nidderauer Firma Demotec verblüfft mit ihrem weltweit erfolgreichen Geschäftsmodell: Sie fertig Schuhe für Kühe. Damit wird nicht nur den Tieren geholfen, sondern auch den Landwirten.

Nidderau - Klötzchen und Kleber? Hört sich eher nach Bastelecke statt Hightech an. Doch genau nach diesem Prinzip funktionieren die Prothesen für Rinderhufen, die die Nidderauer Firma Demotec für ihre Kunden in 70 Ländern der Erde herstellt und vertreibt.

Nach Viehweide oder Kuhstall sieht es an der Brentanostraße in Heldenbergen nicht gerade aus. Im Gegenteil: Das Wohnviertel des Nidderauer Stadtteils ist überwiegend geprägt von ansehnlichen Einfamilienhäusern. Nichts deutet darauf hin, dass hier der Sitz eines Unternehmens zu finden ist, das bei Landwirten und Tierärzten weltweit für seine Produkte zur Behandlung von Rinderhufen bekannt ist.

Unternehmen setzt auf Selbstheilungskräfte der Tiere - und spart Landwirten so bares Geld

„Zehn bis 15 Prozent der Tiere eines Betriebs haben im Jahr Probleme mit den Hufen“, erklärt Geschäftsführer Alexander Demel. „Die Kühe nehmen eine Schonhaltung ein und lahmen. Mithilfe unserer Produkte wird die kranke Klaue entlastet, wodurch das Tier wieder beschwerdefrei laufen kann. Es frisst und trinkt normal, und nach etwa drei Wochen ist der Huf durch die Selbstheilungskräfte wieder gesundet.“

Im Jahr 2020 nahm die Firma Demotec im Gebwerbegebiet „Am Lindenbäumchen“ in Heldenbergen ihre 1500 Quadratmeter große Lagerhalle in Betrieb. Von hier aus findet der weltweite Versand statt.
Im Jahr 2020 nahm die Firma Demotec im Gebwerbegebiet „Am Lindenbäumchen“ in Heldenbergen ihre 1500 Quadratmeter große Lagerhalle in Betrieb. Von hier aus findet der weltweite Versand statt. © Axel Haesler

Zur Demonstration hat der 44-jährige Unternehmer einige Produkte auf dem Besprechungstisch bereitgelegt, darunter sein „ältester Mitarbeiter“, ein etwa 20 Jahre alter echter Huf einer Kuh. Über die gesunde der beiden Klauen wird ein „Schuh“ aus Kunststoff gestülpt und angeklebt. Durch die dicke Sohle des Schuhs ist die kranke Klaue erhöht und hat keinen Bodenkontakt mehr. Ein einfaches Prinzip mit verblüffender Wirkung.

„In den allermeisten Fällen kann der Kuh so geholfen werden“, berichtet Demel. „Tierarztkosten und die Behandlung durch Antibiotika entfallen. Das erspart dem Landwirt 300 bis 400 Euro, denn im Fall einer medikamentösen Behandlung darf er für diesen Zeitraum die belastete Milch der Kuh nicht verkaufen. Die Kosten für eine Anwendung unserer Klötzchen mit Kleber betragen hingegen nur etwa zehn bis zwölf Euro.“

Demotec entstand aus einer Garagengründung im Jahr 1986

Warum solche Prothesen fast ausschließlich bei Milchvieh Anwendung finden, erklärt sich im Übrigen mit der Lebensdauer der Tiere. Während Milchkühe hierzulande im Schnitt etwa fünfeinhalb Jahre alt werden, erreichen Mastrinder, die zur Fleischproduktion gehalten werden, bereits nach etwa 18 Monaten die Schlachtreife.

Auch wenn das Nidderauer Unternehmen Demotec mit seinen Produkten im Segment der Veterinärmedizin weltweit eine Spitzenposition erreicht hat – erfunden hat die Familie Demel diese Art der Klauen-Behandlung nicht. „In früheren Zeiten hat man den Kühen Holzklötze an den Huf genagelt, ähnlich wie beim Beschlagen von Pferden mit Hufeisen. Später verwendete man Kleber. Mein Vater Siegfried Demel hatte einen kaufmännischen Hintergrund und kannte diesen Produktbereich und die entsprechenden Leute. Der Aufbau der Firma 1986 war eine klassische Garagengründung.“

Mit den damals aufkommenden Laufställen sei es immer wichtiger geworden, dass die Tiere sich gut bewegen konnten. In Zusammenarbeit mit Lehr- und Versuchsanstalten wurden die Produkte weiterentwickelt. Alexander Demel half als Schüler ab und zu im väterlichen Betrieb aus und lernte so die Branche kennen. Nach BWL-Studium und Anstellung bei einer Bank kehrte der Sohn 2002 in die Firma zurück. Im Jahr 2013 übernahm er die Geschäftsführung.

Aus einem Heldenbergener Gewerbegebiet in alle Welt

Heute sind im Unternehmen sechs Mitarbeiter im Büro beschäftigt und zwei weitere in der etwa 1500 Quadratmeter großen Lagerhalle, die Demel im Jahr 2020 im Gewerbegebiet „Am Lindenbäumchen“ in Heldenbergen in Betrieb nahm. Hier wird die Ware kommissioniert und in alle Welt versandt. Die Produktion der Prothesen findet bei Partnerunternehmen statt. Auch die Klebstoffe – „Geschwister“ von Plexiglas, die in ähnlicher Form auch als Knochenzemente in der Humanmedizin zum Einsatz kommen – werden im Auftrag von Demotec nach eigener Rezeptur hergestellt. Die nötigen Rohstoffe kaufen die Mitarbeiter von Nidderau aus in einem Feld von bis zu 50 Lieferanten weltweit selbst ein.

„Unsere Hauptlieferanten sitzen in Europa, da sind wir konservativ“, sagt Alexander Demel. „Die Holzklötzchen zum Beispiel kommen aus dem Bayerischen Wald.“ Dennoch hatte auch das Nidderauer Unternehmen während der Corona-Pandemie mit Verfügbarkeitsproblemen und wilden Preisentwicklungen zu kämpfen. Der Betrieb war phasenweise lahmgelegt.

Neue Märkte in Asien versprechen weiteres Wachstumspotenzial

Inzwischen ist die Branche wieder in Gang. Im November fand die Leitmesse Eurotier der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) in Hannover statt, auf der auch Demotec regelmäßig vertreten ist. Der Vertrieb der Produkte erfolgt über den Agrarhandel sowie über den eigenen Online-Shop im Internet. Dabei beschränkt sich der Absatz nicht nur auf Deutschland und Europa. Vor allem die USA, Kanada und Mexiko sind wichtige Märkte. Brasilien und Argentinien hingegen seien eher abgeschottet. Auch der Handel in Großbritannien sei durch den Brexit deutlich komplizierter geworden. Das Russlandgeschäft ist durch den Krieg in der Ukraine gleich ganz weggebrochen. „Aber das schmerzt nicht zu sehr“, sagt Alexander Demel.

Seit einiger Zeit gilt sein Augenmerk auch dem asiatischen Markt, etwa Ländern wie Thailand, Vietnam oder Indonesien. Zwar sei der Konsum von Milchprodukten in Asien nicht so ausgeprägt wie in Europa oder Amerika, dennoch solle man das Potenzial nicht unterschätzen, betont der Geschäftsführer. „Milch wird eigentlich in jeder Großstadt auf der Welt getrunken. Bei nur fünf Prozent an Milchtrinkern zum Beispiel in der Metropolregion Jakarta sprechen wir immerhin von 1,7 Millionen Menschen. Und als Frischeprodukt muss Milch jeweils vor Ort produziert werden.“ Der Schuh für die Kuh aus Nidderau ist also weltweit ein Renner.

Jan-Otto Weber

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