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Erstmals Zeugin über Skype vernommen: Zahlreiche Überraschungen im Prozess um Überfall vor Spielhalle

Pfiffige Idee: Erstmals ist vor dem Hanauer Landgericht eine Zeugin in den Niederlanden über den Videokonferenzdienst Skype vernommen worden. 
Symbolfoto: David Ebner /dpa
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Pfiffige Idee: Erstmals ist vor dem Hanauer Landgericht eine Zeugin in den Niederlanden über den Videokonferenzdienst Skype vernommen worden.

„Das war ein Glückstag. Wir haben am Spielautomaten rund 700 Euro gewonnen“, erinnert sich der 45-jährige K. noch genau an diesen Abend im Oktober vor acht Jahren. Zusammen mit seiner damaligen Freundin ist er an diesem Abend rund zwei Stunden in einem Heldenbergener Spielsalon. Es scheint seine Passion zu sein, die Maschinen mit Münzen zu „füttern“.

Nidderau/Hanau – An diesem Abend ist das Glück auf seiner Seite, die Euros prasseln aus dem Automaten heraus. Den Gewinn will er aber nicht mehr einsetzen. „Ich habe die Münzen umgetauscht“, sagt K. und weiß noch genau, dass er dann 50-Euro-Scheine dafür bekommen hat. 14 an der Zahl.

Es ist schon 0.35 Uhr an diesem 14. Oktober 2012. Zeit zum Gehen. „Wir waren auf dem Weg zu unserem Auto, das nur 20 Meter entfernt gestanden hat“, sagt der Zeuge vor dem Hanauer Landgericht.

Doch dann wird der Glückstag zu einem Horror- szenario. „Plötzlich sind zwei mit Sturmhauben maskierte Männer aufgetaucht und haben uns angegriffen“, berichtet er. Die Angreifer sind mit Vierkanthölzern und einem Messer bewaffnet.

„Ich wollte meine Freundin schützen und beide auf mich ziehen, ich bin zurück zur Tür und habe dagegen gehauen, weil die um diese Uhrzeit nur von innen geöffnet werden kann“, schildert er die ersten Sekunden.

Angreifer sollen deutlich kleiner gewesen sein

K. ist kräftig, fast zwei Meter groß und lässt sich nicht so schnell einschüchtern. Die Angreifer seien „deutlich kleiner“ gewesen. Einem der Maskierten versetzt er einen Faustschlag ins Gesicht. Doch das nutzt nichts. Er bekommt einen Schlag mit dem Holz auf den Kopf und einen Stich in den Oberschenkel. Der Komplize stürzt sich auf die Frau und versucht, ihr die Tasche zu entreißen. Es bleibt beim Versuch. Plötzlich flüchten die beiden Maskierten, steigen in ein Auto und rasen davon.

Das Mysteriöse an diesem Fall: Nur das I-Phone von K. ist verschwunden. Die 700 Euro sind dagegen unangetastet. „Ich habe zunächst gedacht, dass irgendjemand mitbekommen hat, dass wir gewonnen haben und die zwei den Gewinn rauben wollten“, so der Zeuge weiter. Doch für das Geldbündel scheinen sie die Räuber überhaupt nicht zu interessieren.

Es ist nicht die einzige Überraschung in diesem Fall, der vor der 7. Großen Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Niels Höra verhandelt wird. Auf der Anklagebank sitzt der 35-jährige S., dem Staatsanwalt Dr. Oliver Piechaczek schweren Raub sowie gefährliche Körperverletzung vorwirft. S., das ist sein gutes Recht, schweigt zu den Vorwürfen, die schon so lange zurückliegen sollen.

Fahnder nutzen Suchfunktion des Smartphones

Warum das so ist, berichten zwei Kriminalbeamte. Bei der Fahndung nach dem Überfall nutzen die Ermittler die Suchfunktion des Smartphones – und werden fündig. Auf der Flucht haben die Ganoven entlang der Bundesstraße 45 ihre Beute und auch die Tatwerkzeuge offenbar aus dem Fenster geworfen. So fallen den Beamten auch das Vierkantholz sowie zwei Sturmhauben in die Hände – alles wird kriminaltechnisch untersucht und fein säuberlich in der Asservatenkammer verstaut. Denn zunächst gibt es nur vage Hinweise auf die möglichen Täter.

Mehrere Jahre später werden die Asservate dann wieder hervorgeholt, denn es gibt eine heiße Spur. Die liefern die Computer der Ermittlungsbehörden nach einem Datenabgleich: DNA-Spuren an einer der Sturmhauben sollen mit dem genetischen Fingerabdruck von S. übereinstimmen. So kommt es zur Anklage gegen den 35-Jährigen – sein mutmaßlicher Komplize ist derweil noch unbekannt.

Und dann die nächste Überraschung. Der Angeklagte und der Zeuge kennen sich. „Wir haben uns vor acht Jahren das letzte Mal gesehen“, sagt K., der dann einen möglichen Hintergrund für den seltsamen „Überfall“ liefert.

K. hatte sich einen kleinen „Gewinn“ erhofft

So habe er bis 2012 einen Lebensmittelmarkt in Frankfurt betrieben. S., dessen Familie mehrere Märkte besitzt, habe das Haus gekauft und dann über Monate versucht, das Geschäft zu übernehmen.

„Ich hatte das Angebot, dass alle Waren und die komplette Ausstattung des Marktes für rund 100 000 Euro übernommen werden“, so K., der sich insgeheim noch einen kleinen „Gewinn“ erhofft hat.

Doch daraus wird nichts. In mehreren Gesprächen schrumpft das Angebot für die Abstandszahlung auf nur noch 40 000 Euro. Das wäre für K. ein Minusgeschäft. Er weigert sich beharrlich. Nur zwei Tage nach dem „Überfall“ in Nidderau habe er dann massive Drohungen erhalten – und schließlich sein Lebensmittelgeschäft zum Spottpreis abgegeben. Im Nachhinein vermutet er nun, dass S. hinter dem Angriff stecken könnte – ein Einschüchterungsversuch?

Skype-Befragung als juristisches Neuland

Doch auch die Strafkammer selbst sorgt aus juristischer Sicht für eine Überraschung. Denn die Richter wollen auch von der Ex-Freundin wissen, was sich an diesem Tag in Heldenbergen zugetragen hat. Das Problem: Die Frau ist gerade erst Mutter geworden und lebt inzwischen in den Niederlanden, wo die Zahl der Corona-Infektionen inzwischen deutlich angestiegen ist.

Daher verweist der Vorsitzende auf die Strafprozessordnung, nach der Zeugen vor der „Gefahr eines schwerwiegenden Nachteils für ihre Gesundheit“  geschützt werden müssen. Eine Anreise ist nicht zumutbar, auf die Aussage der Frau kann die Kammer aber nicht verzichten. Die pfiffige Lösung: Erstmals wird am Hanauer Landgericht eine Zeugin per Skype-Videokonferenz vernommen. Das ist juristisches Neuland. Die Zeugin bestätigt auf dem Bildschirm den Ablauf des Angriffs.

Der Prozess wird am Mittwoch, 7. Oktober, fortgesetzt.

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